2019-03-14 20:52

Rote Ampeln vor Bern wecken auf dem Land Ängste

Agglomerationsgemeinden verbannen den Stau aus ihren Zentren. Nun könnten sich die Schleichwege der Autopendler in die Dörfer verlagern.

Mit den geplanten Massnahmen sollen die Ortszentren entlastet werden: Kreuzung Worblentalstrasse/Untere Zollgasse beim Bahnhof Ittigen.

Mit den geplanten Massnahmen sollen die Ortszentren entlastet werden: Kreuzung Worblentalstrasse/Untere Zollgasse beim Bahnhof Ittigen.

(Bild: Andreas Blatter)

  • Naomi Jones

    Naomi Jones

Die Stadt wächst. Wenn nicht politisch, so als funktionaler Raum. Der Stadtrand verschiebt sich immer weiter in die Agglomeration: etwa nach Münchenbuchsee oder Ittigen. Darum haben die Agglomerationsgemeinden ähnliche Verkehrsprobleme wie die Kernstadt: zweimal am Tag Stau im Zentrum, Autofahrer, die auf Schleichwegen durch Wohnquartiere fahren, um wenige Minuten zu gewinnen, Lärm und schlechte Luft.

Die Lösung, mit der sie das Problem angehen, ist keine «Weltneuheit», wie Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) am Donnerstag vor den Medien sagte. Clubs, Museen, Metropolen und sogar die Stadt Bern kennen sie schon lange. Sie heisst Dosierung der Besucher beziehungsweise der Autos, ähnlich wie bei der Infusion, dem sogenannten Tropf.

In der Region Bern-Nord werden die Autos ab 2021 in den Spitzenzeiten mit 17 neuen Ampeln am Rand des Siedlungsgebietes gestoppt. Durch den Ortskern darf nur eine bestimmte Menge Autos fahren. Ein zentraler Rechner steuert die Ampeln. Von 12 im Boden eingebauten Zählanlagen erhält er Informationen, wie viele Autos sich im Zentrum befinden. Sind zu viele drinnen, müssen die anderen draussen warten.

«Wenn man wegen des Verkehrs nicht an den Toplagen wohnen kann, haben wir unsere Aufgaben nicht gemacht.»Marco RuppGemeindepräsident Ittigen

Aufgrund von Ortungsdaten errechnet der Computer die voraussichtlichen Reisezeiten zu verschiedenen Zielen. Die Autofahrer erhalten die Information auf Infotafeln an 12 Standorten. Das ist so ähnlich wie auf der Post, wo Kunden eine Nummer ziehen und erfahren, wie lange sie voraussichtlich warten müssen. Auf der Post gibt die Angabe den Wartenden Gelegenheit, in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen. Nicht so auf der Strasse. Die Ampeln sind vor den neuralgischen Stellen so positioniert, dass die Autofahrer nicht kurzfristig in eine Nebenstrasse ausweichen können, um auf Schleichwegen durch das Wohngebiet zu fahren.

Der Bus hat Vortritt

Durch das Tropf-System soll der Verkehr in den Zentren flüssiger, sicherer und erträglicher werden. Wer sich mit dem Fahrzeug im Zentrum bewegt, soll besser durchkommen. Das dient dem Gewerbe. Aber auch dem öffentlichen Verkehr. Busse bleiben nicht mehr im Stau stecken und sind pünktlicher. Letztere werden von den gesteuerten Ampeln erkannt. Sie dürfen die Autokolonnen überholen und durchfahren. Auch für die Velofahrer gilt das Tropf-System nicht. Wie die Busse dürfen sie am Stau vorbei ins Zentrum fahren.

Da nichts gebaut wird, muss das Verkehrsregime keinen politischen Prozess durchlaufen. Der Regierungsrat hat den Kredit bewilligt. Die beteiligten Gemeinden haben ihre Gelder ebenfalls gesprochen. Das sind: Münchenbuchsee, Urtenen-Schönbühl, Moosseedorf, Zollikofen, Ittigen, Bolligen und Bern. 13 Millionen Franken kostet das sogenannte Verkehrsmanagement Region Bern-Nord total. Einen Teil zahlt der Bund. Für den Kanton bleiben Kosten von 7,5 Millionen. Dabei wird es aber nicht bleiben. Bis in fünf Jahren soll rund um Bern ein grossräumiges Dosierungssystem entstehen, etwa in Köniz und im Osten der Stadt. Die Systeme sind mit demjenigen der Stadt kompatibel. Die zentralen Computer können miteinander kommunizieren.

Kein Recht auf freie Fahrt

Ein wesentliches Problem löst der Verkehrs-Tropf allerdings nicht. Der Verkehr nimmt weiterhin zu. Laut einer Studie der Regionalkonferenz Bern Mittelland aus dem Jahr 2012 wird der motorisierte Individualverkehr bis 2030 um rund 25 Prozent, der öffentliche Verkehr gar um 60 Prozent zunehmen. Autopendler, die nicht aus der Agglomeration Bern kommen, werden weiterhin im Stau stehen. Sie werden auf der Landstrasse vor den Toren zur Agglomeration stehen. Es sei zwar eine Tatsache, dass die Menschen immer grössere Distanzen auf dem Arbeitsweg zurücklegten, sagt Regierungsrat Neuhaus dazu. Doch werde der Arbeitsweg durch die Verkehrsdosierung nicht unbedingt schneller. «Wir versprechen keine freie Fahrt für freie Bürger», sagt er.

Die Zentren und die Ortskerne hingegen profitieren. Sie werden attraktiver. Die Lebensqualität steigt. Und genau daran haben auch die Agglomerationsgemeinden ein grosses Interesse, wie Marco Rupp, der Gemeindepräsident von Ittigen, erklärt. Denn wollen die Gemeinden wachsen, müssen sie das gemäss Raumplanungsgesetz nach innen tun. Aber gerade in den Zentren und nahe den Bahnhöfen stockt heute zweimal täglich der Verkehr. «Wenn man deshalb an den Toplagen nicht wohnen kann, haben wir unsere Aufgaben nicht gemacht», sagt Rupp.