2016-08-04 07:03

Mehr häusliche Gewalt, aber weniger Vandalismus

Für Martin Schudel, Chef der Polizei Bern Süd, sind Bümpliz und Bethlehem keine Problemquartiere.

«Am meisten Informationen sammelt man, wenn man zu Fuss unterwegs ist», sagt Polizist Martin Schudel.

«Am meisten Informationen sammelt man, wenn man zu Fuss unterwegs ist», sagt Polizist Martin Schudel.

(Bild: Adrian Moser)

  • Simon Wälti

    Simon Wälti

Herr Schudel, hatten Sie Vorurteile, als Sie nach Bümpliz kamen?
Auch ich hatte einige Klischees im Kopf, als ich vor zwei Jahren die Leitung der Stationierten Polizei Bern Süd übernahm. Es ist aber anders, als ich dachte. Im Zentrum von Bümpliz, wo sich auch unsere Wache befindet, wird man freundlich gegrüsst oder angesprochen. Da ist man in anderen Quartieren meist deutlich zurückhaltender. Für viele ist Bümpliz mit seiner Fussgängerzone auch immer noch ein Dorf.

Wie sieht es in Bethlehem aus?
Meistens sind die Kontakte dort etwas distanzierter. Wir werden aber nicht als Feind wahrgenommen. Grundsätzlich stelle ich fest, dass die Polizei in ländlichen Gemeinden einen anderen Stellenwert hat als in der Stadt. Der Umgang ist weniger verkrampft und zum Teil respektvoller.

Wie ist das zu verstehen?
Man ist wohl gegenüber der Polizeiarbeit etwas weniger kritisch eingestellt, und es wird nicht immer alles hinterfragt. Auf jeden Fall gefällt es mir hier. Der Stadtteil ist viel besser als sein Ruf. Er ist sehr vielfältig mit Wohnblöcken, neuen Häusern in Brünnen, Einfamilienhäusern, Gewerbeliegenschaften, Landwirtschaft und auch viel Natur.

Wie sieht es denn mit der Sicherheit in Bümpliz und Bethlehem aus?
Die Kriminalstatistik zeigt, dass wir in der Stadt Bern in allen Quartieren eine gute Sicherheitslage haben. Die Zahl der Delikte ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen zurückgegangen. Auch bei den Befragungen der Bevölkerung erreichen wir gute Werte.

Können Sie einzelne Quartiere vergleichen?
Ich muss vorausschicken, dass wir die Delikte nicht nach Quartieren aufschlüsseln. Eine solche Statistik existiert nicht. Aufgrund der Ereignismeldungen und unserer Erfahrung können wir aber sagen, dass wir in Bümpliz-Bethlehem bei Einbrüchen, Sprayereien, Vandalismus und Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz sowie bei Verkehrsunfällen tiefer liegen als in anderen Stadtteilen.

Das überrascht, wo doch von einer Raserszene an der Fellerstrasse berichtet wurde.
Die Situation hat sich beruhigt. Wir führten Kontrollen durch, einige Personen mussten den Führerausweis abgeben. Die Stadt ergriff zudem bauliche Massnahmen. Einzelne Meldungen zu Rasern tauchen in Berns Westen gelegentlich auf. Wir können keinen Schwerpunkt feststellen, nehmen die Meldungen aber ernst. Manchmal sind solche Entwicklungen auch Zyklen unterworfen.

Wie meinen Sie das?
An der Fellerstrasse waren es oft 18- bis 20-jährige Burschen. Die hatten vielleicht ein tolles Auto geleast und wollten im Kollegenkreis auftrumpfen. Zwei, drei Jahre später sind vielleicht einige weggezogen, andere sind zur Vernunft gekommen.

Was bewirken Gespräche?
Das ist unterschiedlich. In der Gruppe sind sie nicht immer einsichtig. Anders ist es manchmal, wenn man unter vier Augen mit ihnen spricht oder wenn sie Bussen bezahlen müssen. Wichtig, gerade bei den Jugendlichen, ist die Zusammenarbeit mit den Quartierorganisationen, den Schulen und anderen Institutionen. Es braucht aber immer ein zusätzliches Engagement.

Sind Ihre Polizisten häufig zu Fuss auf Patrouille?
Das ist für uns sehr wichtig. Am meisten Informationen sammelt man, wenn man zu Fuss unterwegs ist. Ich sage meinen Leuten immer: Patrouilliert im Quartier, zu Fuss oder auch per Velo, dann kommt ihr mit den Bewohnern in Kontakt. Das kann man nicht wettmachen, indem man im Auto fünfmal durchfährt.

In welchen Bereichen sind die Probleme grösser als anderswo?
Bei der häuslichen Gewalt, bei Streitereien und bei Lärmklagen haben wir mehr Fälle als in anderen Quartieren. Auch Ladendiebstähle kommen etwas häufiger vor, wobei dies teilweise auch auf die Grösse der Einkaufszentren zurückzuführen ist.

Haben Sie Erklärungen für die erhöhte häusliche Gewalt?
Es ist sicher so, dass die Familien hier enger zusammenwohnen. Die Fälle kommen keineswegs nur bei Ausländern oder Bewohnern mit Migrationshintergrund vor. Zum Teil werden Konflikte auch lauter und eher körperlich ausgetragen als an anderen Orten. Das hat möglicherweise mit dem kulturellen Hintergrund oder auch mit dem Arbeitermilieu zu tun, das hier stärker vertreten ist als in anderen Stadtteilen. Ein Teil der Lärmklagen ist darauf zurückzuführen, dass die Wohnungen oft schlechter isoliert sind als andernorts.

Gibt es in Bethlehem eigentliche Jugendgangs?
In diesem Sinne kennen wir dieses Problem nicht. Es gibt aber sicher Jugendliche, die sich zu Gruppen zusammenschliessen. Dann kann sich ein Problem auch einmal aufschaukeln. Das ist sicher hier eher der Fall als im ruhigen Kirchenfeld.

Kürzlich hat die Polizei eine Razzia in einem illegalen Spielklub an der Freiburgstrasse durchgeführt.
Das ist richtig. Bei Verdacht auf illegale Spielklubs werden immer wieder Polizeikontrollen durchgeführt, das beschränkt sich aber nicht auf Bümpliz.

Wie sieht es in Bezug auf islamistische Umtriebe aus?
Wir haben hier im Westen von Bern Moscheen und Gebetshäuser. Wir suchen den Kontakt und beobachten die Situation. Wir haben aber keine Hinweise darauf, dass sich hier irgendwo eine islamistische Zelle gebildet hätte.

Drohungen und Beschimpfungen gegen Beamte nehmen zu. Auch in Bümpliz und Bethlehem?
Das gibt es. Bümpliz und Bethlehem sind in dieser Hinsicht nicht speziell auffällig. Unsere Mitarbeiter leisten auch Einsätze in der Innenstadt oder in anderen Gemeinden in der Region. Generell stellen wir eine Verrohung der Sitten fest. Zu Angriffen gegen die Polizei kommt es häufiger als früher. Dabei sind vielfach auch Alkohol und Drogen im Spiel. Oder die Leute wollen sich in der Gruppe beweisen.

Der Bund