2018-09-27 09:06

Er rückt die Oper ins rechte Licht

Seit 2012 ist der Franzose Franck Evin künstlerischer Leiter der Beleuchtung am Zürcher Opernhaus. Dabei hätte er eigentlich Pianist werden wollen.

Redet unverblümt und tüftelt leidenschaftlich: Franck Evin, künstlerischer Leiter der Beleuchtung, im Schaltwerk des Zürcher Opernhauses. Foto: Urs Jaudas

Redet unverblümt und tüftelt leidenschaftlich: Franck Evin, künstlerischer Leiter der Beleuchtung, im Schaltwerk des Zürcher Opernhauses. Foto: Urs Jaudas

«Übergang von Stimmung 321 zu 322, dreissig Sekunden,» sagt Franck Evin hinter dem Mischpult im Zuschauerraum des Opernhauses – und auf der Bühne verwandelt sich das Gesicht einer jungen Frau in einen Totenkopf. Ohne Schminke, ohne Tricks, allein durch die Beleuchtung, die ihre Augen zu Schatten werden lässt. Musik gibts keine, die Frau ist auch keine Sängerin, sondern eine Beleuchtungsstatistin. An ihr testet man, wie es am 23. September aussehen soll: Dann wird Franz Schrekers «Die Gezeichneten» die Saison im Zürcher Opernhaus eröffnen.

Inszeniert wird das Stück von Barrie Kosky, der bei dieser Beleuchtungsprobe neben Evin sitzt. Die beiden kennen sich schon lange, viele Worte brauchen sie nicht. Und wenn, dann sind es Zahlen: Stimmungsbezeichnungen eben, aber auch Scheinwerfernummern, Helligkeitsstufen, Farbanteile. Mit der heutigen Computertechnik könne man alles machen, hatte Evin vor der Probe gesagt, «jeder Scheinwerfer hat Tausende von Farbnuancen». Die richtigen zu finden, ist eine komplizierte Angelegenheit. Und wenn dann die Sänger auf der Bühne stehen, geht es noch einmal von vorne los: «Wenn einer zum Beispiel einen anderen Hauttyp hat als der Beleuchtungsstatist, passt man das an.»

Als Evin begann, war das Licht noch Handarbeit. Ein paar Scheinwerfer, ein paar Filter, mehr war da nicht; und was man damit anstellte, machten in der Regel die Bühnenbildner mit den Elektrikern der Lichtabteilung aus. Lichtdesigner war kein Berufsziel, das man als 1960 geborener Arztsohn in einem französischen Dorf entwickelt hätte. Arzt werden, wie es seinen Eltern vorschwebte, wollte Evin aber auch nicht – sondern Pianist.

«Die Leute haben gesagt: Der Junge will was. Das war meine Chance.»

Es hat nicht geklappt. Als «Sohn aus guter Familie» hatte er zwar früh mit Klavierstunden begonnen, beim Lehrer im Dorf, «das war nicht so prickelnd». Viel zu spät sei er dann für ein Studium nach Paris gegangen. Dort hat er jeweils im Café Théâtre Le Connetable Chansonsänger begleitet – und bald einmal angefangen, die Beleuchtung zu verbessern. Dem Publikum hat das gefallen. Und Evin hatte seine Berufung gefunden.

Oder fast: Die Oper war damals noch kein Thema. Sie wurde es erst, als er mit zwanzig im Fernsehen eine «Tosca» sah, mit Placido Domingo: «Da wusste ich: Genau das will ich machen.» Er startete als Hospitant am Theater von Lyon, «mit einem Beleuchtungschef kurz vor der Pensionierung, der überhaupt keine Lust mehr hatte». Nach drei Wochen hat Evin ihm mitgeteilt, er könne ruhig zu Hause bleiben, er kümmere sich um alles. Und tat das auch, sechs Monate lang, oft sechzehn Stunden am Tag, ohne Bezahlung. «Die Leute haben gesagt: Der Junge will was. Das war meine Chance.»

