2013-01-25 08:15

Dann verschwand der Kinderschänder

Missbrauch-Serie, Teil 4

Eine unerträgliche Geschichte, Teil 4: Nach sechs Jahren Prozess erhalten die Opfer des Vergewaltigers endlich recht, der Mann wird verurteilt. Im Gefängnis sitzt er bis heute nicht. Wie konnte das passieren?

«Eine totale Nullrunde»: Für das Opfer war der lange Prozess umsonst.

«Eine totale Nullrunde»: Für das Opfer war der lange Prozess umsonst.

(Bild: Keystone)

November 2012. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Yvonne* schwer missbraucht wurde. Diese Jahre sind ausgelöscht, wenn die Panikattacken kommen, die Erstickungsanfälle und Blutungen. Zwar ist der Missbrauch vorbei, der Prozess, die Befragungen. Doch zu Ende ist es für Yvonne noch nicht.

Nach sechs Jahren sind alle Beschwerden abgewiesen. Auch ein Gesuch um Haftaufschub, wogegen der Täter nochmals Rekurs einlegt, dem wiederum nicht nachgekommen wird. Mit dem letzten Verdikt im Februar 2012 liegt endlich ein rechtskräftiges Urteil vor. Der Täter wird zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt, Huber muss ins Gefängnis. Yvonne fängt an, sich mit der Geldfrage auseinanderzusetzen. Rund 100'000 Franken Genugtuung und Entschädigung stehen ihr zu. Von Huber, wegen seiner Adipositas vollinvalid, ist kein Geld zu erwarten. Für solche Fälle gebe es die Opferhilfe, sagte man ihr während des Prozesses. Noch im Januar hatte sich Yvonnes Anwältin erkundigt, wie sie ihr Geld denn anzulegen gedenke. Und Yvonne hatte sich informiert. Vielleicht die Ausbildungsschulden abtragen. Oder ausgedehnte Ferien auf einer Insel machen.

Der verheerende Bescheid

Doch als das rechtskräftige Urteil vorliegt, gibt es Probleme. Laut altem Opferhilfegesetz hätte Yvonne nämlich bis spätestens zwei Jahre nach dem letzten Übergriff ein Gesuch um Entschädigungs- und Genugtuungszahlungen stellen müssen. Also mit zwölf Jahren. Yvonne nimmt sich eine neue Anwältin. Sie soll prüfen, ob man doch noch einen Anspruch geltend machen kann. Wo Huber denn seine Strafe absitze, fragt die Anwältin. Das weiss Yvonne nicht. Sie beginnt herumzutelefonieren. Sie fragt das Gericht. Dort heisst es, man könne nichts sagen, sie solle sich bei der Opferhilfe erkundigen. Die Opferhilfe sagt, sie solle das in der Therapie klären. «Ich will bloss wissen, wo der Täter einsitzt. Ich will nicht, dass mir jemand sagt, ich solle mich entspannen», sagt sie. Schliesslich der Bescheid des Amts für Justizvollzug: Der Verurteilte ist weg.

Im Normalfall, so teilt das zuständige Amt mit, schickt die Justizvollzugsbehörde dem Verurteilten einen Vollzugsbefehl zum Antritt der Strafe innert dreier Monate. Huber sollte im Mai ins Gefängnis. «Im Verfahren um einen möglichen Strafaufschub erfuhren wir, dass der Täter sich bereits seit Ende 2011 im Ausland aufhält», sagt das Amt für Justizvollzug. Vom Pflichtverteidiger ist zu erfahren, dass Huber sich ordentlich im Ausland angemeldet hat. Ob er nach wie vor seine Invalidenrente bezieht, weiss niemand. Das Amt für Sozialversicherung gibt keine Auskunft. Das Amt für Justizvollzug sagt, in so einem Fall müsste die Rente sistiert worden sein. Allerdings habe man bislang nichts von der Rente gewusst, also auch niemanden informiert. Wird nach dem Täter gefahndet? «Zuständig für die Einleitung solcher Massnahmen sind wir als Vollzugsbehörde. Wir sind in solchen Fällen aber auf die Unterstützung der ausländischen Behörden angewiesen und haben auf deren Arbeit keinen Einfluss», heisst es.

«Das Geld», sagt Yvonne, «wäre mir egal. Das Wichtigste war mir, dass er wegkommt. Doch die sechs Jahre Prozess waren eine totale Nullrunde», sagt sie. Der Staatsanwalt widerspricht vehement. «Eine Tragödie wäre es gewesen, wenn es zum Freispruch gekommen wäre. Dass der Täter so kurz vor der Verjährung im Rahmen der Gesamtumstände so hart verurteilt wurde, ist als Erfolg unseres Rechtsstaates zu werten.» Im Prozess, so der Staatsanwalt, spiegelt sich aber auch der Zeitgeist. Heute wird die sexuelle Selbstbestimmung als höchstes Gut gewertet. Aber bei solchen Sexualdelikten steht am Ende Aussage gegen Aussage. Nur Indizienketten führen zur Wahrheit.

Kampf gegen die Opferfalle

Zweifel bleiben. Sechs Jahre hat der Staat prozessiert, unter gewaltigem Aufwand. Und am Ende steht er mit leeren Händen da. Wäre es angezeigt gewesen, den Täter in Sicherheitshaft zu nehmen? Zuständig dafür wäre das Gericht, das aber jede Verantwortung von sich weist: Man habe zum Zeitpunkt des zweiten Urteilsspruchs keinen Grund für eine Haftanordnung, keine Fluchtgefahr zu erkennen vermocht. Der Verurteilte sei zu jeder Verhandlung erschienen. Dass der Täter in vierter Ehe mit einer Thailänderin verheiratet ist, gilt nicht als Verdachtsmoment. Dass ein Mann aus Thailand unter dem Namen des Verurteilten Leserkommentare auf Schweizer Onlineportalen hinterlässt, fällt niemandem auf. Nur Yvonne. Aber an wen soll sie sich mit diesen Informationen wenden?

Yvonne kämpft weiter. «Ich könnte ebenfalls eine Invalidenrente beziehen, aber wer will das mit 29 Jahren? Also arbeite ich. Und dann werde ich von allen wieder zum Opfer gemacht.» Manchmal frage sie sich: Ist das wirklich alles geschehen? Dann kommen die Erinnerungen, und sie weiss alles wieder. Manchmal wünscht sie sich, dass alles dunkel wird. Aber dann kehrt die Wut zurück, und Yvonne greift zum Telefon. Es kann schliesslich nicht sein, dass so einer einfach davonkommt. Oder doch?


* Die Namen des Opfers und des Täters wurden aus Opferschutzgründen geändert.

Tages-Anzeiger