2017-11-01 11:16

«In Kigali habe ich mich sicherer gefühlt als in Paris»

Der Rapper und preisgekrönte Autor Gaël Faye erzählt, weshalb er seine Heimat Ruanda trotz allem liebt.

Sieht sich als sprachverrückten Dichter: Gaël Faye, Sohn eines Franzosen und einer ruandischen Tutsi. Fotos: Dominique Meienberg

Sieht sich als sprachverrückten Dichter: Gaël Faye, Sohn eines Franzosen und einer ruandischen Tutsi. Fotos: Dominique Meienberg

  • Mit Gaël Faye sprach Alexandra Kedves

Sie sind mit Ihrer Familie von Paris nach Kigali umgezogen. Wieso?
Sah ich früher bei Ferienaufenthalten in Ruanda jemanden auf der Strasse, fragte ich mich immer: Ist das ein Täter? Ein Opfer? Stammt die Narbe im Gesicht von einer Machete? Heute ploppt das nicht mehr hoch. Das Leben fordert sein Recht ein. Und für meine Kinder ist es ganz banal das Land, wo sie ins Freibad gehen, in die Schule, Freundinnen treffen. Klar, sie begleiten uns zu Gedenkveranstaltungen, aber sie können noch nicht ermessen, was das heisst. Für sie ist Ruanda kein Land des Schmerzes wie für unsere Familien. Ich habe rund 50 entfernte Verwandte durch den Genozid verloren, meine Frau – wie ich Kind eines Franzosen und einer ruandischen Tutsi – zudem sehr nahe Angehörige. Für mich war Ruanda mit diesen Bildern von Gewalt, Massaker und Verwüstung verbunden. Mit dem Genozid. 2014 realisierte ich, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat – und dass meine Mädchen hier nicht mit einem negativen Bild ihrer Herkunft aufwachsen müssen.

Wäre es in Paris nicht sicherer?
Ehrlich gesagt, im Moment nicht. Als die Attentate in Paris geschahen, habe ich mich in Kigali deutlich sicherer gefühlt. Und es ist ja nicht so, als ob die Gefahr mittlerweile vorbei sei; die Angst läuft immer mit. In Kigali nicht. Für die Kinder ist es sowieso toll hier: Diese Lebensqualität, diese fantastische Natur! Die sinnliche Intelligenz zu fördern, ist ohnehin das Wichtigste, und Gemeinschaft wird hier besser gelebt als in Frankreich. Ausserdem: Meine Töchter sprechen hier drei Sprachen. Kigali hat sich rasend schnell modernisiert und wuchs von 200'000 Einwohnern in den Neunzigern auf über eine Million an. Es ist eine dynamische Metropole der Globalisierung, des Business und sieht sich als kommendes Singapur Afrikas. Die Bewohner kommen aus aller Welt und mischen sich wirklich. In Frankreich bleibt der kleine Franzose beim kleinen Franzosen. Ich behaupte: Kigali mit seinen Expats, Teilafrikanern und so weiter bereitet Kinder besser auf die Welt von heute vor als Frankreich. Was nicht heissen soll, dass hier alles Gold wäre.

Wo sehen Sie die Probleme?
Die Länder um uns herum sind instabil, Burundi, der Kongo. Das ist gefährlich. Und Ruanda selbst ist arm. Es hat keine wertvollen Bodenschätze, die Landbevölkerung lebt extrem bescheiden, der Bevölkerungsdruck ist hoch. Unsere Demokratie ist nicht stabil, wir sind ja erst seit 1962 unabhängig. Aktuell fürchten alle, was geschieht, wenn unsere charismatische Führerfigur – der Präsident Paul Kagame mit seiner einenden Kraft –, abtritt. Mit einer schlechten Führung kann alles schnell erodieren. Aber wenn man hier in diesem Paradies lebt, kann man sich kaum vorstellen, wie furchtbar die Menschen zueinander sein können. Ich vermute, dass das einer der Gründe dafür ist, dass so viele so lange ausgeharrt haben, bis es zu spät war.

«Ich fing 13-jährig mit Schreiben an – und habe damit nicht aufgehört.»

Ihre Familie verliess Afrika 1995 und ging nach Frankreich.
Für mich war Frankreich nicht nur Rettung, sondern auch geistiger Türöffner. In unserem Haushalt gab es keine Romane, aber in der Schule lasen wir die Klassiker: Zola, Hugo. Am wichtigsten für mich waren Céline und Dostojewski, obwohl sie mich auch derart einschüchterten, dass ich überzeugt war: Nie, nie würde ich einen Roman schreiben können. Dafür fing ich dann 13-jährig an, alles mögliche andere zu schreiben – und habe damit seither nicht aufgehört.

Und mit Rap losgelegt.
Richtig professionell wurde das erst über einen Umweg. Ich war ja ein Kind der Finanzkrise, alle Verwandten und Studienberater sagten mir, mach nicht Philosophie, mach Wirtschaft, sonst wirst du arbeitslos. Es gab keine intellektuellen Vorbilder bei uns, so machte ich das und bekam, in der Tat, sofort einen Job in London bei einem Investmentfonds. Meine Mutter war mächtig stolz und schickte mir Anzug und Krawatte an die Themse. Alle freuten sich, nur ich war bald todunglücklich. Drei Jahre hielt ich durch: Man gewöhnt sich daran, sich selbst zu belügen. Man kämpft um hohe Boni und redet sich ein, das sei der Sinn des Lebens. Aber weil ich in der Freizeit immer weitergeschrieben hatte, zog ich irgendwann die Reissleine und gab mir ein Jahr Auszeit für ein Album. Das ist jetzt zehn Jahre her. Ich klopf auf Holz! Zurzeit arbeite ich an einem neuen Roman und einem neuen Album.

