2012-10-18 16:29

«Nahrung ist Lebensgrundlage und wir werfen viel davon weg»

Der Staat thematisiert in einer Ausstellung die Lebensmittelverschwendung. Es gelte nun, Lösungsansätze zu finden, sagt Markus Hurschler vom Verein foodwaste.ch.

  • loading indicator

  • Matthias Ryffel

«Gute Köche werfen nie etwas weg!», sagt der Spitzenkoch Philippe Rochat am Donnerstag vor der Presse auf dem Waisenhausplatz. Er ist hier, um eine Kampagne des Bundesamtes für Landwirtschaft und der DEZA zu unterstützen. «Lebensmittel wegwerfen. Das ist dumm», so die Botschaft der Behörden.

Dass der Staat in einer Ausstellung Nahrungsmittelverluste thematisiert, ist mithin das Verdienst einiger sehr aktiver nichtstaatlicher Organisationen. Dazu gehört seit etwas über einem Jahr der Verein foodwaste.ch, der vor allem mit wissenschaftlichen Beiträgen zum Thema auf sich aufmerksam gemacht hat – jüngstes Beispiel ist eine WWF-Studie. Erklärtes Ziel des Vereines ist es, den bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu fördern, und zu informieren, wie sich Verluste vermeiden lassen.DerBund.ch/Newsnet hat sich auf dem Waisenhausplatz mit Geschäftsführer Markus Hurschler unterhalten.

Herr Hurschler, der Staat will auf dem Waisenhausplatz den Schweizern ihr problematisches Konsumverhalten vor Augen führen. Was ist davon zu halten?
Der Staat gesteht ein, dass der Nahrungsmittelverlust in unserer Gesellschaft ein ernstzunehmendes Problem darstellt. Es ist wichtig zu sehen, dass er bei diesem Thema aktiv wird, wir unterstützen das. Viele Leute sind sehr überrascht, wenn sie erfahren, wie hoch die Verlustzahlen sind. Es ist auch ein Thema, das berührt: Nahrung ist Lebensgrundlage und wir werfen viel davon weg.

Die Ausstellung rückt die Verluste auf der Konsumentenseite in den Vordergrund. Zwei Drittel der Verluste gehen aber auf die Konti von Produzenten, Verarbeitern und Händlern. Müsste man nicht Bauern und Grossisten auf den Waisenhausplatz zerren?
Der Fokus auf den Konsumenten hat seine Berechtigung, denn der grösste Teil der Verluste fällt tatsächlich bei ihm an (37 Prozent, Anm. der Redaktion). Wir von foodwaste.ch wollen aber nicht mit dem Finger auf die Leute zeigen. Für den Verbraucher ist es sehr schwierig, mit dem Überangebot verantwortungsvoll umzugehen. Damit sich das Konsumverhalten ändert, muss auch das Angebot verändert werden.

Welche konkreten Forderungen richten sie also an Produzenten und Grossisten?
Das Problem ist zu komplex, um Forderungen an einzelne Akteure zu stellen, die Handlungsfelder sind divers: Das reicht von der Kommunikation von Mindesthaltbarkeitsdaten über unsinnige Produktenormen bis zur Preis- und Sortimentgestaltung.

Ist es damit getan: das Bewusstsein der Verbraucher schärfen?
Diese Ausstellung ist wie gesagt ein erster Schritt: Man bringt das Problem zur Sprache. Lösungsansätze zu finden ist die weit grössere Herausforderung. Meistens haben die Akteure nicht das Gefühl, etwas falsch zu machen. Den Grossverteilern etwa kommt aber eine wichtige Rolle zu, sie haben eine Drehscheibenfunktion. Sie beeinflussen nach vorne und nach hinten, also sowohl den Konsum als auch die Produktion. Was es braucht ist mehr Diskurs. Um etwas zu erreichen, müssen Staat, Wirtschaft und Konsumenten kooperieren.

DerBund.ch/Newsnet

Markus Hurschler hat den Master in Nachhaltiger Entwicklung an der Universität Basel absolviert. Er koordiniert die Geschäftsstelle von foodwaste.ch und engagiert sich für lokale und saisonale Nahrungsmittelvermarktung.
Markus Hurschler hat den Master in Nachhaltiger Entwicklung an der Universität Basel absolviert. Er koordiniert die Geschäftsstelle von foodwaste.ch und engagiert sich für lokale und saisonale Nahrungsmittelvermarktung.