2018-07-24 07:27

Lieber Top-Job statt Top-Lohn

Das Gehalt spielt bei der Berufswahl junger Frauen offenbar kaum eine Rolle. Zu ihrem Nachteil.

Nicht nachvollziehbare Gefälle beim Lohn: Beim Berufseinstieg verdienen Kindergärtnerinnen deutlich weniger als Primarlehrerinnen.

Nicht nachvollziehbare Gefälle beim Lohn: Beim Berufseinstieg verdienen Kindergärtnerinnen deutlich weniger als Primarlehrerinnen.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Es ist ein Experiment im wirklichen Leben. Der Kanton Zürich bietet eine Doppelausbildung an, die zum Unterricht im Kindergarten gleichermassen befähigt wie an der Primarschule. Nach dem Abschluss trennen sich dann die Wege, mit spürbaren Folgen auf dem Lohnkonto: Wer den Kindergarten wählt, verdient massiv weniger als an der Primarschule, nämlich 75'000 Franken Anfangsgehalt im Jahr statt 91'000. Das ist ein nicht nachvollziehbares Gefälle, wie es in der ganzen Schweiz besteht und trotz Protesten der Kindergärtnerinnen vom Bundesgericht für rechtens erklärt wurde.

Und jetzt wird es interessant: Obwohl sie als Primarlehrerinnen 16'000 Franken mehr verdienen würden und dafür auch das richtige Diplom besitzen, wählen drei Viertel der Absolventinnen (fast alle sind Frauen) den Kindergartenberuf. Nur ein Viertel unterrichtet an der Primarschule.

Die jungen Kindergärtnerinnen begründen ihre Berufswahl damit, dass sie es für erfüllender betrachten, mit Vier- bis Sechsjährigen zu arbeiten, bei denen die Entwicklungsschritte besonders gross sind und die Leistungsanforderungen an die Kinder noch nicht so riesig wie in der Schule.

Wer Sinnhaftigkeit über Geld stellt, wird bestraft

Mit anderen Worten: In der Werte-Pyramide der Jungpädagoginnen rangiert die Erfüllung im Beruf weit höher als der Lohn. Die Tätigkeit auszuüben, die ihren Lebenszielen besser entspricht, ist diesen Frauen eine Lohneinbusse von gegen einem Fünftel wert.

Vielleicht ist es falsch, diesen Fall zu verallgemeinern. Schliesslich gab es keine (männliche) Kontrollgruppe. Und Menschen mit pädagogischer Neigung haben möglicherweise grundsätzlich eine weniger materialistische Lebenshaltung.

Aber mit Blick auf die hartnäckig bestehenden Lohnunterschiede zwischen Frau und Mann leuchtet einem eine Erkenntnis unmittelbar ein: Trotz identischen Voraussetzungen wird beim Lohn von Anfang an bestraft, wer in seinem Beruf die Sinnhaftigkeit über das Geld stellt. Und das sind – vermutlich – mehrheitlich Frauen.