2019-01-05 08:10

Die ungebrochene Liebe zum Benzin 

Kein Elektro-Boom, keine Würfe: Die Schweizer Verkehrspolitik bleibt stehen.

Die Auto-Schweiz liebt Benzin so innig wie eh und je. Nur zögerlich sattelt eine Minderheit auf Strom um. Bild: Keystone

Die Auto-Schweiz liebt Benzin so innig wie eh und je. Nur zögerlich sattelt eine Minderheit auf Strom um. Bild: Keystone

Vielleicht ist diese Gewissheit noch immer nicht durchgedrungen. Oder sie wird ignoriert oder zumindest nicht ernst genommen. Jedenfalls, im Klimaschutz spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle. Je länger es dauert, bis Politik und Gesellschaft wirksame Gegenmassnahmen ergreifen, desto aufwendiger und teurer wird es tendenziell, die Folgen des Klimawandels zu bewältigen.   

Doch statt das Tempo in der Klimapolitik zu beschleunigen, drückt man hierzulande lieber real aufs Gaspedal, am liebsten in einem PS-starken 4x4-Wagen, wie neue Zahlen der Autobranche zeigen. Jeder zweite Neuwagen in der Schweiz war letztes Jahr ein solches – in der Regel überaus CO2-lastiges – Gefährt, fast 150'000 davon kamen dazu. Demgegenüber kurvten nur etwas mehr als 5000 reine Elektroautos neu auf den Strassen. Die Diskrepanz ist so gewaltig wie beunruhigend: Die Auto-Schweiz liebt Benzin so innig wie eh und je, nur äusserst zögerlich sattelt eine Minderheit auf Strom um.    

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Was sich bewährt hat, gibt man ohne Not in der Regel nicht auf. Dies umso weniger, wenn die Infrastruktur für die Alternative noch nicht bereitsteht. So ist das E-Tankstellen-Netz noch immer löchrig. Und erst recht hält man an etwas fest, wenn die Alternative selber nicht über alle Zweifel erhaben ist. Zwar gelten E-Fahrzeuge bei ihren Promotoren als die einzige mögliche Lösung für eine saubere Mobilität. Doch sind sie eben nur vergleichsweise sauber. Das zeigen Bilanzierungen, die nicht nur die Emissionen im Betrieb messen, sondern die gesamte Umweltbelastung, also auch die Herstellung der E-Auto-Batterien. So gerechnet, belasten E-Autos die Umwelt zwar weniger als Benzin- oder Dieselwagen, aber noch immer beträchtlich, wie der neue Umweltbericht des Bundesrats zeigt.

Auf endloses Wachstum zu setzen, ist ökologisch verheerend.

Das sind unangenehme Fakten. Im schlechtesten Fall dienen sie der fossilen Auto-Schweiz als kraftvolles, wenn auch ökologisch falsches Argument gegen die E-Mobilität. Im besseren Fall aber erweitern sie die Debatte: Klimaschutz im Verkehr hört nicht bei der Antriebsart auf. Jedes Auto braucht Strassen, jede Bahn Schienen. Wie soll die Schweiz auf den stetig wachsenden Verkehr reagieren? Mit dem Bau neuer Infrastruktur, der wiederum Energie und Ressourcen verschlingt und Mehrverkehr generiert? Auf endloses Wachstum zu setzen, ist ökologisch verheerend. Gleichwohl haben die Fachleute im Bundesamt für Strassen (Astra) letztes Jahr vorgeschlagen, zweistöckige Autobahnen zu bauen oder Fahrspuren zu verbreitern.

Ein anderes Projekt mottet derweil im Astra dahin: Mobility-Pricing. Wer viel und auf beliebten Strecken zu attraktiven Zeiten fährt, soll mehr bezahlen – ein Ansatz mit Potenzial, doch bereits als unsoziale Pendlerstrafe verschrien. Die inzwischen zurückgetretene Umweltministerin Leuthard (CVP) hat das Geschäft denn auch als Strafaufgabe verstanden. Es ist nun an ihrer Nachfolgerin Simonetta Sommaruga (SP), die Verkehrspolitik mit intelligenten Vorschlägen voranzubringen. Die Zeit drängt. Der Verkehr ist die grösste Baustelle der Schweizer Klimapolitik.