2019-01-13 13:26

Feiern mit Cecilia Bartoli

Die Sängerin ist ein Phänomen: Seit 30 Jahren ist sie gross im Geschäft – und das Publikum bekommt nicht genug von ihr.

Die Ehe mit dem Zürcher Opernhaus begann vor 30 Jahren: Cecilia Bartoli geniesst den Schlussapplaus im Brautkleid - zusammen mit dem Dirigenten Gianluca Capuano.

Die Ehe mit dem Zürcher Opernhaus begann vor 30 Jahren: Cecilia Bartoli geniesst den Schlussapplaus im Brautkleid - zusammen mit dem Dirigenten Gianluca Capuano.

(Bild: Andrin Fretz)

Im Brautkleid stand sie am Ende auf der Bühne, als Rossinis Cenerentola, die ihren Prinzen doch noch bekommen hat. Dabei ging es eigentlich um eine ganz andere Liebesgeschichte an diesem Abend: um jene zwischen der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und ihren Fans.

Diese Geschichte begann vor 30 Jahren im Zürcher Opernhaus, wo die damals erst 22-jährige Römerin als Mozarts Cherubino und Rossinis Rosina so richtig durchgestartet ist. Ihre gestochen scharfen Koloraturen, ihr Charme und ihr Schalk machten sie rasch zum Publikumsliebling. Und sie fühlte sich wohl in diesem vergleichsweise kleinen Haus, das sie im doppelten Sinn mühelos füllen konnte: mit ihrer Stimme, die nie allzu gross war, aber gerade hier in allen ihren Farben zur Geltung kam. Und als Starsängerin, die man bald einmal machen liess, was sie wollte – weil der Saal sowieso ausgebucht war, ganz egal, was auf dem Programm stand.

Hinreissend grosszügig

Das ist bis heute so geblieben, und der Zürcher Operndirektion ist es zweifellos leichtgefallen, in den letzten Wochen eigens für Cecilia Bartolis Jubiläum eine Wiederaufnahme der hinreissenden Händel-Produktion «Semele» anzusetzen. Nun gab es also auch noch ein Galakonzert, das gleichzeitig ein Benefizkonzert für den Sängernachwuchs des Internationalen Opernstudios war. Und wenn Bartoli da ihre jungen Kolleginnen und Kollegen nach vorne lotste beim Applaus, wenn sie sich mit den Solisten des Orchestra La Scintilla ins Delirium tirilierte und ins Publikum strahlte, dass sich jede und jeder persönlich gemeint fühlen konnte, dann tat sie das nicht als Diva – sondern als in jeder Hinsicht grosszügige Künstlerpersönlichkeit.

Dass sie einen mit dieser Art nicht nur live, sondern auch auf CD zu packen weiss: Das ist eine weitere Spezialität der Cecilia Bartoli, die ihr dieses Jahr noch zwei andere Jubiläen ermöglicht. Vor ebenfalls 30 Jahren unterschrieb sie ihren Exklusiv-Vertrag beim Label Decca, dem man nur gratulieren kann zu diesem visionären Deal. Und 20 Jahre ist es her, seit sie mit ihrem Vivaldi-Album einen neuen Weg einschlug: für sich selbst wie für den ganzen Klassikbetrieb.

Vivaldi-Renaissance

Von Vivaldi kannte man damals vor allem die «Vier Jahreszeiten», seine Bühnenwerke galten als uninteressant. Aber Cecilia Bartolis Ariensammlung wurde zum Bestseller, über 700000 Exemplare davonwurdenweltweitverkauft. Die CD läutete eine Vivaldi-Opern-Renaissance ein, diebis heute anhält. Sie wurde zum Vorbild für andere Sängerinnen und Sänger, die ebenfalls anfingen, Konzeptalben herauszubringen. Und zum Prototyp für Bartoli selbst.

Denn sie machte weiter auf dieser Spur, grub Werke von Antonio Salieri oder Agostino Steffani aus, kümmerte sich um die neapolitanischen Kastraten oder die römische Kirchenmusik und erforschte das Repertoire der grossen Vorgängerin Maria Malibran. Mit grossem Echo, ausnahmslos. Nicht einmal die Covers, auf denen sie sich mit kahlem Kopf oder als Marmorstatue präsentierte, schreckten ihre Fans ab.

Bei so viel Entdeckerenergie mag es zunächst erstaunen, dass ihre aktuelle CD nun erneut Vivaldi gewidmet ist. Aber sobald man sie einlegt, ist alles klar: Es geht hier nicht um eine Rückkehr, sondern um einen Start in die nächste Runde. Cecilia Bartoli singt ruhiger als früher, und es liegt nicht nur an der Auswahl der Arien. Zwar schlägt sie noch immer manchmal ihren alten neckischen Tonfall an; aber da ist nichts mehr von jener Aufgedrehtheit, die zwischendurch zur Masche zu werden drohte. Auch die hauchigen Pianissimi hat sie längst aufgegeben.

Schöne, leise Momente

Natürlich, die Koloraturen sprudeln wie eh und je: Das hat Bartoli im Galakonzert bei ihrem Querschnitt durch ihre Zürcher Erfolgspartien einmal mehr gezeigt (auch im Duett mit dem Tenor Javier Camarena, der kürzlich in der brandneuen Decca-Reihe «Mentored by Cecilia Bartoli» sein erstes Solo-Album herausgegeben hat). Aber die schönsten Momente waren auch hier die leisen: Vivaldis «Non ti lusinghi», die «Canzone del salice» aus Rossinis «Otello», Händels «Lascia la spina». Die Zeit stand still in diesen Stücken, und sie war erfüllt von Klang, Schönheit, Wahrheit.

«Bravissima», rief dann einer während der Standing Ovations im Opernhaus Zürich, und man hätte problemlos weitere Superlative anfügen können. Cecilia Bartoli ist die erfolgreichste Sängerin der letzten Jahrzehnte, auch die fantasievollste (darum haben die Salzburger Pfingstfestspiele sie 2012 als Intendantin engagiert).

Vor allem aber und unbestritten: die meistgeliebte.

DerBund.ch/Newsnet