2012-06-09 13:10

Der Refiller

Porträt

João Almeida engagiert sich von Bern aus gegen Nahrungsmittelverschwendung und Verpackungsabfall. Der 26-jährige Portugiese sieht das Grundproblem im Konsumverhalten – umerziehen wolle er aber keinen, so sagt er.

João Almeida mag es grün: Der 26-jährige Portugiese führt von Bern aus eine NGO, die sich gegen Verpackungsabfall einsetzt.

João Almeida mag es grün: Der 26-jährige Portugiese führt von Bern aus eine NGO, die sich gegen Verpackungsabfall einsetzt.

(Bild: Valérie Chételat)

  • Matthias Ryffel

João Almeida sagt, er möchte «die Welt verbessern» – wenn das auch irgendwie «cheesy» klinge. Der 26-jährige Portugiese lebt nahezu vegan und führt von Bern aus einen Feldzug gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln und gegen Berge von Verpackungsabfall. Das war nicht immer so: Als Almeida 2006 für sein Austauschsemester in die Schweiz kam, ärgerte er sich über die hohen Fleischpreise. Im Masterstudium in Basel fiel er unter seinen grün angehauchten Kommilitonen als Praktikant eines Biotech-Unternehmens aus dem Raster.

Wer João Almeida durch die Tür des Café Obolles treten sieht, mag seine Herkunft durchaus erraten: lockige schwarze Haare, Fünftagebart, dunkle Augen und ein warmes Lachen lassen darauf schliessen. Umweltaktivisten-Klischees greifen bei dem Portugiesen indes zu kurz, dafür ist der Mann in Turnschuhen und ausgeschnittenem Leibchen doch zu hip gekleidet. Allerdings sagt Almeida im Laufe des Gesprächs auch, er sei weder Aktivist noch Ideologe, wolle niemanden umerziehen. Erstaunliche Worte für einen, der das Grundproblem unserer Gesellschaft in ihrem Konsumverhalten sieht?

30 Prozent Verlust

«Eines der dringendsten Probleme unserer Gesellschaft liegt in der Ernährung», sagt Almeida. Als einer der ersten in der Schweiz forschte er in seiner Masterarbeit an der Universität Basel zum Thema Nahrungsmittelverluste. Seine Erkenntnis: In der Schweiz gehen rund 30 Prozent der Nahrungsmittel verloren. Almeida wollte etwas unternehmen. Um einen Diskurs darüber anzustossen gründeten er und einige Mitstreiter im vergangenen Jahr die Organisation «foodwaste.ch».

Herzstück ist eine Informationsplattform im Internet, die «den Leuten dabei helfen soll, Lebensmittelabfälle zu vermeiden». Auf ihr werden auch Erklärungen geboten, weshalb Landwirte, Konsumenten oder Grossverteiler regelmässig Überschüsse an verderblicher Nahrung entsorgen: starre Mindesthaltbarkeitsdaten und übergrosse Sortimente sind als Gründe aufgeführt. Im Gespräch thematisiert Almeida aber auch den Konsum von Fleisch und Milchprodukten: «Um Fleisch, Käse und Milch zu produzieren, importiert die Schweiz in grossem Stil Futtergetreide – Soja aus Brasilien etwa», sagt er. Dass in Brasilien zur Schaffung von Soja-Anbauflächen Regenwald abgeholzt werde, bleibe in der Schweiz indes unsichtbar.

Ein kurzer Flirt mit Gott

João Almeida wächst im Zentrum Lissabons auf. Dort dreht sich die Welt um andere Probleme, wie er erzählt – viele müssen in erster Linie den eigenen Lebensunterhalt bestreiten. Almeida sucht etwas anderes. Seine Eltern sind in Afrika aufgewachsen, in ehemaligen Kolonien Portugals: Die Mutter in Angola, der Vater in Guinea-Bissau. Als seine Grossmutter stirbt, kommt er in engeren Kontakt zu kirchlichen Kreisen. Nach Schulabschluss – Almeida ist 18 – fährt er für einen Sommer als Missionar nach Moçambique. Er sei nie besonders religiös gewesen, aber die Reise habe ihm ein Ziel gegeben. «Mitten in der Einöde unterrichtete ich dann Kinder in Mathematik». Eines Nachmittags habe ihn ein Priester zur Seite genommen. «Er hiess mich, den Kindern von Gott zu erzählen.» Im Café Obolles verfällt Almeida jetzt in lautes Lachen. «Ich konnte es nicht. Nach meiner Rückkehr habe ich nie wieder eine Kirche besucht».

