2019-06-13 06:53

Signore Felices magische Kopfbedeckung

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury über die Wirkung von Kopfbedeckungen.

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  • Alexander Sury

Er war der freundlichste Mensch in unserem Quartier. Vor allen zog er den Hut, auch vor uns Kindern. Immer korrekt angezogen mit Anzug und Krawatte, hatte der glückliche Herr Felice für alle ein Lächeln übrig. Wenn er uns begegnete, ging der rechte Arm zum Hut und lupfte die Kopfbedeckung unter Andeutung einer Verbeugung schwungvoll in die Höhe. In diesem Moment wurde seine glänzende, wie poliert wirkende Glatze kurz sichtbar, ehe sich der schmalkrempige hellbraune Hut, der im Sonnenlicht matt schimmerte, wieder senkte.

Wir Kinder waren überzeugt, dass der glückliche Signor Felice das Vorbild war für den schwarzen Mann, den wir auf Schildern sahen bei Unterführungen und Fusswegen, manchmal mit einem Kind an der Hand. Den schwarzen Mann mit Hut gibt es immer noch auf den Piktogrammen, hartnäckig hält er sich im Strassenbild – obwohl die Zeiten spätestens seit den 1960er-Jahren endgültig vorbei sind, als der Hut noch allgegenwärtig war.

Wir sprechen hier jetzt nicht von den saisonal modischen Kopfbedeckungen, die vor allem im Sommer zu sehen sind: Monster-Strohhüte oder Bucket Hats. Sie prägen dann den kurzlebigen Look eines Sommers. Ansonsten sind wir heute nahezu obdachlos, was die Kopfbedeckung anbelangt. Aber da sind eben die Piktogramme, da hält sich der Hut für den Mann hartnäckig, da wird irgendwie die Nostalgie der Nierentischchenära zelebriert, eine heile Welt, in der die Damen – auch unverändert auf den Piktogrammen zu sehen mit Kindern an der Hand – noch aufgebauschte Röcke trugen. Die Modernisierung bzw. Internationalisierung von Piktogrammen hat allerdings auch ihre Tücken, wie ein Blick nach Japan zeigt.

Dort wurden im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio eine Reihe von Piktogrammen erneuert, um ausländischen Besuchern die Orientierung zu vereinfachen. Viele Japaner haben allerdings verärgert reagiert, weil die Behörden auch das traditionelle Piktogramm für heisse Quellen oder Onsen-Bäder anpassten. Bis anhin waren diese Bäder mit einem Kreis ausgewiesen worden, aus dem drei gewellte Linien aufsteigenden heissen Dampf anzeigen. Nach der internationalen Norm werden Onsen-Bäder indes mit einem Kreis angezeigt, in dem drei Personen – ohne Hut, notabene – baden und drei Linien heissen Dampf anzeigen.

Eine Umfrage förderte zutage, dass viele Japaner das traditionelle Symbol und ausländische Touristen das internationale Piktogramm besser verstanden. Das traditionelle Symbol erinnerte manche Touristen an eine Tasse Kaffee, derweil zahlreiche Einheimische beim Anblick des neuen Piktogramms von kannibalischen Assoziationen heimgesucht wurden und an Menschen dachten, die in einer Nudelsuppe gegart werden.

Zurück zur Kopfbedeckung: Wer heute als Mann einen Hut trägt, gibt ein Statement ab. Er widersetzt sich mutig dem Mode-Mainstream. Der Hut ist dabei so auffällig, dass er problemlos zur Marke werden kann wie etwa bei Udo Lindenberg – oder eben beim sanftmütigen Signore Felice, der als behüteter Mann von zeitloser Eleganz in Piktogrammen des Strassenverkehrs weiterlebt.