2019-06-13 06:53

Ach, das Dach ist so flach

Die Dachlandschaft verliert immer mehr ihren Charme; und es entsteht eine Nachbarschaft aus undefiniert abgeschnittenen Häusern. Wieso vernachlässigen wir die Kunst, schräge Dächer zu bauen?

Es lebe die Vielfalt: Dachlandschaft im Berner Obstbergquartier.

Es lebe die Vielfalt: Dachlandschaft im Berner Obstbergquartier.

(Bild: zvg)

  • Bettina Gubler und Sonja Huber

Das heute gebaute Dach ist flach. Warum? Folgt das Regenwasser nicht mehr der Gravitation? Ist das flache Dach die einzige Antwort einer zeitgenössischen Architektur? Oder unterliegen wir dem Kostendruck, der uns zu gestalterischer Einfallslosigkeit drängt und die Frage nach dem oberen Gebäudeabschluss aus finanzieller Sicht streicht? In warmen Regionen hat das Flachdach eine lange Tradition, die bis weit in die Antike reicht. Es wurden schöne Dachgärten geschaffen, die den Wohnraum in der Höhe erweiterten.

In unseren Breitengraden hingegen mussten die Dächer robuster geschaffen werden, um Feuchtigkeit und Schneelast Widerstand zu bieten. Die Dächer der Bauernhäuser boten viel trockenen Raum, um Winterfutter für die Tiere zu lagern. Mächtig und schwer ruhen sie schützend auf den Wohngeschossen und zeichnen das unverkennbar vertraute Bild unserer Dörfer. Aber auch das Stadtbild wird von Dächern in vielfältigen Formen geprägt: Satteldächer, Mansardendächer und Walmdächer bieten Mansardenzimmern und Estrichabteilen Platz. Dekoriert mit Lukarnen und Dachgauben bilden sie in der obersten Geschossebene eine Dachlandschaft, die die Stadt formschön zum Himmel hin abschliesst.

Leider plumpst in der heutigen Planung oft ein einfaches Flachdach ohne Dachvorsprung und ohne Dachrand aufs Grundstück. Wenn möglich, bitte nur fünf Zentimeter Blechabschluss! Die Dachlandschaft verliert immer mehr ihren Charme, und es entsteht eine Nachbarschaft aus undefiniert abgeschnittenen Häusern. Der Strassenraum franst nach oben aus, ohne dass ein kleiner Dachscherm oder eine gestaltete Dachform ihnen einen schützenden Abschluss geben könnte. Es sei denn, Vorschriften wie Baureglemente, schützenswerte Ortsbilder oder ähnliche Gestaltungsrichtlinien fordern unsere Kreativität heraus.

Die zahlreichen Dachterrassen des Orients waren Vorbilder für die in der Moderne propagierten Flachdächer. Auch Le Corbusier sprach sich gegen die Verschwendung der Stadtoberfläche durch Steildächer aus und experimentierte in seinen Projekten wie in der Villa Savoye oder der Unité d’Habitation mit der Einbindung der Dachlandschaft als Lebens- und Aufenthaltsraum. In der Zeit des neuen Bauens wurde die unsichtbare Dachform als Mittel für eine möglichst reine Stilform angepriesen.

Heute ist davon meist nur noch eine Farce übriggeblieben. Anstelle der kubischen Verschachtelungen der Moderne, die nicht nur interessante Baukörper, sondern auch abwechslungsreiche, bewohnbare Dachlandschaften bildeten, sind einfach Quader getreten – manchmal durch einen schlecht proportionierten, umlaufenden Attikarücksprung gemäss Baureglement gekrönt. Anstelle der lustvollen Dachgärten der Antike haben wir nicht begehbare, schwach begrünte Dachflächen, die höchstens noch eine kleine Antwort auf Biodiversität oder ein kühleres Stadtklima geben. Dem zukünftigen Stadt- und Dorfbild würde etwas mehr Mut bei der Dachgestaltung guttun. Nicht allein das auf Augenhöhe liegende Erdgeschoss, sondern auch die Dachlandschaft ist Fassade einer Stadt oder eines Dorfes, die sorgfältig gestaltet werden muss. Schräge Dächer bieten hier eine grosse Vielfalt.

Aber auch mit Flachdächern lässt sich dank ausgewählter Formensprache und Materialisierung ein würdiger Abschluss der Stadtlandschaft zum Himmel hin gestalten. Dieser Abschluss ist von unten wie auch beim Blick von oben massgebend – oder können Sie sich den Ausblick vom Rosengarten auf eine Berner Altstadt mit lauter trist begrünten Flachdächern vorstellen?

Sonja Huber und Bettina Gubler arbeiten als Architektinnen in der Lehre, Wissenschaft und Praxis. Sie sind Mitglieder des «Baustelle»-Kolumnistenteams.