Wie kommt man von der Liebe zu Dostojewski zum Rap?
Eigentlich bin ich ein sprachverrückter Dichter. Ich liebe die Wörter im Französischen und in anderen Sprachen. Mit der Musik begann ich seinerzeit bloss, um aus der Poeteneinsamkeit zu fliehen, eine Gruppe zu haben. Rap ist super: Du musst nichts können, kein Instrument, nicht singen und tanzen. Und machst es trotzdem irgendwie. Hip-Hop ist eine zeitgenössische Do-it-yourself-Kunst frei von Klassizismen. Ich kann meine Lust am Wort und Wortspiel da voll ausleben. Aber schon als ich damit anfing, reichte mir das nicht, ich schrieb Theaterstücke, Novellen, Kurzfilme. Als ich kapiert hatte, dass es um den eigenen Ton geht, nicht um handwerkliche Perfektion, traute ich mich endlich auch an den Roman. Überhaupt liebe ich kleine Fehler und Unebenheiten: Die ganz, ganz schönen Mädchen haben mich nie berührt.

Verlangt der eigene Ton nach dem autobiografischen Stoff?
Vorderhand ist das für mich so. In der Musik kannst du Körper, Stimme und Augenblicke schwingen lassen. Für die Langstrecke des Romans musste ich mir das nötige Gefühl über die vertrauten Gestalten holen. Gleichzeitig filterte ich aber auch viel heraus und gab dem Buch eine Leichtigkeit, die von den Gräueltaten weit weg ist. Der Bub könnte fast der Kleine von nebenan sein. Ich habe keine Mission, mein Held erlebt Alltag – in den dann die Mutter mit ihrem Bericht über den Tod der Kinder ihrer Schwester einbricht; oder der Moment, in dem Gabriel selbst zur Gewalttat gezwungen wird.

Sie sind Sekretär von CPCR, dem Collectif des Parties Civiles pour le Rwanda, das Täter des Völkermords in Frankreich verfolgt.
Wir haben bisher 25 Klagen deponiert; für Heilung braucht es Gerechtigkeit. Aber die Täter stehlen sich sterbend aus der Verantwortung. Wir verfolgen nicht die, die mit der Machete Leute niedermachten, sondern die Ideologen. Und von denen hört man bis heute keine Entschuldigung; sie wollen stets von nichts gewusst haben. Manchmal kommt man sich vor wie im falschen Film – auch wenn man das Verhalten Frankreichs anschaut. Es gab starke Bande zwischen Frankreichs Regierung und jener in Ruanda: Man unterstützte sie beim Völkermord und gab das bis 1998 nicht richtig zu. Eine Entschuldigung steht bis heute aus. Mehr als in anderen europäischen Ländern hat die politische Klasse in Frankreich ein grosses Problem mit der Vergangenheitsbewältigung, egal, ob es um Algerien geht, um die Verfolgung der Juden oder Ruanda. Man darf sich nicht wundern, wenn manche Einwanderer Mühe mit der Integration zeigen.

«Das arme Ruanda beherbergt diskussionslos 300'000 Flüchtlinge.»

Haben Sie in Paris Rassismus erlebt?
Sagen wir, kleine Episoden des Feld-Wald-und-Wiesen-Rassismus. In Europa hat er koloniale Wurzeln, ist ein erniedrigender Rassismus. Ich wurde öfters gefilzt als meine weissen Freunde, man merkt es bei der Arbeitssuche, der Wohnungssuche und kann es doch nicht beweisen, ähnlich wie beim Sexismus. Aber es herrscht keine Jim-Crow-Atmosphäre. In Ruanda begegne ich aber gleichfalls einem Alltagsrassismus: Dort werde ich als Weisser betrachtet, und für mich ist alles oft ein bisschen teurer. Allerdings ist das nicht herabsetzend wie in Frankreich, wo die Frage: «Woher stammen Sie?» freundlich gemeint sein kann oder abwertend. Das thematisiert auch Gabriel im Roman. Und jetzt, wo ein paar Tausend Flüchtlinge nach Frankreich gekommen sind, schreien alle Zeter und Mordio. Das arme Ruanda, das kleiner ist als Belgien, beherbergt diskussionslos 300'000 Flüchtlinge aus den Nachbarländern! Dass eine Marine Le Pen in den zweiten Wahlgang kommt, und dies niemand mehr schockt – das war für mich ein Schock.

Was tun?
Das liegt auf der Hand: Sich bemühen, statt einfach faul Vorurteile zu pflegen. Zurück zu Aufklärung, Humanismus, Menschenrechten. Flüchtlinge aufnehmen, versorgen.

Sind Sie das Gewissen Ihrer Leser?
Ich würde mir eine zweckfreie Kunst wünschen. Durch den Roman über den Genozid wurde ich nolens volens zur Stimme meiner Generation, aber ich wehre mich gegen jede Form von Gesinnungsdiktatur. Es ist nur so: Über Ruanda berichten meist Fremde, so bin ich ein wenig in die Verantwortung gerutscht. Ich hoffe, dass andere, jüngere Stimmen sich melden. Jedenfalls ist Kunst frei, darf utopisch und tröstlich sein. Für mich ist die wahre Heldin von «Kleines Land» die wahnsinnige Mutter, die als Einzige die herannahende Gefahr erkennt und sich bis in die tiefste Finsternis wagt, um ihre Verwandten zu retten. Psychopath dagegen ist, wer nicht helfen will. Dass Gabriel sich seiner Mutter annimmt, ist für mich eine lichtvolle, hoffnungsvolle Schlussnote des Buchs.

«Kleines Land»