2018-10-08 22:39

Mitholz bleibt gefährlich

Es gibt keinen fixen Plan, wie die Gefahr, die vom ehemaligen Munitionslager in Mitholz ausgeht, gebannt werden kann. Das haben die Behörden am Montag den Dorfbewohnern mitgeteilt.

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Wenn sich die Bevölkerung von Mitholz in der ortseigenen Turnhalle versammelt, geht es zurzeit nur um ein Thema: Wie steht es um die Sicherheit des beschaulichen Dorfs in der Gemeinde Kandergrund? Grund für diese Frage sind rund 3500 Tonnen Munition und mehrere Hundert Tonnen Sprengstoff, die im Ort unter Felsen begraben liegen. Es sind Überbleibsel der Munitionslager-Explosion, die in einer verschneiten Dezembernacht 1947 neun Todesopfer forderte und für massive Zerstörungen sorgte (siehe Text rechts).

Der Nachhall der Explosion ist in Mitholz nie ganz verstummt. 1949 und 1986 wurde die Gefahr durch die explosiven Reste beurteilt und massiv unterschätzt. Denn wie der Zwischenbericht einer neuen Gefahrenanalyse des Verteidigungsdepartements (VBS) ans Licht brachte, ist die Gefahr nicht gebannt. Diese Schreckensnachricht wurde der Mitholzer Bevölkerung letzten Juni in ihrer Turnhalle eröffnet.

Gestern Abend war es wieder so weit. Erneut hat das VBS die Mitholzer Bevölkerung in die Turnhalle eingeladen. Zwischen Basketballkörben und Klettervorrichtungen wurde über die aktuelle Gefahrenlage informiert. An dieser hat sich seit Juni nichts verändert. Das Risiko eines Vorfalls bleibt bestehen. Das bestätigt der abgeschlossene Expertenbericht zur Risikoanalyse, dessen wichtigste Punkte im Verlauf des Abends an die Turnhallenwand projiziert werden sollten.

Sprengkörper «unbekannt»

Kurz vor 19 Uhr. Das Dorf traf ein. Die hinteren Stuhlreihen waren zuerst besetzt, als hätten die Talbewohner gewisse Vorbehalte gegen das, was ihnen bevorstand. Diese wurden tatsächlich im Verlauf des Abends noch lautstark geäussert. Das Interesse war so gross, dass bis zu Anlassbeginn alle Stühle bis zum Rednertisch besetzt waren. An diesem haben Projektinvolvierte und Politiker Platz genommen. Es folgte ein Marathon an Ernüchterungen, Beschwichtigungen, Forderungen und vagen Versprechen.

(Quelle: ksl)

Schnell zeichnete sich ab, dass sich für die gefährlichen Munitionsrückstände keine schnelle Lösung finden wird. Am deutlichsten machte das Reto Luginbühl, Explosionsexperte der Armasuisse. «Wir wissen nicht genau, mit was für Sprengkörpern wir es überhaupt zu tun haben.» Diese sind mindestens 70 Jahre alt. Deshalb müssten Teile des Materials geborgen und in Thun analysiert werden. Doch die gefährlichsten Stücke, die 50 Kilogramm schweren Fliegerbomben, können zurzeit nicht untersucht werden, denn das schweizweit einzige Fahrzeug, das Sprengstoff sicher transportieren kann, kann nur Lasten bis acht Kilo aufnehmen.

Thema löste Angst aus

Das ist aber nur eines der vielen Probleme, die es nun zu bewältigen gibt. Die Behörden erarbeiten zurzeit Evakuierungspläne für Notfallsituationen, schaffen Systeme, um beispielsweise Risse in den Felsen zu messen, oder tätigen Nachforschungen, um zu erfahren, wo überhaupt welche Art von Sprengkörpern liegen könnte. Ein Teil dieser Aufgaben wird von Brigitte Rindlisbacher getragen, welche die Arbeitsgruppe Mitholz leitet. Ihre Prognose ist ernüchternd vage: «Es wäre nicht ehrlich, wenn wir versprechen würden, die Munition sei in zwei Jahren abtransportiert.» Sie verweist darauf, dass für diese Aufgabe zuerst seriöse Abklärungen getroffen werden müssen. Bis Mitte 2020 sollen die Grundlagen für einen handfesten Plan geschaffen werden.

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Die Ausführungen der Experten und Politiker waren wohlwollend genau und detailliert. Doch würde sich die Bevölkerung sich damit zufrieden geben? Schliesslich machte Geimendepräsident Roman Lanz zu Beginn klar, wie es um das Befinden seiner Leute steht: «Das Thema beschäftigt uns ständig. Es hat Ängste ausgelöst.» Die Bevölkerung frage sich, ob sie weiterhin hier leben könne. Entsprechend klar formulierte er seine Forderungen an das VBS. «Bund und Kanton müssen das Risiko rasch senken.» Dies wurde während des Abends mehrmals versprochen, doch wie sich zeigte, ist das den Mitholzern nicht genug. «Wir wollen keine Senkung des Risikos, sondern seine Beseitigung», sagte ein Mann aus dem Publikum.

Unmut bei der Bevölkerung

Es stellte sich die Frage, wie realistisch es denn überhaupt ist, die Gefahr gänzlich zu bannen. Eine klare Antwort gab es darauf nicht. Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt beim VBS, nahm Stellung. «Das ist genau der Punkt, der nun abgeklärt werden muss.» Man dürfe sich aber keinen Illusionen hingeben. Einigen Anwesenden gingen diese Abklärungen aber zu lange. Eine Frau warf die Frage in den Raum, ob das VBS überfordert sei. Sie wollte wissen, wieso es drei Monate gedauert hat, bis Pläne für eine allfällige Evakuierung ausgearbeitet wurden. «Es waren eben auch noch Ferien, und einige Leute waren nicht zu erreichen», erklärte Regierungsstatthalterin Ariane Nottaris. Es war eine Antwort, die im Saal Gemurmel laut werden lies. Auch eine andere Stimme zweifelte am Arbeitstempo des VBS. «Ich habe auf einem Wanderweg mehrere Blindgänger gefunden und dies dem VBS gemeldet. Es dauerte vier Tage, bis sie beseitigt waren.»

Schliesslich gab es aber auch noch versöhnliche Worte. Der im Publikum anwesende GLP-Nationalrat Jürg Grossen kritisierte zwar die Kommunikation des VBS, sprach den Verantwortlichen aber sein Vertrauen aus. «Sie werden einen guten Job machen.»

Der Bund