2014-06-03 07:52

Bremgärtler wollen keine Velos am Aareufer

Das Nein aus Bremgarten stellt das ganze Veloweg-Projekt infrage.

Flammende Reden, unflätige Zwischenbemerkungen und Szenenapplaus – so heftig wie gestern ging es an der Bremgartner Gemeindeversammlung seit Jahren nicht mehr zu und her. Und auch nicht so knapp.

«Es ist nicht einzusehen, warum der Gemeinderat die Gefährdung der Sicherheit der Fussgänger in Kauf nimmt», rief Osvaldo Perucchi in den Saal. Perucchi ist Anwalt und Notar und hat ein Komitee gegen den Veloweg gegründet. Als die Versammlungsleiterin ihn aufforderte, zu einem Ende zu kommen, sagte Perucchi: «Ich weiss, dass Sie die Möglichkeit haben, meine Redezeit zu beschränken, aber tun Sie es bitte nicht ausgerechnet jetzt.»

Das Bauvorhaben in Bremgarten war Teil des Projekts «Aareschlaufen». Unter Führung der Regionalkonferenz Bern-Mittelland wollen die Gemeinderäte von Bern, Bremgarten, Ittigen, Kirchlindach, Köniz und Zollikofen die Berner Aareschlaufen zu einer «nach gemeinsamen Kriterien gestalteten, beispielhaften Flusslandschaft» machen. Dazu gehört, dass einer der beiden Uferwege künftig auch für Velofahrer geöffnet werden soll. Von der Grenze zu Zollikofen bis zur Schlosshalbinsel sollte der Uferweg in Bremgarten dazu auf 2,5 Meter verbreitert werden. Dies im Rahmen einer Ufersanierung, die sowieso ansteht.

Bereits Mitte April, als die Verantwortlichen über das Bremgartner Teilprojekt informierten, regte sich erster Widerstand. Gisela Vollmer, SP-Stadträtin in Bern und Geschäftsführerin des Vereins Fussverkehr Kanton Bern, bezeichnete den Platz am Aareufer als «viel zu eng für zwei sich kreuzende Velos und Fussgänger». In der vergangenen Woche erhob der Verein Einsprache gegen das Bauvorhaben der Gemeinde Bremgarten.

«Die fahren wie die Affen»

236 Stimmberechtigte kamen ins Kirchgemeindehaus – mehr als doppelt so viele wie sonst. Nach Anwalt und Komitee-Gründer Perucchi ergriffen weitere Velogegner das Wort. «Haben wir Fussgänger nicht das Recht auf einen Weg, auf dem wir nicht dauernd von Velofahrern gestört werden?», fragte ein Mann, der an der Aare wohnt. Es gebe schon genug Velowege. «Wir sind drauf und dran, unseren schönen Reckweg der mächtigen Velolobby zu opfern.» Ein Hundehalter sagte: «Ich sehe schwarz. Die fahren schon jetzt wie die Affen.»

Erst der vierte Redner sprach sich für den Veloweg aus. Er sei Biker, sagte er, und er wisse deshalb, dass das Miteinander von Fussgängern und Velofahrern sogar in den Bergen funktioniere, wo die Wege viel schmaler seien. Für seine Bemerkung, er sei Ganzjahresvelofahrer, erntete er höhnische Zwischenrufe. Wenig später rief Osvaldo Perucchi, der Anwalt und Komitee-Gründer: «Sind Sie eigentlich von der Velolobby?», worauf der Angesprochene verneinte und die Versammlungsleiterin Perucchi darauf hinwies, dass er seine Redezeit gehabt habe und den anderen nun ausreden lassen soll. Darauf sagte Perucchi: «Jaja, aber wenn der nur Seich erzählt.»

Der zuständige Gemeinderat Werner Meile (SP) versuchte, zu beschwichtigen: Man wolle keine Sportler und Pendler anziehen, es gehe um Schönwetter-Velofahrer. Und selbstverständlich werde man zu Anfang Sensibilisierungsmassnahmen ergreifen, um die Velofahrer zu einer angemessenen Fahrweise zu bewegen. Die Mühe war vergebens: Mit 107 zu 106 Stimmen lehnte die Versammlung das Projekt ab. Damit erleidet die Idee eines Velowegs entlang der Aare schon bei der ersten Abstimmung einen Rückschlag. Vertreter anderer Gemeinden haben für diesen Fall bereits angekündigt, ihre Pläne noch einmal zu überdenken.

Der Bund