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«Krimi der Woche»In Beton gegossene Leichen im Hafenbecken

In «Der gute Cop» des kanadischen Autors Scott Thornley halten ein rassistischer Serienkiller, brutale Rocker und korrupte Unternehmer die Titelfigur auf Trab.

Im Hafenbecken werden Leichen gefunden – schlecht für den geplanten Umbau.
Im Hafenbecken werden Leichen gefunden – schlecht für den geplanten Umbau.
Foto: Getty Images, iStockphoto

Der erste Satz

Das Hafenbecken des Stahlwerks, von den Einheimischen als «das Grab» bezeichnet, fiel zwanzig Meter zum dicken Schlick am Seegrund ab.

Das Buch

Der deutsche Titel «Der gute Cop» fokussiert auf die Hauptfigur, während der englische Originaltitel «The Ambitious City» auf den Schauplatz hinweist. Dundurn heisst der fiktive Ort, für den die kanadische Stadt Hamilton am Ontariosee die Vorlage bildet. Ausgerechnet im Hafenbecken, in dem ein Museum als neuer Touristenmagnet entstehen soll, werden ein paar Leichen gefunden.

Zwei sind vor rund zwei Jahren, in Beton gegossen, versenkt worden, die anderen liegen schon seit Jahrzehnten dort. Der Bürgermeister befürchtet, dass dies sein ehrgeiziges Projekt gefährden könnte. Er bittet darum Detective Superintendent MacNeice, mit dem er schon als Kind im Sandkasten gespielt hat, die Ermittlungen diskret anzugehen.

Iain MacNeice, den alle Mac nennen – «Nennen Sie mich nicht Iain!» –, findet, bei Mord könne man nicht diskret bleiben. Und zudem hat er gerade etwas viel um die Ohren. Auf einer Farm vor der Stadt liegen gerade einige Leichen aus einem Rocker-Bandenkrieg herum, und ein offenbar rassistischer Killer schlitzt erfolgreiche junge Immigrantinnen auf. «Wir sind unterbesetzt, wie du weisst», sagt MacNeice zum Bürgermeister, «du hast den Kürzungen im Polizeietat zugestimmt.»

MacNeice gilt bei der Polizei als «Genie», gar «so was wie Gott».

Scott Thornley, ein erfolgreicher Werbe- und Marketingspezialist, der erst mit Mitte 60 Krimis zu schreiben begann, ist ein exzellenter Erzähler. «Der gute Cop» ist sein zweiter von bisher vier Romanen um MacNeice und der erste, der auf Deutsch erscheint. Über mehr als 500 Seiten entwickelt er eine Geschichte, die immer spannend bleibt und dabei Themen der heutigen Zeit aufgreift. Die Rockerbanden sind in Konkurrenzkämpfe im regionalen Betongewerbe verwickelt, die ihrerseits mit dem Grossprojekt des Bürgermeisters im Hafen zusammenhängen. Es gibt Verstrickungen über die nahe Grenze in die USA: Einer der Toten im Hafenbecken ist ein im Nahkampf geschulter ehemaliger US-Soldat. Und im anderen Fall wird eine muslimische Kollegin zum Köder für den fremdenfeindlichen Mörder.

MacNeice geht allerlei Risiken ein, um in seinen Fällen vorwärtszukommen. Er kann es sich leisten. Bei der Polizei gilt er als «Genie», gar «so was wie Gott». Doch durch den Verlust seiner Frau leidet er entweder unter Albträumen oder unter schlaflosen Nächten; beides versucht er mit Grappa zu vertreiben. Aber er bleibt immer «der gute Cop». Das Wichtigste, was seine Mitarbeiter von ihm lernen sollen, «ist Mitgefühl für das Opfer, für die Familie, für die Stadt und, ja, auch für den Täter». Die weiteren McNeice-Romane von Scott Thornley sollen ebenfalls auf Deutsch erscheinen.

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★★☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★★☆

Der Autor

Scott Thornley hat mehrere Designpreise gewonnen und ist Inhaber einer Marketing- und Werbeagentur.
Scott Thornley hat mehrere Designpreise gewonnen und ist Inhaber einer Marketing- und Werbeagentur.
Foto: Malcom Lewis

Scott Thornley, geboren 1943, ist in der nahe der Grenze zu den USA am Ontariosee gelegenen kanadischen Stadt Hamilton aufgewachsen. Die Stadt inspirierte ihn zu Dundurn, dem fiktiven Handlungsort seiner Kriminalromane. Er ist seit mehr als fünfzig Jahren im Bereich Werbung, Marketing und Branding tätig. Seit über dreissig Jahren ist er Inhaber und Creative Director der eigenen Marketing- und Werbeagentur STC Scott Thornley + Company in Toronto, die insbesondere für Kunden aus den Bereichen Kultur, Bildung und Gesundheit in Kanada, in den USA und in Grossbritannien tätig ist.

Neben seiner Leidenschaft für grafisches und typografisches Design widmet er sich auch dem Entwickeln und Schreiben von Geschichten, die die Produkte und Dienstleistungen seiner Kunden zum Leben erwecken sollen. Er hat mehr als 175 internationale Designpreise gewonnen und ist in die Royal Canadian Academy of Arts aufgenommen worden.

Bevor er selber mit dem Schreiben von Romanen begann, habe er keine Krimis gelesen, sagte er 2011 im Gespräch mit der kanadischen Zeitung «The Star», als er mit 67 Jahren sein Debüt «Erasing Memory» veröffentlichte. Thornley war an der Gestaltung der Website für den Roman «The Year of the Flood» (2009; Deutsch: «Das Jahr der Flut», Berlin-Verlag) der berühmten kanadischen Autorin Margaret Atwood beteiligt, und sie stellte ihn einem Literaturagenten vor, was schliesslich zur Veröffentlichung seines Romans führte.

Sein zweiter Roman mit Detective Superintendent MacNeice, «The Ambitious City», erschien 2012, und mit diesem Krimi unter dem Titel «Der gute Cop» startet der Suhrkamp-Verlag jetzt die Herausgabe der Reihe auf Deutsch. Bisher veröffentlichte Thornley vier MacNeice-Romane. Zusammen mit seiner Frau, der bekannten kanadischen Architektin Shirley Blumberg, lebt Scott Thornley in Toronto und im Südwesten Frankreichs. Sohn Ian Thornley, Gitarrist, Sänger und Songwriter, gründete 1994 in Boston die Rockband Big Wreck.

Scott Thornley: «Der gute Cop» (Original: «The Ambitious City», Random House Canada, Toronto 2012). Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien. Suhrkamp, Berlin 2020. 524 S., ca. 25 Fr.