2016-03-24 11:34

«Puppen beherrschen die ganz grossen Gefühle»

Theatermacher Philippe Nauer über die 41-Stunden-Fahrt nach Damaskus und die Vorteile von Puppen gegenüber echten Schauspielern.

Puppentheater als Stilmittel im Stück «41 Stunden».

Puppentheater als Stilmittel im Stück «41 Stunden».

(Bild: Printscreen Youtube)

  • Maximilian Pahl

Herr Nauer, was passiert in «41 Stunden»?
Angeblich kommt man in dieser Zeit mit dem Auto von Bern nach Damaskus. Das behauptet zumindest jeder beliebige Routenplaner.

Dorthin sind Sie mit Ihren Ko-Theatermachern gereist, um mit dem syrischen Autor Mudar al-Haggi Ihr neues Stück zu erarbeiten.
Na ja, wir trafen ihn in Beirut, wo er zu der Zeit lebte. Das Schlachthaus-Theater hatte den Austausch angeregt und wir hatten uns sofort angefreundet. Er wird via Skype auch am Stück «41 Stunden» teilnehmen. Und als Puppe.

Dennoch ist es kein Puppentheater.
Reines Puppentheater haben wir noch nicht gemacht. Aber wir mögen das Stilmittel, weil es uns vieles ermöglicht.

Was?
Puppen beherrschen zum Beispiel das Fliegen, Slow Motion und die ganz grossen Gefühle. Bei echten Schauspielern wirkt das ja schnell peinlich oder überrissen. Aber eine Puppe aus unserem vorletzten Stück zum Beispiel, der 2-Meter-Wolfgang, ein Säufer und Vergewaltiger, weinte über seine tote Katze. Was wir eher ironisch meinten, nahmen die Leute ernst, sie waren sehr betroffen. Diese Emotion kauft man nur einer Puppe ab.

Laut Programmheft können Sie dem Thema, dem syrischen Bürgerkrieg, gar nicht gerecht werden. Haben Sie sich darum für den Einsatz der Puppen entschieden?
Es geht nicht um das Land oder um den Krieg als solchen, sondern um unseren unbeholfenen Versuch, ihn zu thematisieren. Auf die Gefahr hin zu scheitern. Es geht um unser schlechtes Gewissen, das unseren Umgang mit den Betroffenen lähmt.

Andernorts wird eher auf Einfühl-Theater gesetzt und das Publikum selbst zu Flüchtlingen gemacht.
Um ein syrisches Drama anzukündigen und zu liefern, müssten wir besser Bescheid wissen. Stattdessen wählen wir die Selbst-Persiflage. Wir haben es nun mal nicht erlebt, was in Syrien passiert, und können es uns in der vom Krieg verschont gebliebenen Schweiz besonders schwer vorstellen. Mit welchen befangenen und stereotypen Vorstellungen wir Mudar begegnet sind, war uns peinlich. Und ihm ging es ähnlich. Wir zeigten ihm Videos, von denen wir annahmen, sie kämen aus Syrien. Er musste nur lachen und hat uns korrigiert. Nach zwei Jahren Zusammenarbeit treten wir immer noch in Fettnäpfe.

Welche Kontaktflächen haben sich ergeben?
Wir sind in sehr vielen Belangen der gleichen Meinung. Die Vorstellung von Fremdheit kann nur durch Kontakt abgebaut werden. Betroffene kennen zu lernen, ist wohltuend und befreit von der Angst, mit der heute überall operiert wird. Wir merkten, wie ähnlich wir einander alle sind, nicht zuletzt im gemeinsamen Humor. Es gibt auch syrische Video-Reaktionen auf den Bürgerkrieg, die humorvoll sind.

Birgt Ihr Vorhaben ebenso viel Potenzial an Absurdität wie ein eskalierender Krieg?
Humor ist ein Therapeutikum, um schwierige Situationen auszuhalten. Das Scheitern ist ein Grundmechanismus der Komik. In die Wand laufen. Oder, in Becketts Worten, «bis zum Äussersten gehen, dann wird Lachen entstehen». So können wir uns selbst demaskieren.

Der Bund

Philippe Nauer.
Philippe Nauer.(Bild: zvg)

41 Stunden