Auch die musikalische Erfahrung hat geholfen, «damit habe ich kompensiert, dass ich keine technische Ausbildung hatte». Evin sprach dieselbe Sprache wie die Regisseure, die den Beleuchtern oft nicht vermitteln konnten, was sie sich vorstellten. Er sah und sieht sich bis heute als Schaltstelle zwischen Kunst und Technik; und klar, wenn Stimmung321 zu Stimmung322 wechselt, dann hat er im Kopf, wie es dazu klingen wird: «Das ist ja das Schöne in der Oper, dass man mit dem Licht nach der Musik gehen kann.»

Mit 33 die Meisterprüfung

Evin kann das wie wenige andere, das haben die Regisseure früh gemerkt. Robert Wilson zum Beispiel, der den Franzosen nach seiner Lyoner Hospitanz engagiert hat: Ein steiler Start, schliesslich bestehen Wilsons Inszenierungen wesentlich aus Licht. Danach arbeitete Evin in Düsseldorf oft mit dem Film- und Opernregisseur Werner Schroeter zusammen und machte sich auch sonst an verschiedenen Bühnen einen Namen. Mit 33 legte er doch noch eine Meisterprüfung ab und ging nach Berlin, wo er Chefbeleuchter an Harry Kupfers Komischer Oper wurde. Kupfers Nachfolger war dann Andreas Homoki, «und das hat gleich gestimmt».

Auch der gemeinsame Wechsel nach Zürich hat gestimmt, «17 Jahre Berlin waren genug». Anstrengend sei es gewesen, ein ständiger Kampf mit den Sparpolitikern, die das kleinste der drei Berliner Opernhäuser immer wieder mit Schliessungsideen plagten. In Zürich ist das Opernleben ruhiger und die Ausstattung «die beste, die man haben kann». Kämpfe gibt es allerdings auch hier: mit Bühnenbildnern, die bei ihren Plänen nicht an die Beleuchtung denken. Oder mit Regisseuren, die Dinge wollen, die Evin nicht will. Ein, zwei Mal sei es vorgekommen, dass er deshalb seinen Namen aus einer Produktion zurückgezogen habe, sagt er, «ich verrate aber nicht, bei welchen Aufführungen das war». Dann sagt er es trotzdem, «aber bitte nicht schreiben». Er redet nun mal gern unverblümt.

Was es ist, das ihn auf die Palme bringt, darf man aber schon erwähnen: «Als ich anfing, war im Theater alles Spot-Spot-Spot – das gefiel mir überhaupt nicht.» Er bevorzugt klare Bilder; meist arbeitet er mit wenigen Lichtquellen, oft auch nur mit einer. Einiges hat er sich von Filmen abgeschaut, auch die Malerei ist eine wichtige Inspirationsquelle. Evin hat viel Zeit in Museen verbracht, hat geschaut, woher das Licht auf den Gemälden kam, wie es wirkte.

«Remmidemmi» machen

Auf der Opernbühne war man seinen Stil zunächst nicht gewohnt, und er hat das zweifellos genossen. Er habe schon «Remmidemmi» machen wollen, sagt er und grinst. Bis heute mag er grosse, emotionale Effekte: «Ich bin nicht so der fürs Subtile.» Nur das Feintuning ist dann sehr subtil, bis zur Generalprobe. Danach sind alle Stimmungen gespeichert, ein Lichtinspizient wird sie während der Aufführungen nach der Partitur steuern.

In dem Moment tritt Franck Evin jeweils ab. Bei der Premiere ist er nicht dabei, die Nervosität wäre zu gross. Auch spätere Aufführungen sieht er sich nur selten an, «ich muss das nicht, das ist mein Privileg». Denn sobald er nicht mehr eingreifen könne, sei der Spass vorbei.

Vielleicht ist es ja nicht zuletzt das, was seine Kunst auszeichnet: dass sie ihm Spass macht. Dass er nicht nur kompetent, sondern leidenschaftlich gerne tüftelt. Und sich dann diebisch freut, wenn der Totenkopf-Effekt so richtig gruselig gelingt.

Premiere von Franz Schrekers «Die Gezeichneten»: Sonntag, 23. September, 19 Uhr.