2019-01-04 17:51

SBB müssen sich wegen «Pannenzug» erklären

Die SBB können ihren neuen Doppelstockzug nur bedingt einsetzen. Die milliardenteure Anschaffung hat Mängel. Nun wird die Politik aktiv.

Der neue Doppelstockzug der SBB, der «FV-Dosto», wird im Bundeshaus zum Thema.

Der neue Doppelstockzug der SBB, der «FV-Dosto», wird im Bundeshaus zum Thema.

(Bild: Keystone)

Es sollte das neue Prestigegefährt der SBB werden: Ab dem Fahrplanwechsel vom 9. Dezember hätte der Doppelstockzug «FV-Dosto» mit bis zu 1300 Sitzplätzen auf der Paradestrecke zwischen St. Gallen und dem Flughafen Genf verkehren sollen. Doch der Betrieb sei nicht «stabil genug», teilten die SBB am 19. Dezember mit. Sie seien mit der Zuverlässigkeit der Züge nicht zufrieden.

Damit verzögert sich die vollständige Einführung des neuen Zugs weiter. 2010 hatten die SBB für rund 1,9 Milliarden Franken beim Zughersteller Bombardier 59 Doppelstockzüge für den Fernverkehr bestellt – die grösste Rollmaterialbestellung in der Geschichte der Bundesbahnen. Geplanter Start war 2013. Doch Bauprobleme, Lieferverzögerungen und juristische Streitigkeiten zogen den Prozess immer mehr in die Länge.

Aktuell sind nur zwölf Züge in Betrieb. Sie verkehren auf der Strecke zwischen Chur, St. Gallen, Zürich und Basel. Laut den SBB besteht Verbesserungsbedarf bei der Montage und der Inbetriebsetzung der Züge. Auf gewissen Zügen fährt nun ein Techniker von Bombardier mit, damit «im Akutfall möglichst schnell reagiert werden kann». Zudem steht den Lokführern eine Hotline mit Fachleuten zur Verfügung.

Ritters Intervention

Die Schwierigkeiten rufen nun die Politik auf den Plan. Nationalrat Thomas Ammann (CVP) will den «Pannenzug», wie er den «FV-Dosto» nennt, an der nächsten Sitzung der nationalrätlichen Verkehrskommission von Mitte Januar thematisieren. Wie weitreichend sind die technischen Probleme? Wer trägt die Kosten für die mangelhafte Inbetriebnahme des «FV-Dosto», die Zugausfälle, Ersatzzüge und Verspätungen? Haben die SBB genügend informiert? Auf Fragen dieser Art erwartet Ammann von den SBB Antworten.

Dass mit Ammann ein St. Galler Parlamentarier aktiv wird, ist kein Zufall. In der Ostschweiz ist der Ärger über den «FV-Dosto» besonders gross. «So hat man keine Freude mehr am Zugfahren», sagt etwa Ammanns Parteikollege, Nationalrat Markus Ritter (CVP), der von den Störungen mehrmals persönlich betroffen war: Verspätungen, unbestimmte technische Probleme, nicht mehr heizbare Wagen, unruhige Fahrt – Ritters Klageliste ist lang.

Der St. Galler Nationalrat hatte sich im Dezember bei den SBB nicht nur mehrmals über die Zustände im Rheintal beklagt, sondern auch über die seiner Ansicht nach mangelhafte Information der SBB. Dass die SBB am 19. Dezember aufgrund von Ritters Intervention über die Probleme informiert haben, bestreiten sie: Sie hätten einfach noch vor den Festtagen «offen und transparent» über die weiteren Entwicklungen informieren wollen.

Bombardier unter Druck

Wie schnell die Fachleute die Probleme lösen können, ist ­unklar. Laut SBB können die Züge frühestens Mitte Januar die Strecke St. Gallen - Flughafen Genf befahren. Die Komplexität gegenüber älterem Rollmaterial habe massiv zugenommen, so die SBB. Die neuen Züge bestünden nicht mehr nur aus Wagenkasten und Rädern, vielmehr seien sie fahrende Rechenzentren. In der Verantwortung sehen die SBB «ganz klar» Bombardier. Die Herstellerin müsse sicherstellen, «dass die aktuellen Mängel sofort behoben werden».

Wie viel die Misere (mutmasslich) kosten wird, dazu äussern sich die SBB nicht. Zum Inhalt des Werkliefervertrags haben sie und Bombardier Stillschweigen vereinbart. Nur so viel geben die SBB preis: Wie üblich bei solchen Beschaffungen haben sie mit Bombardier für Mehraufwände aufgrund verspäteter Lieferungen Strafzahlungen vereinbart. Bombardier liefert denn auch 62 Züge anstelle der 59 bestellten; drei werden die SBB kostenlos erhalten.