2016-01-06 15:57

Kühlschrank sucht Plätzchen

Seit April 2015 stehen in Bern Gemeinschaftskühlschränke. Sie sollen das Wegwerfen von Speisen verhindern. Zwar hätten Quartierbewohner Freude am Angebot, doch machen Diebe den Organisatorinnen das Leben schwer.

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  • Michèle Steiner

Ein Sechserpack Joghurt im Kühlschrank und die Ferien stehen vor der Tür. Was tun mit der Ware? Eine Lösung dafür sind frei zugängliche Kühlschränke. Dort kann jeder etwas hineinstellen oder gratis herausnehmen. In Bern sind sie seit April 2015 Realität. Verantwortlich dafür zeichnet der Verein Bern isst Bern. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, geniessbare Lebensmittel vor dem Abfalleimer zu retten. Dabei liegt der Fokus auf Privathaushalte. «Denn rund 45 Prozent der entsorgten Lebensmittel stammen aus Privathaushalten», sagt Gruppenmitglied Kathrin Michel.

In Bern gibt es zurzeit drei Standorte: beim Punto im Ostring, beim Eingang zur Designbörse am Loryplatz sowie im Hinterhof des Lola-Ladens im Lorrainequartier. «Das Angebot wird besonders von Quartierbewohnern rege benutzt und ist von Nachbarn für Nachbarn gedacht», sagt Kathrin Michel.

Diebe plündern Nahrungsmittel-Säcke

Ganz problemlos läuft das Projekt aber nicht: Diebe machen den Organisatorinnen zu schaffen. Bei einigen Standorten befinden sich auch Taschendepots von Soliterre und Radiesli. Diese liefern einmal pro Woche ihren Mitgliedern einen Gemüsekorb. Besonders beim Kühlschrank im Burgernziel kam es immer wieder vor, dass die Taschen, welche neben dem Kühlschrank zum Abholen bereitstehen, geplündert wurden.

«Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Kundschaft nicht grundlos verdächtigen», gibt Michel zu bedenken. Denn ob es sich bei den Dieben um Personen handle, die vom Angebot der offenen Kühlschränke profitieren, sei unklar. «Der Kühlschrank im Burgernziel steht an einem öffentlichen Ort und ist für jedermann zugänglich», sagt Co-Organisatorin Jana Huwyler. Zusammen mit dem Restaurant Punto sucht man jetzt nach einer einvernehmlichen Lösung. So werde man mit einem Plakat vor Ort und auf Facebook darauf hinweisen, dass die Produkte von Soliterre und Radiesli nicht zum Angebot gehörten.

Schwierige Standortsuche

Eine weitere Herausforderung für die Organisatorinnen stellt die Standortfindung dar. Diese ist zentral für die erfolgreiche Benutzung des Kühlschrankes. «Je öffentlicher und frequentierter ein Ort, desto reger die Benutzung», sagt Huwyler. So läuft der Kühlschrank, welcher sich etwas versteckt im Hinterhof des Lola-Ladens befindet, weniger gut als jener beim Loryplatz, wo täglich viele Leute vorbeigehen. Der Kühlschrank im Q-Laden in der Lorraine wurde in der Zwischenzeit sogar aufgelöst. Dieser stand im Keller, der in der Nacht abgeschlossen wurde. «Damit war er für die Quartierbewohner wenig attraktiv», sagt Huwyler. Solche Erfahrungen gelte es bei zukünftigen Standorten zu beachten.

Allzu wählerisch darf der Verein Bern isst Bern aber nicht sein, denn gute Plätze sind offenbar rar. So wartet ein Kühlschrank noch immer auf einen passenden Standort in der Länggasse. Trotz intensiver Suche wurde bisher kein Platz gefunden. Das Restaurant Sattler zeigte sich interessiert, musste dann seine Bereitschaft wegen Platzmangels zurückziehen. Nun kümmert sich eine Gymnasiastin im Rahmen einer Maturaarbeit um die Standortfindung im Länggassquartier. Bereits aufgeschaltet wurde ein Aufruf im Quartiermail der Länggasse. «Wir haben das Problem quasi outgesourct und werden sicher einen passenden Standort finden», sagt Huwyler.

Ein Kühlschrankgötti überprüft das Angebot

Die Betreuung der Kühlschränke ist zeitintensiv. Verantwortlich dafür zeichnen sogenannte freiwillige Kühlschrank-Göttis. Jeden Tag überprüfen sie das Angebot und sorgen dafür, dass der Kühlschrank einen ordentlichen Eindruck macht. Via Facebook informiert der Götti die Benutzer über den aktuellen Kühlschrankinhalt. Ist der Götti in den Ferien, muss der Verein Bern isst Bern nach einem Ersatz suchen. Die Auslastung im Kühlschrank ist sehr unterschiedlich. Der Kühlschrank im Hinterhof des Lola-Ladens wird von den Lola-Betreibern mit Restposten bestückt. Die Betreuung des Kühlschrankes sei kein grosser Aufwand, sagt Daniel König vom Lola-Laden. Man stellen seine Produkte in den Kühlschrank und damit sei ihre Arbeit getan, so König. «Ich kann den öffentlichen Kühlschrank anderen Geschäften nur weiterempfehlen.»

DerBund.ch/Newsnet