2019-05-15 18:17

Historisch, aber nicht museal

Zum Abschluss des Berner Jazzfestivals nähern sich der Posaunist Delfeayo Marsalis und sein Quintett der Tradition auf undogmatische Art und Weise.

Was für ein ausgezeichneter Musiker Delfeayo ist, lässt sich am diesjährigen Berner Jazzfestivals live erleben. Der Posaunist gastiert an der Spitze eines potenten Quintetts in Marians’ Jazzroom.

Was für ein ausgezeichneter Musiker Delfeayo ist, lässt sich am diesjährigen Berner Jazzfestivals live erleben. Der Posaunist gastiert an der Spitze eines potenten Quintetts in Marians’ Jazzroom.

(Bild: Delfeayo Marsalis)

  • Georg Modestin

Branford, Wynton, Delfeayo und Jason. Der Jazzaficionado weiss, dass es sich um die vier musizierenden Marsalis-Brüder handelt (insgesamt sind es sechs), Söhne des Pianisten und Musikpädagogen Ellis Marsalis aus New Orleans. Zwei davon, der Saxofonist Branford und der Trompeter Wynton, gehören zu den absoluten Stars der Jazzszene, während die beiden anderen, der 1965 geborene Posaunist und Produzent Delfeayo und der Schlagzeuger Jason, stets ein bisschen im Schatten der älteren Brüder gestanden sind.

Illustre Unbekannte

Was für ein ausgezeichneter Musiker Delfeayo ist, lässt sich in der Abschlusswoche des diesjährigen Berner Jazzfestivals live erleben, in welcher der Posaunist an der Spitze eines potenten Quintetts in Marians’ Jazzroom gastiert. Die vier jungen Musiker, die Marsalis mitgebracht hat, sind in unseren Breiten allesamt illustre Unbekannte, der Saxofonist Khari Allen Lee, der Pianist Kyle Roussel, der Bassist David Pulphus und der Schlagzeuger Willie Green. Dabei sind sie technisch mit allen Wassern gewaschen und hervorragend eingespielt, ein Sinnbild für die Menge an hervorragenden Jazzern, die in den Vereinigten Staaten nach wie vor heranwachsen. Die musikalische Vielseitigkeit von Marsalis’ «Zöglingen» steht derjenigen des Leaders in nichts nach, sodass die Band mühelos zwischen den Stilrichtungen changiert.

Der Auftakt erfolgt mit dem altehrwürdigen «Tin Roof Blues», der auf die New Orleans Rhythm Kings zurückgeht, die ihn 1923 erstmals eingespielt haben, und der heute üblicherweise mit Dixieland-Bands assoziiert wird. Obgleich die Themenvorstellung vergleichsweise konservativ ist – ein Grundzug des in Bern aufspielenden Marsalis-Quintetts –, wirkt das Stück alles andere als museal: Die Band präsentiert sich zwar mit einem historischen Repertoire – es werden beispielsweise «Autumn Leaves» und «Summertime» angespielt sowie Ellingtons «I Don’t Mean A Thing…» –, die Ausführung dieses Repertoires geschieht aber im Bewusstsein all der Spielweisen, die den Jazz im Laufe seiner Geschichte geprägt haben, sei es der Bop, der Souljazz, der Funk oder der Freejazz.

Zwischen den Zeiten

So beginnt Khari Allen Lees Interpretation von George Gershwins «Summertime» mit einem Wink in Richtung von Sidney Bechet: Lee wechselt zum Sopransax und damit zu dem Instrument, das Bechet bei seiner klassischen Aufnahme im Jahr 1939 benutzt hat. Der folgenden Improvisation hat aber unüberhörbar John Coltrane Pate gestanden. Das Hin-und-Zurück zwischen den Spielweisen und Zeiten hat nichts Aufgesetztes, vielmehr zeugt es von einer lebendigen Traditionspflege, die sich der Gegenwart gegenüber nicht verschliesst.

Weitere Konzerte bis 18. Mai in Marians’ Jazzroom