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Literarische DanksagungDie heiligen Lichter

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 10: Faten Alabbas über ihre Flucht.

«Ich wäre der Finsternis nie entkommen»: Faten Alabbas.
«Ich wäre der Finsternis nie entkommen»: Faten Alabbas.
Foto: Firas Shamsan

Am 25. Juli 2016 kam ich alleine in die Schweiz. Meine Kinder musste ich im Irak zurücklassen. Es folgten drei Jahre ohne Umarmung, ohne ihnen in wichtigen Momenten beizustehen. Dann, am 14. Dezember 2018, wurde aber das mir unmöglich Scheinende möglich: Ich hielt meinen Sohn und meine Tochter endlich wieder in den Armen. Ein Wiedersehen schien mir lange Zeit illusorisch. Denn ich konnte weder in den Irak reisen, weil mir dort der sichere Tod droht. Noch konnte ich, solange der Asylprozess andauerte, eine Familienzusammenführung beantragen. Die Lage schien mir aussichtslos.


Als Flüchtling fühlte ich mich schmerzlos fremd. Ich konnte kein Deutsch und kannte niemanden. Ich fühlte mich in einer absoluten Finsternis gefangen. Die Dunkelheit lähmte mich und verunmöglichte, meinen Weg zu erkennen. Erst wenn Licht ins Dunkle eindringt, kann man sich an einer Landkarte orientieren und seinem Weg folgen. Ich hoffte auf einen Lichtstrahl, der zu meiner Errettung führte. Eine stumpfe Dunkelheit umgab mich. Depressionen waren meine ständigen Begleiter. In dieser Zeit lernte ich Khawla kennen. Der erste Lichtstrahl, der Licht in meine Dunkelheit brachte. Die palästinensische Syrerin strahlte trotz ihres schweren Schicksals Freude aus. Sie zeigte mir, wohin mein Weg führen könnte.


Ich schritt also auf meinem Weg voran. Bevor die Dunkelheit mich wieder übermannte, sah ich ein weiteres Licht: Natalia Ghanzouni. Sie war mehr als nur ein Licht. Sie war wie eine Flamme, die mir die Kraft gab, mich meiner Situation zu stellen. Natalia nahm meine Hand und brachte weitere Lichter in mein Leben: Eva, Gerhard, Kathrin, Hansueli, Nina, Lisbeth, Elisabeth und Luterbach. Das Wunderbare war, dass diese Lichter nie erloschen. Vielmehr ging ein Licht nach dem anderen an. Die Dunkelheit wurde immer heller. Birla ermutigte mich, meinen Weg als Autorin und Journalistin einzuschlagen. Sie führte mich in die Berner Kunst- und Kulturszene ein, wo ich Regula und Manuel «Helvetia rockt» und «KreativAsyl» kennen lernte. Aber nicht nur Schweizer Lichter erhellten meinen Weg, sondern auch solche aus dem Irak: Ali und seine Frau Alfonsina sowie der Filmemacher Samir Jamal Aldin.

Jedes neue Licht geizte nicht mit Helligkeit. Ruths Licht schien besonders hell und drang bis in mein tiefes Inneres ein. Sie nahm Anteil an meinem Schmerz und unterstützt mich bis heute. Durch Ruth lernte ich Simi, Jess, Lola, Michi, Saskia und Valentin kennen. All diese Lichter und das erfahrene Verständnis führten zur Gründung der Onlineplattform Lucify. Dieses Projekt, das eine weibliche und internationale Perspektive in die Schweizer Medienlandschaft bringt, erleuchtete mein Leben neu. Diese Zusammenarbeit mit den Frauen bei Lucify lernte mich vor allem eines: dass mit Wille und der Kraft der Liebe nichts unmöglich ist.


So verging die Zeit ohne meine Kinder. Viele Frauen standen mir in dieser schwierigen Zeit bei – insbesondere Nasrin und Shima, meine neuen Schwestern in der Fremde. Aber die mir entgegengebrachte Liebe und Unterstützung konnten meine Sorgen um meine Kinder nicht beruhigen. Meine Sehnsucht nach ihnen und die Angst um ihre Zukunft ertrug ich kaum noch. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch.


So dunkel die Situation war, es waren wieder Menschen, die Licht in meine Finsternis brachten: Hussein, Arona, Mikel, Flavia, Michael, Riber. Und dann, dann wurde das Unmögliche möglich: Mein Sohn Ammar, meine Tochter Nour und ich erhielten ein humanitäres Visum für die Schweiz. Was ich in diesem Moment fühlte, kann ich bis heute nicht in Worte fassen. Als Drehbuchautorin fällt es mir normalerweise leicht, Gefühle und Situationen zu beschreiben.


Ohne all diese Menschen, die Licht in mein Leben brachten und mich im Dunkeln begleiteten, wäre ich der Finsternis nie entkommen. Ohne sie hätte ich meinen Weg nicht gefunden. Ich kann jedem Einzelnen nicht genug danken. Ich wünsche mir, dass ihre Lichter auch anderen Menschen den Weg aufzeigen und dass ich selbst ein Licht für andere bin, das die Dunkelheit erhellt.

(Aus dem Arabischen übersetzt von Nicola Mohler.)

Faten Alabbas ist Drehbuchautorin und Journalistin. Sie wurde 1978 in Baghdad geboren und arbeitete als erste Frau für das nationale irakische Fernsehen und Radio. Seit 2016 arbeitet sie an Theaterproduktionen und Filmprojekten in der Schweiz.