2019-01-05 00:30

Neue Generation, alte Feindbilder

Junge Russen prägen die Tour de Ski an der Spitze und in der Breite. In der Szene aber misstraut man ihren Leistungen. Und ihre Sprachlosigkeit trägt zum Unbehagen bei.

Trainer Cramer und sein Bester: Sergej Ustjugow. Fotos: PD, Keystone

Trainer Cramer und sein Bester: Sergej Ustjugow. Fotos: PD, Keystone

Markus Cramer ist eigentlich ein diplomatischer Mensch. Der deutsche Trainer der russischen Langläufer versucht meist selbst dann zu lächeln, wenn ihm eine harsche Frage gestellt wird. Seit ein paar Tagen aber mag Cramer nicht mehr lächeln, weil er primär von norwegischen Journalisten ständig mit den gleichen Fragen eingedeckt wird. Wie denn diese Stärke an der Tour de Ski zu erklären sei, gerade im Wissen um den angeschlagenen Ruf des russischen Sports.

In der Tat präsentieren sich die Schützlinge von Cramer und zwei anderen Coaches der grossen russischen Weltcup-Equipe an dieser Tour sehr stark: Mit Sergej Ustjugow (2.) und Alexander Bolschunow (3.) prägen die Russen das Zwischenklassement mit – und dürften in Ustjugow wohl den Gesamtsieger stellen, weil er morgen in der finalen Etappe hinauf zur Alpe Cermis der bessere Kletterer sein sollte als Leader Johannes Klaebo.

Dahinter haben zwei weitere Russen realistische Chancen auf einen Top-5-Platz. Und bei den Frauen sind drei Russinnen in den Top 6 klassiert.

Der Coach der jungen Russen musste einst aussetzen: wegen Dopingfällen.

Coach Cramer hätte also viel Grund zur Zufriedenheit. Bloss piesacken ihn die Fragesteller vor und nach jeder Etappe – auch weil seine Athleten dabei unfreiwillig mithelfen. Ausgerechnet Ustjugow, der stärkste Athlet in Cramers Team, verweigert sich den Journalisten. Er mag die ­Dopingfragen nicht mehr hören. Denn der Mehrfach-Weltmeister und Tour-Gesamtsieger musste die Olympischen Spiele 2018 auslassen, weil ihm das IOK den Start verweigert hatte. Offizieller Grund: Verstrickung in das systematische Dopen um die Heimspiele von 2014.

Dass Ustjugow vom Internationalen Skiverband im Gegensatz zu anderen russischen Langläufern nie von Fis-Wettkämpfen suspendiert wurde, gehört zum mitunter inkonsequenten Behandeln der Russen – und lässt Cramer sagen, dass er die Vorverurteilung seiner Sportler verurteile. Er ist von ihrer lupenreinen Gesinnung überzeugt.

Natürlich überrascht seine Ansicht nicht. Schliesslich steht er auf der Lohnliste des russischen Verbandes. Aber wenn Cramer ins Reden kommt, wird klar: Da spielt einer keine Rolle, sondern glaubt unverrückt, was er sagt: dass es in den Weiten des russischen Sports auch Betrüger gab und gebe, seine Burschen und jungen Frauen aber keinesfalls dazu gehörten.

Der auffällige Entdecker

Cramer betreut zwar die Russen seit vier Wintern, doch er trainiert seine Athleten stets im Ausland, ehe sie regelmässig für kurze Aufenthalte in die Heimat entschwinden. Da wäre also ausreichend Zeit für etwas Nachhilfe. Zumal im russischen Betreuerstab auch zweifelhaftes Personal wirkt.

Der wohl Auffälligste an dieser Tour ist ein stämmiger Mann mit Namen Juri Borodawko. Er ist der Entdecker und Förderer der starken Jungen, allen voran Bolschunow (22), Denis Spitsow (22/Tour-13.) und Natalia Neprejewa (23/2.). Die Russen hielten ihn ab 2010 für zwei Jahre von ihren besten Langläufern fern, weil er «in Doping verstrickt war», wie sein eigener Verband mitteilte. Gleich mehrere von Borodawkos Athleten waren mit positiven Dopingproben durchgefallen, darunter ein Olympiasieger von 2006. Noch an den Spielen 2018 fehlte Borodawko und musste seine Athleten via Telefon coachen. Nun schreit er ihnen an der Tour täglich die Zwischenzeiten zu.

Die ganze Gemengelage bringt die ohnehin geschwätzige Langlauf-Familie noch mehr zum Reden. Mit Namen mag keiner hinstehen, klar aber ist: Mancher Athlet und Funktionär findet diese neue russische Stärke seltsam.

Dass es die Welt-Anti-Doping-Agentur zum Jahresende nicht schaffte, wie abgemacht von den Russen sämtliche Doping-Kontrolldaten der Jahre 2011 bis 2015 zu erhalten, passt zum fehlenden Vertrauen in die Athleten und Betreuer in Rot.

Und weil sich keiner der russischen Topathleten an dieser Tour auch nur halbwegs verständlich in einer Fremdsprache ausdrücken kann, wird Trainer Markus Cramer erst recht zum Übersetzer – auch der russischen Athletenseele. Diese leide ob der steten Verdächtigungen, weiss er.