2018-12-11 09:49

Kannibalen unter sich

Das Zürcher Opernhaus kann auch Musical: Das zeigt eine rabenschwarze, wunderbar skurrile und einhellig bejubelte Aufführung von Stephen Sondheims Kultstück «Sweeney Todd».

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Die englische Küche mag berüchtigt sein – aber die schlechtesten Pasteten von London, die gibts bei Mrs. Lovett. Sie singt es selber, während sie Teigklumpen platt haut und Ratten jagt. Die Tierchen sind ihr durchaus willkommen, Fleisch ist teuer, und Katzen hats ja fast keine mehr in der Nachbarschaft.

Denn sie ist schon lange im Geschäft, diese Mrs. Lovett. 1970 wurde sie erfunden, von Christopher Bond, der das Theaterstück «Sweeney Todd» schrieb; neun Jahre später verwandelte Stephen Sondheim sie in eine Musicalfigur. Richtig berühmt wurde sie 2007, als sie ihre Pas­teten in Tim Burtons Musicalfilm besang.

Auch Opernhaus-Intendant Andreas Homoki, der die Zürcher Aufführung inszeniert hat, kennt den Film, zweifellos: Zwar jagt Mrs. Lovett dort nicht Ratten, sondern Insekten (die man auf der Bühne nicht sähe). Aber die irre Geschäftigkeit der Bäckerin, das fahle Licht, das alle Farben ins Schwarzweiss zurückdämmt, die gruselige Heimeligkeit dieser Backstube: Das erinnert sehr an Burton.

Homoki macht damit rasch und raffiniert klar, dass er sich nicht vor dem Film fürchtet. Er zitiert ihn ab und zu – und setzt ansonsten auf die ureigenen Mittel des Theaters. Als Ausstatter hat er sich Michael Levine geholt, und das war eine gute Idee. Schon im gemeinsamen «Wozzeck» haben die beiden gezeigt, was man aus einer klugen Bühnengestaltung herausholen kann; wie dort spielen sie auch hier mit Elementen des Puppentheaters. Und mit ganz wenigem sonst: Drei Ebenen und ein schwarzer Vorhang, ein Tisch und ein Friseurstuhl, hinreissend verbrauchte Kostüme und ein Rahmen von Lämpchen reichen aus, um eine makabre Welt auf die Bühne zu zaubern.

Blut statt Schmalz

Musical? Und makaber? Tat­sächlich: Stephen Sondheim hat die Regeln des Genres mit viel schwarzem Humor gebrochen. Nicht Schmalz liefert das Schmiermittel, sondern Blut (das Andreas Homoki weit sparsamer dosiert als Burton). Statt Terzenseligkeit gibts schneidende Sekund- und Septimparallelen. Der Chor tanzt nicht, sondern be­gleitet die Story in schönster Moritatenmanier. Und der Barbier Sweeney Todd, der nun in Mrs. Lovett Backstube auftaucht, wird bald für reichlich Fleischnachschub sorgen.

Sweeney Todd: Das ist der Bassbariton Bryn Terfel, der sich diese Aufführung gewünscht hat. Er hat die Rolle schon mehrfach gesungen, und das intime Zürcher Opernhaus schien ihm gerade richtig dafür. Denn die Verzweiflung dieser Figur, ihr Hass auf die Welt und ihr Hunger nach Rache muss den Raum bis in die hinterste Ritze füllen. Für fünfzehn Jahre war Sweeney Todd verbannt worden vom Richter Turpin, der ein Auge auf seine Frau geworfen hatte. Er hat sie dann vergewaltigt, bis sie Gift schluckte (sagt Mrs. Lovett); die Tochter Johanna lebt als Mündel bei ihm und soll ihn heiraten.

Terfel wetzt nun neben Swee­neys Messern auch die Stimmbänder: Grob und rau singt er, mit rabenschwarzem Timbre und manchmal mit einer Freundlichkeit, die fast noch beängstigender wirkt. Sein Sweeney ist kein Monster, sondern ein Mensch. Einer, der gedemütigt wurde, bis er kaputtgegangen ist, und nun andere kaputtmacht: ein sauberer Schnitt durch die Kehle, ein Aufblinken der Lämpchen, ein geschmeidiges Kippen des Stuhls, und schon rutschen die Toten durch einen Schacht in Mrs. Lovetts Backstube. Dass deren Pasteten nun plötzlich gefragt sind, spricht für sich; Menschen sind Kannibalen, und hier für einmal nicht nur im metaphorischen Sinn.

Krud ist das, und krud klingt es auch: dank dem Dirigenten David Charles Abell, der einst bei Leonard Bernstein studiert hat, mit dem auch Sondheim zusammengearbeitet hat. Abell kennt sich mit Musicals ebenso gut aus wie mit Opern und hat die Philharmonia Zürich dazu gebracht, nicht nur schön zu spielen, sonder derb, saftig, schrill. Hemmungslos laut auch, schliesslich werden die Stimmen verstärkt, man braucht also keine Rücksicht zu nehmen. (Denn auf die Opernhaus-Technik ist Verlass: nicht nur, wenn es darum geht, verblüffend echt wirkende Roboterratten über die Bühne wuseln zu lassen, sondern auch beim Einsatz von klanglichen Hilfsmitteln, die man sonst auf dieser Bühne nicht braucht).

Ein starkes Debüt

Zweifellos, man hat alles gegeben, damit diese Aufführung gut wird. Schliesslich ist es ein Risiko, ein Musical auf den Spielplan des Zürcher Opernhauses zu setzen, das wenig Erfahrung hat mit der leichten Muse. Die Zeiten, als Operetten hier selbstverständlich dazugehörten, sind lange vorbei; schon Léhars «Land des Lächelns» 2017 war deshalb ein Schritt in eine neue Richtung. Nun, mit «Sweeney Todd», geht man noch weiter in Richtung Unterhaltung.

Wobei es rasiermesserscharfe, effektsichere, musikalisch anspruchsvolle Unterhaltung ist. In Sachen Dramatik kann es «Sweeney Todd» mit jeder Oper aufnehmen, und das Ensemble darf alle Register ziehen: Komik ist gefragt und wird geliefert, wenn der Barbier Pirelli (Barry Banks) mit kuriosem italienischem Akzent seine Künste anpreist oder der treudoofe Toby (Spencer Lang) Verdacht schöpft. Herzergreifend singen Sweeneys Tochter Johanna (Mélissa Petit) und der Matrosenjunge Anthony (Elliot Madore) ihr «Kiss Me». Brindley Sherratt gibt einen bösen Richter Turpin. Und wirklich himmeltraurig wird die Geschichte, wenn Liliana Nikiteanu als grandios grell singende Bettlerin vor Sweeneys Messer gerät – und sich zu spät als seine tot geglaubte Frau Lucy herausstellt.

Dass Sweeneys Zorn sich nun auch gegen Mrs. Lovett wendet: Wer würde es ihm verdenken? Trotzdem tut sie einem ein bisschen leid, denn sie liebt ihn ja wirklich, irgendwie; ausserdem ist ihre Darstellerin die Überraschung des Abends. Angelika Kirchschlager gibt ein fulminantes Rollendebut: Ihre Mrs. Lovett ist so hochgradig skurril, so unerwartet deftig in ihrem Gesang, so pointiert in den Dialogen, dass man ihr fast eine Pastete abkaufen würde. Aber wirklich nur fast.