2019-02-19 07:08

Der Triumph der Kleinen

Eine grafische Darstellung des Abstimmungsergebnisses zum knapp abgelehnten kantonalen Energiegesetz zeigt: Die Masse der kleineren Gemeinden hat die grösseren Gemeinden überstimmt.

Energetische Sanierungen alter Häuser sind auch in Zukunft freiwillig: Das abgelehnte Energiegesetz wollte dies ändern.

Energetische Sanierungen alter Häuser sind auch in Zukunft freiwillig: Das abgelehnte Energiegesetz wollte dies ändern.

(Bild: Thomas Egli)

  • Rudolf Burger

    Rudolf Burger

Rund 3000 Stimmen sorgten dafür, dass das Energiegesetz am Sonntag vor einer Woche mit einem Nein-Anteil von 50,6 Prozent abgelehnt wurde. Es war, wie sich mit einer Grafik zeigen lässt, einmal mehr eine Abstimmung, in der im Kanton Bern das Land über die Stadt, die kleineren Gemeinden über die grösseren die Oberhand behielten.

Fiasko im Oberland

Wie die Grafik zeigt, stimmten lediglich 50 Gemeinden dem Energiegesetz zu, 288 lehnten es ab, in zwei Gemeinden, Twann-Tüscherz und Tschugg, kamen Befürworter und Gegner auf gleich viele Stimmen. Vernichtend war das Verdikt für das Energiegesetz vor allem im Berner Oberland: In keiner einzigen Gemeinde der vier Verwaltungskreise gab es ein Ja, auch nicht in Thun (Ja-Anteil 48 Prozent) und Steffisburg (41 Prozent), den beiden grösseren Städten. Im Oberland liegen auch drei der vier Gemeinden (Horrenbach-Buchen, Gündlischwand, Oberlangenegg), in denen die Zustimmung nicht einmal 20 Prozent erreichte. Die vierte, Willadingen, gehört zum Emmental.

Auch in den Verwaltungskreisen Emmental und Oberaargau liegt die grosse Mehrheit der Gemeinden deutlich unter der 50-Prozent-Marke, Ausnahmen sind einzig das kleine Rumendingen (51) sowie Trubschachen (50,4), Trub (52), Langnau und Burgdorf (beide 54).

Von den 40 Gemeinden des Berner Juras haben immerhin 12 das Energiegesetz angenommen. Ein besonderes Ergebnis gab es im kleinen Schelten (72 Stimmberechtigte) mit dem Ja-Anteil von 82 Prozent. Schelten hat am Abstimmungswochenende vom 10. Februar auch ein zweites bemerkenswertes Ergebnis geliefert: Als einzige Gemeinde im Kanton resultierte dort beim Polizeigesetz mit 54 Prozent eine Nein-Mehrheit.

Auch in den anderen beiden Verwaltungskreisen im Norden des Kantons, Seeland und Biel, gab es in der grossen Mehrzahl der Gemeinden beim Energiegesetz Nein-Mehrheiten, aber immerhin sorgte der Überschuss in Biel (Ja-Anteil 63 Prozent) für ein positives Ergebnis in diesem Verwaltungskreis.

Mit insgesamt 76 Gemeinden ist der Verwaltungskreis Bern-Mittelland mit Abstand der grösste und bevölkerungsreichste. Auch hier lehnte die Mehrheit der Gemeinden, 52 zu 24, das Energiegesetz ab, aber das Übergewicht der Stadt Bern sorgte insgesamt für einen Ja-Überschuss von 58 Prozent. Von den grösseren Gemeinden in diesem Verwaltungskreis lehnte einzig Belp ab, es resultierte mit 47 Prozent ein Ja-Anteil von unter 50 Prozent.

Je grösser die Gemeinde, desto grösser tendenziell eher der Ja-Anteil zum Energiegesetz. Dieser Befund wird in der Grafik durch die aufsteigende Gerade verdeutlicht und wird auch dadurch bestätigt, dass 14 der 22 grösseren Gemeinden des Kantons – hier definiert als Gemeinden mit über 5000 Stimmberechtigten – über der 50 Prozent-Marke liegen. Ausnahmen sind nur die bereits erwähnten Frutigen, Steffisburg, Belp und Thun sowie Heimberg (Ja-Anteil 38 Prozent), Spiez (44), Langenthal (47) und Lyss (48).

SVP-Parole erfolgreich

Die tendenziell geringen Ja-Anteile zum Energiegesetz in Gemeinden des Oberlands und den anderen ländlichen Gegenden lassen vermuten, dass auch die Nein-Parole der SVP eine grosse Rolle spielte. Tatsächlich besteht zwischen den Stimmenanteilen für die SVP bei den Nationalratswahlen 2015 und den Ja-Anteilen zum Energiegesetz ein umgekehrter Zusammenhang: Je besser die SVP abschnitt, desto geringer die Ja-Anteile zum Energiegesetz. Die Nein-Parole der SVP wurde also gut befolgt.

Im Detail: Zwischen den SVP-Anteilen bei den Nationalratswahlen 2015 und den Ja-Anteilen beim Energiegesetz ergibt sich ein Korrelationskoeffizient von –0.60, was zeigt, dass ein starker negativer Zusammenhang besteht (je höher der SVP-Stimmenanteil, desto tiefer der Ja-Anteil beim Energiegesetz). Zwischen Gemeindegrösse und Ja-Anteil zum Energiegesetz (dargestellt in der Grafik) beträgt der Korrelationskoeffizient +0.34, was auf einen mittelstarken Zusammenhang hinweist.