2019-05-15 19:43

Berner Arzt soll Krankenkassen betrogen haben

Ein Arzt aus der Region Bern rechnete trotz entzogenem Patent Leistungen mit den Kassen ab.

Der Prozess wird wohl erst im Sommer weitergeführt werden. Abgeklärt werden soll vor allem die Frage, ab wann der Arzt zweifellos hätte wissen müssen, dass er nicht mehr abrechnen darf.

Der Prozess wird wohl erst im Sommer weitergeführt werden. Abgeklärt werden soll vor allem die Frage, ab wann der Arzt zweifellos hätte wissen müssen, dass er nicht mehr abrechnen darf.

(Bild: Keystone Gaetan Bally (Symbolbild))

  • Markus Dütschler

    Markus Dütschler

Ein Weisskittel, der unrecht tut: Dieser Stoff schreit nach grossen Lettern. «Dieser Arzt ist ein uneinsichtiger Betrüger», titelte das Internetmagazin «Infosperber». Und eine Boulevard-Zeitung schrieb: «Schwindel-Arzt abgetaucht», ergänzt mit einem Passbild mit schwarzem Balken über den Augen.

Am Mittwoch begann vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland der Prozess gegen den Arzt aus der Region Bern. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft gewerbsmässigen Betrug vor. Der Mediziner hatte seine Praxis erst 2017 in einem Berner Vorort eröffnet und dabei einen grossen Teil des Patientenstamms eines langjährigen Hausarzts übernehmen können, der in Pension ging. Alles sei gut gelaufen, sagte der aus Deutschland stammende Mann. Er habe die Patienten lege artis – nach den Regeln der ärztlichen Kunst – versorgt und angemessen verdient.

Das sehen die Krankenkassen anders. Die Liste der Privatkläger, die sich am Strafverfahren beteiligen, liest sich wie ein Who is who der Schweizer Krankenversicherer. Nicht nur sie, sondern auch die Staatsanwaltschaft wirft dem Arzt vor, falsche Rechnungen eingereicht zu haben, um so Zahlungen der Kassen zu erwirken. Offenbar ging es nicht nur um einige zu viel verrechnete Positionen, sondern um Rechnungen für Patienten, die gar nie in Behandlung waren.

Chargé-Brief «vernuuschet»

Die Aufsichtsbehörde schritt im Herbst 2017 ein und entzog dem Arzt per Einschreibebrief die Berufsausübungsbewilligung. Ohne dieses «Patent» darf ein Arzt weder Patienten behandeln noch Leistungen abrechnen. Dies tat er aber trotzdem. Der Deliktsbetrag beläuft sich auf über 80'000 Franken. Er habe den Brief eventuell zwischen zwei Konsultationen mit dem Velo auf der Post abgeholt, räumte der Arzt vor Gericht ein. Richtig beachtet habe er ihn nicht, sondern «vernuuschet», er habe privat und beruflich viel um die Ohren gehabt. Der Arzt hatte bereits im Frühjahr 2017 einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft nicht richtig gedeutet. Wieso er ausgerechnet zwei Einschreiben-Sendungen nicht zur Kenntnis nehme, fragte der Richter etwas ratlos. Der Arzt, der alle Fragen überaus höflich beantwortete, konnte dies nicht überzeugend erklären.

Der geschiedene Mann arbeitet vorübergehend in einem österreichischen Kurort. Bei einer Verurteilung könnte er mit Landesverweis bestraft werden. Dies wäre für sie, aber vor allem für die unmündigen Kinder ein herber Schlag, sagte die Ex-Frau vor Gericht, denn er sei ein fürsorglicher Vater. Für den Richter blieb am Mittwoch zu vieles unklar, vor allem die Frage, ab wann der Arzt zweifellos hätte wissen müssen, dass er nicht mehr abrechnen darf. Deshalb brach der Richter die Verhandlung ab, um diese Unterlagen anzufordern. Der Prozess dürfte erst im Sommer fortgesetzt werden.