2013-01-25 08:18

Wie ein zusammengeflickter Zombie

Serie

Zwei Frauen wurden als Kinder jahrelang missbraucht. Nach 14 Jahren gingen sie vor Gericht. Sechs Jahre prozessierten sie und bekamen recht. Trotzdem entkam der Kinderschänder. Der Auftakt zu einer vierteiligen Serie.

Zerstörte Kindheit: Fotoarbeit von Sean O'Carroll zum Thema Kindesmissbrauch.

Zerstörte Kindheit: Fotoarbeit von Sean O'Carroll zum Thema Kindesmissbrauch.

(Bild: Keystone Luis Berg)

Er nannte sie «meine beiden Schlämpli». Sie waren Kindergartenkinder, als es begann. Und es hörte auf, als sie zehn Jahre alt waren. Weitere dreizehn Jahre dauerte es, bis die beiden Frauen, Emily und Yvonne, eine Sprache fanden für das Leid, das Huber ihnen angetan hatte. Er vergewaltigte sie zu Hause, im Büro und im Auto. Er führte ihnen Gegenstände ein – Barbiepuppen, Kugelschreiber, Kreiden. Manchmal steckte er ihnen einen Revolver in den Mund. Nahm sie hinters Haus, gab ihnen bunte Plastikschaufeln – solche, mit denen normale Kinder den Sandkasten umgraben –, befahl, zwei Gräber zu schaufeln, zeigte ihnen Fotos verkohlter Leichen. Emily, seine Tochter, kannte das schon. Yvonne fürchtete sich zu Tode. So werde er die Mutter, die Schwester, den Hund umbringen, wenn Yvonne ihrem Vater etwas sage. Manchmal nahm Yvonne Watte mit oder ein frisches Unterhöschen, damit zu Hause niemand etwas merkte. Denn das durfte niemand wissen. Was würden die Eltern denken, dass sie so eine ist? Das hatte er ihr eingeschärft. Ohnehin redete man bei Yvonne zu Hause nicht über solche Sachen.

Ohnmacht der Opfer

Heute ist Yvonne 29 Jahre alt, Webdesignerin mit Auszeichnung. Wenn sie erzählt, zupft sie an ihren Kleidern, der Körper voller Spannung. Oft blickt sie weg, in die Ecke. Aber die Stimme bleibt klar und fest. «Ich wäre gerne stärker», sagt sie. An der Tür ihrer Wohnung steht nur ein Vorname, kein Nachname. Sie will nicht, dass er sie findet. Sollte sie jemals etwas sagen, drohte Huber damals, werde er sie finden. Auch in dreissig Jahren. Sie hat Angst, immer noch. Zuletzt gesehen hat sie ihn vor Gericht, vor etwas mehr als einem Jahr. Das Kantonsgericht in der Ostschweiz hatte ihn zum zweiten Mal wegen Vergewaltigung, mehrfacher qualifizierter Vergewaltigung, Inzest, mehrfacher sexueller Nötigung und mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Nur hat der Täter seine Strafe nicht angetreten. Er ist verschwunden.

Es ist dies eine Geschichte, die von der Ohnmacht der Opfer sexueller Gewalt berichtet und der Ohnmacht der Justiz vor ihren eigenen Ansprüchen. Eine Leidensgeschichte, die vor 24 Jahren ihren Anfang nahm und in einen Prozess mündete, der sich fast sechs Jahre hinzog und drei verschiedene Gerichte beschäftigte, zwei Anwältinnen und einen Pflichtverteidiger, Gutachter und Beamte der Opferhilfe, Polizisten, Psychiater und Therapeutinnen. Es ist aber auch eine Geschichte, die zeigt, dass es richtig war, Sexualdelikte an Kindern unverjährbar zu machen – auch wenn es die Justiz vor grosse Herausforderungen stellt, im Kindesalter erfahrenes Unrecht zu sühnen. Die Akten dazu füllen einen grossen Karton, Yvonne nennt ihn die Erinnerungsbox.

Eine Hassliebe

Für Yvonne begann alles im Jahr 1988. Damals zog Huber mit seiner Frau, Emily und einer zweiten Tochter ins Dorf. 500 Seelen, beschauliche Häuser, am Dorfrand Neubauten, herrliche Bergkulisse. Yvonne lernte Emily im Kindergarten kennen, ein wildes Kind, etwas verwahrlost auch. Emily sei asozial, sagten Yvonnes Eltern. Für Yvonne war sie etwas Besonderes, auch wenn die anderen Kinder das wilde Mädchen mieden. Emily wurde Yvonnes Freundin. Oft hatte sie blaue Flecken, benutzte vulgäre Wörter. Und immer wieder berichtete sie, wie sie mit dem Vater Spagat üben musste, bis es blutete. Mit den Puppen spielte sie Vergewaltigung. Manchmal ging Emily auf Yvonne los. Es war eine Hassliebe. Aber Yvonne war auch fasziniert. Oft hatte Emily sturmfrei, dann schauten sich die beiden Mädchen Disneys gesammelte Werke an. Emilys Vater war manchmal auch da. Gross, ein Berg von einem Mann. Sehr nett, fürsorglich, er spielte mit den Mädchen, erzählte ihnen Geschichten, suchte ihre Nähe. Aber eines Tages bekam er diesen irren Blick. Er holte Yvonne zu sich ins Büro: ein Bett, ein Tisch, ein Bildschirm. Emily wusste schon, was kommen würde, und verschwand. Yvonne ist allein mit Emilys Vater. Er packt sein Geschlechtsteil aus. Er fasst Yvonne an. Sie will gehen, aber er lässt sie nicht. Dann vergewaltigt er sie.

Der Vorfall im Keller

Fünf Jahre lang, immer wieder. Bis zu jenem Vorfall im Frühjahr 1993. Emily und Yvonne werden vor Gericht aussagen, wie Huber sie zusammen mit zwei anderen Männern in einen Keller führte und sie an Matratzen kettete. Dann stellte er sie den beiden zur Verfügung, der eine ein Bodybuildertyp, der andere ein Dünner mit Kropf. Huber selber schaute zu. Die Männer amüsierten sich über die Angst in den Augen der Kinder. «Die sind ja noch nicht richtig eingeritten», sagten sie. So steht es in den Akten der Erinnerungsbox, die Yvonne nur dann öffnet, wenn sie muss. Sie hofft immer noch, dass Huber seine Strafe bekommt.

Yvonne hat einen Job, eine Partnerschaft, Zukunftspläne. Sie schafft es, ohne Medikamente und Psychopharmaka zu leben. Trotz der Depressionen, der Panikattacken, der dissoziativen Zustände. «Ich fühle mich wie ein zusammengeflickter Zombie», sagt sie. Yvonne hat aber auch eine Wut. Eine riesige Wut. Sechs Jahre hat sie gegen den Täter prozessiert und in allen Instanzen gewonnen. Sechs Jahre lang besuchte sie jede Einvernahme, Anhörung, liess gerichtsmedizinische Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen. Sie bekam recht – vor dem Bezirksgericht, dem Kantonsgericht, dem Bundesgericht. Trotzdem sitzt sie heute im Dunkeln in ihrer Wohnung und hat Angst, weil sie nicht weiss, wo Huber ist. Wie konnte das nur passieren?

Lesen Sie morgen: Ein extrem anspruchsvoller Fall – wie die beiden Frauen nach vierzehn Jahren den Mut finden, gegen Huber vorzugehen.

DerBund.ch/Newsnet