2019-02-12 18:34

Ein Boys Club namens «Ligue du LOL»

Prominente Journalisten haben vor Jahren in einer Facebook-Gruppe Angriffe auf Kolleginnen organisiert. Die melden sich jetzt zu Wort.

Hass im Internet schlägt oft gerade Frauen entgegen – so auch bei der «Ligue du LOL». Foto: Reuters

Hass im Internet schlägt oft gerade Frauen entgegen – so auch bei der «Ligue du LOL». Foto: Reuters

  • Nadia Pantel

  • Paris

Am Samstag teilt der Journalist Alexandre Hervaud auf Twitter das Bild einer laufenden Waschmaschine. Zwei Tage und einen Schleudergang später wird Hervaud entlassen: Am Montagmittag setzt ihn sein bisheriger Arbeitgeber, die französische Tageszeitung Libération vor die Tür. Hervaud war Chef der Onlineredaktion und gleichzeitig einer, der auf Twitter mal lustige, mal weniger lustige Bildchen postet.

Die Waschmaschine war eine seiner ersten Reaktion auf die Affäre rund um die berüchtigte Facebook-Gruppe «Ligue du LOL», die in Frankreich gerade für Diskussionen sorgt. Subtext: Jetzt wird also die schmutzige Wäsche gewaschen. Dabei sind die Vorwürfe, die gegen Hervaud erhoben werden, nicht mit einem Gif abzuhandeln.

Die Geschichte hinter der «Ligue du LOL» hat die Zeitung Libération selbst ans Licht gebracht. Sie beginnt in der Frühphase der Sozialen Medien und sie endet nicht zufällig eineinhalb Jahre nachdem die «Me too»-Enthüllungen dazu geführt haben, dass sich viele Leute darüber Gedanken machen, wie Machtgefälle von Männer genutzt werden, um Frauen zu belästigen, zu demütigen, auszunutzen.

Frauen im Visier der «grössten Talente»

Die «Ligue du LOL» ist zunächst schlicht eine private Facebookgruppe in der von 2008 an rund 30 junge Journalisten, Werber und Grafiker aktiv waren. Auf Twitter kursiert eine angeblich «nicht vollständige» Liste, auf der 35 Männer aufgeführt sind, die der Gruppe angehört haben sollen. Eines der früheren Mitglieder beschreibt, dass sich dort «die grössten Talente auf Twitter» gesammelt hätten.

Die meisten sind Männer, auch einige Frauen sind dabei. «Wir haben da Witze gemacht. Wir haben uns über alles lustig gemacht, wir haben uns über jeden lustig gemacht», sagt Hervaud heute. Hört man denjenigen zu, die sich nun als Opfer der «Ligue du LOL» zu erkennen geben, stimmt das nicht ganz. Es waren vor allem Frauen, die von den «grössten Talenten» ins Visier genommen wurden. Sie wurden lächerlich gemacht, weil sie feministische Texte teilten, sich über Rassismus aufregten oder weil sie der Gruppe nicht dünn genug waren.

Der Name der Gruppe verweist dabei aufs Selbstverständnis. LOL steht für «laughing out loud», eine Abkürzung, die die Social Media Pioniere ironisch verwenden. Die Mitglieder der Gruppe sahen sich selbst über den Dingen stehen und feierten sich für ihren Zynismus. «Wir haben dort vor allen Dingen Witze gemacht, die wir nicht öffentlich machen konnten. Es war genial, es war bescheuert», sagt Hervaud. Zudem nutzten die Mitglieder die Gruppe, um sich gemeinsam darauf zu verständigen, wen in der Medienwelt sie gerade besonders bescheuert finden. Die Trennlinie schien dabei ungefähr so gezogen zu werden, wie bei den meisten Gruppen, die gemeinsam beginnen, andere zu mobben: Entweder man lacht mit, oder es wird über einen gelacht.

«Die Gangster von Twitter»

Der Telerama-Journalist Olivier Tesquet schreibt über seine Zeit bei der Ligue du LOL: «Das war der Boys Club. Es war besser, dazu zu gehören, als draussen zu sein.» Heute erkenne er, dass die Gruppe ein klassisches Beispiel «maskuliner, toxischer» Strukturen sei. Der Journalist Vincent Glad gründete die Gruppe und beschreibt die besonders aktiven Jahre von 2009 bis 2012 so: «Wir waren einflussreich. Wenn wir jemanden kritisiert haben, hatte das Tragweite. Viele waren von uns fasziniert, wir waren ein wenig die Gangster von Twitter.»

Konkret hiess das: In der Gruppe wurden Fotomontagen gebastelt und verbreiten, in denen die Köpfe von Journalistinnen und Bloggerinnen auf die Körper von Pornodarstellerinnen montiert waren. Die Mitglieder fingierten Anrufe von Vorgesetzten, versprachen nicht-existente Jobs und stellten das heimlich aufgezeichnete Gespräch danach ins Internet. Sie überzogen Twitter-Nutzerinnen mit sexistischen, abwertenden, manchmal rassistischen Kommentaren. Viele der Vorwürfe werden jetzt anonym erhoben.

Öffentlich für Verhalten entschuldigt

Doch einige der Opfer dieses orchestrierten Online-Mobbings äussern sich auch öffentlich. Die Slate-Autorin Nora Bouazzouni sagt über die Ligue du LOL: «Zwei Jahre lang haben sie mich mit Tweets und Mails belästigt und meine Arbeit abgewertet. Sobald ich einen feministischen Artikel geteilt habe, haben sie angefangen.» Die erfolgreiche Podcast-Produzentin Mélanie Wanga schreibt auf ihrem frisch reaktivierten Twitter-Account: «Wegen der Ligue du LOL habe ich 2013 Twitter verlassen. Stellt euch mal vor, ihr seid eine junge, schwarze Journalistin, die über Apartheid schreibt und ihr kriegt zwanzig Mal am Tag solche Nachrichten.» Dazu stellt sie Tweets, in denen sich die Verfasser über Wangas Herkunft lustig machen.

LOL-Liga Gründer Glad und viele weitere prominente Mitglieder der Gruppe haben sich inzwischen öffentlich für ihr Verhalten entschuldigt. Glad schrieb in einem Statement er habe ein «Monster erschaffen, das ihm entwischt» sei. Glad hatte sich zuletzt einen Namen als Experte für die Online-Vernetzung der Protestbewegung der Gilets jaunes gemacht.

Am Montag kündigte Libération die Zusammenarbeit mit ihm vorläufig auf. Insgesamt wurden am Montag sechs Mitglieder der Ligue du LOL von ihren Posten suspendiert. Darunter der Chefredakteur des Popkulturmagazins Inrockuptibles, David Doucet, der sagt, die Gruppe vor sechs Jahren verlassen zu haben. Die Mitglieder der Ligue du LOL arbeiteten vor allen Dingen bei Medien, die sich im linken Milieu verorten. Die Zeitung Libération kündigte eine interne Untersuchung an.