Er sei kein Dogmatiker und brauche die Auseinandersetzung, um sich eine Meinung zu bilden. Kein Fleisch mehr zu Essen, dieser Entschluss habe ihn fünf Jahre gekostet. Diese Art Sozialisierung nehme er sich bei der Arbeit zum Vorbild: «Die Leute sollen selber Entscheide fällen, wir können bloss informieren und Alternativen aufzeigen.»

Wo über ernste Themen gesprechon wird

2006 kommt Almeida für ein Erasmus-Semester nach Bern, wo die Menschen über ernsthaftere Themen sprechen als in Lissabon, wie er sagt. Zu Beginn habe ihm zu schaffen gemacht, dass er sich das teure Fleisch nicht leisten konnte. Dann lernt er Martina kennen, die heute Mutter seiner elfmonatigen Tochter ist. «Sie hat meinen Kopf geknetet», sagt er in seinem unbeschwerten Deutsch und grinst. Nach kurzem Intermezzo in der portugiesischen Verwaltung, zieht es ihn zu ihr zurück. Sein angefangenes Masterstudium in Volkwirtschaft an der Uni Lausanne bricht er ab, schliesst in Basel stattdessen in Nachhaltiger Entwicklung ab.

Während des Masterstudiums absolviert Almeida ein Praktikum bei Syngenta, dem Agrar- und Biotechnologieunternehmen. «Im Studium galt ich als der rechtsliberale Syngenta-Typ – bei Syngenta hingegen als Grüner mit Bart», sagt er und lacht. Doch es ist in diesem Praktikum, da er auf das Thema Nahrungsmittelverluste aufmerksam wird. Nach dem Abschluss habe er vor der Wahl gestanden: Einen Job annehmen, oder etwas Eigenes auf die Beine stellen. «Ich sagte mir, wenn ich in der Schweiz bleibe, mache ich etwas, das Sinn macht – ansonsten könnte man mich in Portugal besser gebrauchen.»

«Was ist besser als verbrennen, rezyklieren und kompostieren?»

So habe er sich denn auch für das zweite Projekt einspannen lassen: «Refiller» heisst die Organisation, deren Geschäfte er inzwischen leitet. Die Idee wurde 2010 in Genf an einer Konferenz geboren, wie Almeida erzählt. «Was ist besser als verbrennen, rezyklieren und kompostieren?» Er lächelt flüchtig und gibt die Antwort gleich selber: «Gar kein Abfall!» Dieses Bewusstsein wolle Refiller wecken. Mithin dank einer Anschubfinanzierung durch das Bundesamt für Sozialversicherungen kann die Organisation noch bis im Juli knapp zwei Arbeitsstellen finanzieren. Das Team ist sechsköpfig, Almeida arbeitet zu hundert Prozent. Mittelfristig wolle man weg vom Fundraising und Refiller auf eigene Beine stellen. Ihm schwebt ein Beratungsunternehmen vor.

Nebst harten Fakten zu Abfall erwarten den Besucher auf der Webseite der Organisation simple Verhaltenstipps: Hahnenwasser trinken, statt Flaschen kaufen; keine Kaffeekapseln; saisonal und unverpackt einkaufen; und so weiter. Doch mit guten Ratschlägen ist es für Almeida nicht getan. Seine Organisation soll dereinst die Referenzstelle zur Vermeidung von Verpackungsabfall werden, der Name zu einem Label. «Wer Refiller liest, soll wissen: Hier wird wo immer möglich Abfall vermieden.» So hat kürzlich das erste «refiller-friendly» Restaurant in Bern eröffnet: Wer im Take-Away Prima-Luna an der Effingerstrasse mit Mehrweggeschirr anrückt, erhält aufs Menü einen Franken Rabatt, auf Getränke 50 Rappen. Auch die Gastrobetriebe der Uni Basel wollen mitziehen und mit der RailCity Bern sei man im Gespräch.

DerBund.ch/Newsnet