2014-12-06 01:15

Plötzlich diese Fraternité

Sie hassten sich innig, doch nun bilden Nicolas Sarkozy und Dominique de Villepin eine Allianz. Frankreich fragt: Was ist denn hier passiert?

Nicolas Sarkozy, Parteichef der französischen UMP. Foto: AFP

Nicolas Sarkozy, Parteichef der französischen UMP. Foto: AFP

So hart kann Erz nicht sein, wenn sich ewig gewähnte Erzfeinde so plötzlich versöhnen, wie das Nicolas Sarkozy und Dominique de Villepin gerade tun. Der ehemalige Präsident und der frühere Premier, einst bittere Rivalen im Kampf um die Führung der französischen Rechten, alliieren sich, um Frankreich wieder eine Perspektive zu bieten, wie sie das nennen. Ausgerechnet. Sarkozy ist am letzten Sonntag bei den Primärwahlen der bürgerlichen Union pour un Mouvement Populaire (UMP) zum Parteichef gekürt worden und bat Villepin, seinem Team beizutreten. Man findet nur schöne Worte füreinander. Analysten und Politiker fragen: Was ist denn hier los?

Es ist noch nicht lange her, da wünschte sich Sarkozy den Kontrahenten «an den Fleischerhaken». Er verdächtigte Villepin, gegen ihn zu intrigieren. Der wiederum liess ausrichten, der Parteikollege sei besessen vom Hass gegen ihn und der präsidialen Funktion «nicht würdig», es fehle ihm der «Stoff zum Staatsmann». Allzu viel trennte die beiden: Herkunft, Geisteswelt, Auftritt.

Elegant und weltläufig

Villepin ist eine Figur wie aus einem Aristokratenfilm – elegant und weltläufig, schöngeistig und rhetorisch brillant. Seine lange Karriere als Diplomat rundete seinen Gestus. Frankreich wird sich immer an seine leidenschaftliche Rede gegen die Invasion im Irak erinnern, 2003 vor der UNO, damals noch als ­Aussenminister.

Doch Villepin ist ein Politiker ohne Bodenhaftung. Er hat noch nie eine Wahl gewonnen. Alle bisherigen Posten fielen ihm durch Nominierungen zu. Seine Versuche, sich eine Wahlbasis zu schaffen, missrieten allesamt. Er hat den Instinkt nicht, den Sarkozy immer besass, dieses Bauchgefühl dafür, was das Volk im Alltag hören möchte. Er schwebt lieber, wühlt nicht so gerne.

Was also ist hier los? Villepin ist bislang der einzige ehemalige Premierminister aus dem rechten Lager, der Sarkozys Einladung in den Beirat früherer Regierungschefs gefolgt ist: Alain Juppé, Jean-Pierre Raffarin und François Fillon sagten ab. Juppé argumentierte, er verstehe den Sinn des «Naphtalin-Clubs» nicht. Vielleicht ist es aber auch so, dass er die Mottenkiste im Gegenteil durchschaut. Eine der Thesen für Sarkozys wundersame Retrouvaille mit Villepin geht nämlich so: Bei seinem Versuch, die zerstrittene Rechte um sich zu scharen, gibt der Rückkehrer den Versöhner, den Überwinder allen Hasses.

Gemeinsame Freunde in Katar

Die Versöhnung mit Villepin leuchtet da wie ein Symbol. Die französischen Medien nennen es auch eine «prise de guerre», eine Kriegsbeute also. Villepin wiederum, der seine Zeit seit einigen Jahren als international tätiger Anwalt und als Buchautor vertreibt, findet auf diese Weise unverhofft aus der Bedeutungslosigkeit. Er streitet zwar allenthalben ab, dass ihm Sarkozy einen prominenten Posten versprochen habe, sollte dieser 2017 wieder Präsident werden: jenen des Aussenministers zum Beispiel. Doch so richtig nimmt ihm das niemand ab.

Villepin ist jetzt 61 Jahre alt, viel zu jung für die Pension. Und wer mal an der Macht gerochen hat, der vergisst den Geruch nie mehr. Das ist wohl ein bisschen wie bei den Mottenkugeln. Es gibt auch Leute, die meinen, Villepin könnte sich in zweieinhalb Jahren zum Spitzenkandidaten der Bürgerlichen aufschwingen, wenn Sarkozy dann verhindert sein sollte, etwa wegen Justizproblemen. Andere wiederum sehen in beider Nähe zu Katar ein Motiv für die erstaunliche Aussöhnung: Sie sind beide oft am Golf, haben enge Kontakte zum Emir und dessen Familie, reden für viel Geld vor Bankern und beraten katarische Klienten. Auch das verbindet.

Ein bürgerlicher Abgeordneter hüllt die neue Allianz halb irritiert und halb belustigt in einen hübschen Sammelbegriff: «Solche Geschichten machen den Charme der französischen Politik aus», sagte er. Und deren Mysterium, liesse sich anfügen.

Dominique de Villepin. Foto: PD
Dominique de Villepin. Foto: PD