2019-01-29 06:42

Griff in den Klangmalkasten

Mit Franz Schuberts «Fierabras» präsentiert Konzert Theater Bern eine Oper mit farbenreicher Musik und holzschnittartiger Inszenierung.

Wie ein gigantisches Rundlochblech: Das Bühnenbild von «Fierabras» ermöglicht faszinierende Perspektiven.

Wie ein gigantisches Rundlochblech: Das Bühnenbild von «Fierabras» ermöglicht faszinierende Perspektiven.

(Bild: Tanja Dorendorf)

  • Daniel Allenbach

Franz Schuberts Lieder und insbesondere seine Liederzyklen werden oft als Opern im Kleinen gedeutet. In der Tat ist darin an Gefühl und Dramatik vieles von dem angelegt, was auf der Bühne vonnöten ist. Gleichzeitig aber stehen Schuberts tatsächliche Musiktheaterwerke nur sehr selten auf dem Spielplan, sie gelten weithin als undramatisch.

Nun, dieser Vorbehalt mag aus musikalischer Sicht insofern zutreffen, als dass auch der am Sonntag von Konzert Theater Bern zur Premiere gebrachte «Fierabras» durchaus seine Längen hat. Neben gewissen Banalitäten und teilweise wilder Mittelalterromantik steckt in diesem Werk aber gleichzeitig eine Fülle von berührenden Gefühlen, kraftvollen Chorszenen und musikalischen Kleinodien.

Gespür für Stimmungen

Die wahre Entdeckung sind allerdings weniger die liedhaften Melodien, für die Schubert bekannt ist, sondern das, was im Graben abläuft. Der Komponist bedient sich mit beiden Händen im Malkasten des Orchesters und mischt die Farben der einzelnen Instrumente mit viel Gespür für Stimmungen. Dabei bietet die Partitur viele Kontraste, die von Mario Venzago und dem Berner Symphonieorchester effektvoll ausmusiziert werden: mal warme, mal scharfe Blechbläsereinwürfe, zarte und verspielte Holzbläserkantilenen, pompöse Tutti und dann wieder zartes Streichquartettspiel. Venzago sorgt dabei selbst in den Melodramstellen mit ihren akustisch heiklen Untermalungen des gesprochenen Textes für Verständlichkeit und gestaltet mit zahllosen Nuancen ein differenziertes Klanggemälde.

Kraftvolle Chorszenen

Bei einem der Höhepunkte allerdings schweigt das Orchester: Im feindlichen Kerker bedauert die Ritterrunde ihre verlorene Heimat und gibt diesem Gefühl in einem sehnsuchtsvollen A-cappella-Männerchor Ausdruck. Sowieso ist das Werk voll von beeindruckenden Chorszenen, wobei der Chor von Konzert Theater Bern (Einstudierung Zsolt Czetner) diese Aufgaben als Hofdamen, Ritter und Kämpen mit viel Strahlkraft und Klangsinn bewältigt.

Regisseur Elmar Goerden versucht gar nicht erst, die einigermassen schwierige Handlung zu aktualisieren

Dass gerade diese Szenen ziemlich statisch daherkommen, liegt wiederum am Regiekonzept von Elmar Goerden, der gar nicht erst versucht, die einigermassen schwierig zu nennende Handlung zu aktualisieren oder die Brüche des Werks zu übertünchen (siehe «Berner Woche» vom 24.1.). Stattdessen verfremdet er sie zu einem Bilderbogen mit teilweise parodistischem Charakter. So sorgt etwa das wunderbar ästhetische Bühnenbild (Silvia Merlo, Ulf Stengl) für faszinierende Perspektiven, gleichzeitig erschliessen sich Sinn und vor allem die Verwandlungsfreude dieser an gigantische Rundlochbleche erinnernden Bühnenelemente nicht wirklich.

Holzschnittartig werden zudem die Personen gezeichnet, etwa die zwei tattrigen Despoten (Kai Wegner und Young Kwon, beide mit mächtigem Bass), die man lieber nicht als Herrscher über sich haben möchte und bei denen der weite Mantel des Ersteren manch Unschönes zu verdecken scheint.

Klischierter Künstler

Reine Karikatur ist auch der Troubadour Eginhard (stimmlich wunderbar lyrisch: Uwe Stickert), der allein durch seine Kleidung mit Fliege und kariertem Anzug (Kostüme: Lydia Kirchleitner) aus den übrigen Anwesenden heraussticht. Dazu führt er zu den unpassendsten Gelegenheiten – etwa im Krieg – seinen unhandlichen Harfen-Transportkoffer mit sich und kommt auch sonst ziemlich linkisch daher. Als klischiert emotionaler Künstler zückt er denn auch bei der Vereinigung des Liebespaars Florinda (Evgenia Grekova) und Roland (Todd Boyce) flugs ein Taschentuch, um sich die vor Rührung feuchten Augen zu putzen und sich ausgiebig zu schneuzen.

Happy End mit Galgenstrick

Ziemlich flatterhaft wirkt derweil trotz ihres heiligenscheinartigen Kopfputzes die Königstochter Emma (Elissa Huber), die nicht den standesgemässen fremden Helden Fierabras, sondern den leidenschaftlichen Künstler Eginhard liebt. Die Titelfigur – von Schubert ­übrigens etymologisch «falsch» als Fierrabras geschrieben – bleibt gegenüber diesen Knallchargen relativ blass, gleichzeitig aber auch fast schon wohltuend normal.

Ensemblemitglied Andries Cloete ist es, der als anfänglicher Gefangener und trotz Verzicht auf eigenes Liebesglück am Ende die ganzen Verhältnisse zurechtrückt. So sorgt er dafür, dass Friede einkehrt, die übrigen Liebespaare zusammenfinden und mit Roland zudem ein hoffentlich würdigerer König die Krone trägt. Eine Art Happy End also – und doch szenisch mit einem Galgenstrick in Fierabras’ Händen ein mehr als nur zwiespältiges Ende dieses lieder- und bilderreichen Opernabends.

Weitere Aufführungen bis 11. Juni.www.konzerttheaterbern.ch