2017-04-10 07:20

Bei häuslicher Gewalt fährt Bern zweigleisig

Seit der Kanton Bern ein eigenes Programm für die Beratung gewalttätiger Männer auf die Beine gestellt hat, ist es für die Fachstelle Gewalt Bern finanziell eng geworden.

Basil Glanzmann: «Wir kommen finanziell immer mehr unter Druck.»

Basil Glanzmann: «Wir kommen finanziell immer mehr unter Druck.»

(Bild: Adrian Moser)

  • Anita Bachmann und Gianna Blum

Wenn es um häusliche Gewalt geht, stehen oft weibliche Opfer im Fokus der Aufmerksamkeit. Doch therapeutische Angebote sind auch für die Täter nötig. Pionierarbeit leistete hier die Berner Fachstelle für gewalttätige Männer, die ihre Arbeit 2003 unter dem Namen StoppMännerGewalt aufnahm. Heute bietet sie auch für Frauen mit einem Gewaltproblem Beratungen an.

Pro Jahr verzeichnet sie nach eigenen Angaben rund 50 Neuanmeldungen, ein Viertel davon kommt von Frauen. Doch die Zukunft der Fachstelle ist ungewiss, denn es hapert bei den Finanzen. Geldsorgen habe die Fachstelle schon seit Jahren, sagt Geschäftsführer Basil Glanzmann. Bis 2012 hatte der Kanton die Fachstelle kostentragend subventioniert. Ab 2014 hätten sie zumindest wieder jährliche Leistungsverträge mit dem Kanton Bern und der Interkonfessionellen Konferenz der Kirchen abschliessen können.

«Für 2018 ist die Finanzierung aber noch ungewiss.» Der Grund, so Glanzmann, sei ein politischer. «Nach wie vor gibt es nur wenig Bereitschaft, in die Täterarbeit zu investieren.» Nebst der Verhinderung von menschlichem Leid könnten aber hohe Folgekosten gespart werden. Ein Jahr Gefängnisaufenthalt koste gleich viel wie ein volles Betriebsjahr der Fachstelle Gewalt Bern.

Der Kanton selbst konkurrenziert die langjährige Fachstelle und bringt sie dadurch in Nöte, denn die Polizei- und Militärdirektion (POM) ist mittlerweile selbst aktiv geworden. Einige Jahre nach der Fachstelle rief auch der Kanton ein Lernprogramm für gewalttätige Männer ins Leben. Doch die Gruppentherapien waren lange nicht ausgelastet, wie der Jahresstatistik Häusliche Gewalt im Kanton Bern 2014 zu entnehmen ist.

Kanton und Fachstelle konkurrenzierten sich mit ihren Angeboten, weshalb Letztere weniger Geld bekam. «Die Pionierarbeit war geleistet, deshalb wollten wir nur noch Beratungsleistungen einkaufen und nicht auch noch die Projekt- und Lobbyarbeit», sagt Judith Hanhart, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt.

Deshalb habe der Kanton von einer pauschalen Subventionierung zum Leistungsvertrag gewechselt. «Das ist ein schmerzhafter Prozess», sagt Hanhart. Und es stellt die Fachstelle vor ein Problem. Räumlichkeiten, Administration, Qualitätssicherung oder Öffentlichkeitsarbeit wollen bezahlt sein. «Wir kommen finanziell immer mehr unter Druck», bekennt Glanzmann.

Fusion keine Option

Zwei Stellen mit ähnlichen Aufgaben: Braucht es das? Weshalb fusionieren die beiden Organisationen nicht zu einer professionellen Beratungsstelle? Tatsächlich wurde dies offenbar diskutiert, wie es bei der POM heisst. Letztlich habe man sich dagegen entschieden. Der Grund: So gleich seien die Angebote der Fachstellen eben doch nicht. Glanzmann und Hanhart betonen beide, dass man sich nicht in einer Konkurrenzsituation befinde. Bewusst versuchen die beiden darum, ihre Angebote voneinander abzugrenzen.

Während es beim Kanton nur Gruppentherapien gibt, setzt die Fachstelle auf Einzelgespräche. Die Behörden weisen nach polizeilichen Interventionen wegen häuslicher Gewalt die Männer dem Lernprogramm zu, die Fachstelle hat sich auf das «Dunkelfeld» konzentriert. 80 Prozent der Leute, die man berate, meldeten sich selber, sagt Glanzmann. «Gewalttätige Menschen empfinden oft Scham und haben Angst, sich bei einer Beratungsstelle zu melden.»

Wenn es nur noch eine Fachstelle gäbe, müssten sich gewaltausübende Personen erst bei der Polizei- und Militärdirektion melden, wie Glanzmann sagt. «Damit ginge der niederschwellige Zugang zu der Beratung verloren.» Zudem verfügt die Fachstelle mit dem Angebot für gewalttätige Frauen zurzeit noch über eine Nische. Doch auch hier erwägt der Kanton gemäss der letzten Jahresstatistik zur häuslichen Gewalt, für Frauen eine Gruppentherapie zu eröffnen.

Die Konkurrenzsituation nähme weiter zu. Es ist eine Situation, die bereits jetzt bei Politikern nur bedingt auf Verständnis stösst. Doppelspurigkeiten müssten eigentlich vermieden werden, sagen Politiker im Grossen Rat (siehe Box).

Unterstützung erhält die Fachstelle nun von unerwarteter Seite: mit einer Solidaritätsparty im ISC Club Bern Ende April. Er freue sich darüber, dass die «Initiative von der jungen Generation kommt», so Glanzmann. Wie gross der Betrag sein wird, können die Verantwortlichen des ISC aber nicht beziffern. Das ISC hat den Antrag gutgeheissen, weil das Angebot der Fachstelle gänzlich unterstützenswert sei, sagt Jacqueline Brügger, Präsidentin des ISC Club Bern.

Der Bund