2019-07-22 16:36

Schlägermobs greifen in Hongkong Demonstranten an

Mit Metallstangen gingen regierungsfreundliche Gruppen in einer U-Bahn-Station auf Menschen los. Peking verurteilt die Krawalle.

Verfolgungsjagd: Männer in weissen T-Shirts rennen in einer U-Bahn in Hong Kong Demonstranten und Journalisten nach. (22. Juli 2019)

Nach einem neuen Massenprotest in Hongkong ist es wieder zu Zusammenstössen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Sicherheitskräfte setzten am Sonntag Tränengas ein, um Aktivisten zu vertreiben, die Strassen blockierten.

Es gab auch Zusammenstösse zwischen regierungsfreundlichen Gruppen und Demonstranten. Schlägermobs in weissen T-Shirts schlugen am U-Bahnhof Yuen Long mit Metallstangen und Holzstöcken auf heimkehrende Demonstranten und Reporter ein, wie in Videos in sozialen Medien zu sehen war.

Bei den Angriffen wurden 45 Menschen verletzt. Sechs Menschen erlitten schwere Verletzungen, einer von ihnen schwebte in Lebensgefahr. Augenzeugen vermuteten, dass chinesische Triaden hinter den Angriffen der vermutlich angeheuerten Schläger steckten.

Kritiker werfen der Polizei vor, trotz dramatischer Hilferufe der angegriffenen Demonstranten erst nach mehr als einer Stunde eingetroffen zu sein. Die Beamten nahmen die in weisse T-Shirts gekleideten Angreifer dann auch nicht fest, obwohl diese sich weiterhin in den Strassen nahe des Bahnhofs aufhielten.

Später wurden Männer gesehen, die den Ort in Autos mit Kennzeichen von Festland-China verliessen. Der Bahnhof Yuen Long, an dem sich der Angriff zutrug, liegt unweit der Grenze zwischen Hongkong und Festland-China.

Nahmen niemanden fest: Polizisten sprechen nach der Attacke mit zwei der Männer in weissen T-Shirts. (21. Juli 2019) Foto: Tyrone Siu/Reuters

Die Demonstranten forderten einen förmlichen Rückzug des umstrittenen Auslieferungsgesetzes und auch eine unabhängige Untersuchungskommission, die die Polizeigewalt bei Zusammenstössen am Rande früherer Demonstrationen beleuchten soll.

Erstmals richtete sich der Protest nicht mehr nur gegen die Hongkonger Regierung, sondern auch direkt gegen Pekings Vertretung. Nach dem Protestmarsch zogen Hunderte Menschen zum Verbindungsbüro der chinesischen Führung. Einige bewarfen das Gebäude mit Eiern und schwarzer Farbe. Auch das Emblem der Volksrepublik wurde beschmutzt.

Wollen unabhängig bleiben: Demonstranten sprayen Graffiti an die Wände des Verbindungsbüros von China in Hong Kong. (21. Juli 2019) Die Foto: Chris McGrath/AFP

China kritisierte die jüngste Welle von Gewalt bei Protesten in seiner Sonderverwaltungszone Hongkong scharf. Das Verhalten einiger «radikaler Demonstranten» könne nicht toleriert werden, sagte Geng Shuang, ein Sprecher des Pekinger Aussenministeriums am Montag. Peking unterstütze die Hongkonger Regierung dabei, für Recht und Ordnung in der chinesischen Sonderverwaltungszone zu sorgen.

Auch Chinas Staatsmedien reagierten empört. «Das ist ein Aufruhr», schrieb die «Global Times». Das Verbindungsbüro verurteilte den Angriff als Herausforderung der Autorität der Pekinger Zentralregierung und des Grundsatzes «ein Land, zwei Systeme», nach dem die chinesische Sonderverwaltungsregion autonom mit eigenen Freiheiten regiert wird.

Die Hongkonger Regierung kritisierte den Angriff als Verstoss gegen Recht und Ordnung, wie der Hongkonger Rundfunk RTHK berichtete.

Von China angeheuerte Schläger?

Mindestens 45 Menschen wurden laut Angaben der Behörden verletzt. Augenzeugen vermuteten, dass chinesische Triaden hinter den Angriffen der vermutlich angeheuerten Schläger steckten.

Zu den Zwischenfällen kam es nach einem Protestmarsch, an dem nach Angaben der Organisatoren 430'000 Menschen teilgenommen hatten. Nach Schätzungen der Polizei, die in Hongkong in der Regel sehr niedrig ausfallen, sollen es nur 138'000 Teilnehmende gewesen sein.

Demonstranten blockierten Strassen in der Nähe des Regierungssitzes und des Parlaments, die jeweils mit massiven, zwei Meter hohen Absperrungen abgesichert worden waren.

Mit Schildern und Gittern: Demonstranten errichten eine Strassensperre. (21. Juli 2019) Foto: Laurel Chor/AFP

Im Vorfeld hatte die Polizei ein Waffenlager in einem Lagerraum einer Unabhängigkeitsgruppe gefunden. Die Polizei stellte zwei Kilogramm Sprengstoff, Brandsätze, Säure, Messer und Metallstangen sicher. Ausser einem 27-Jährigen nahm die Polizei am Samstagabend zwei 25-Jährige fest. Die Ermittler untersuchten nach eigenen Angaben, ob ein Zusammenhang mit den Protestaktionen besteht.

Der Lagerraum war von der Hongkonger National Front gemietet worden, die für die Unabhängigkeit des chinesischen Territoriums eintritt. Die Gruppe beteuerte aber nach Medienberichten, nichts von dem Sprengstoff gewusst zu haben. Es seien dort nur Lautsprecheranlagen und Informationsmaterial gelagert worden. Der festgenommene 27-Jährige gehöre der Organisation an.

Grosser Fund: Die Polizei stellte im Vorfeld der Proteste zwei Kilogramm Sprengstoff, Brandsätze, Säure, Messer und Metallstangen sicher. Foto: Keystone/Apple Daily via AP

Die Polizei hatte auf «Geheimdienstinformationen» reagiert, als sie das Lager am Freitagabend entdeckte, wie die «South China Morning Post» berichtete. Bei dem Sprengstoff handelte es sich demnach um hochexplosives TATP (Triacetontriperoxid), das auch schon von Islamisten bei Anschlägen in Europa verwendet wurde. «Ich denke, es ist ohne Zweifel die grösste Menge, die wir jemals in Hongkong gefunden haben», wurde Superintendent Alick McWhirter zitiert.

Die frühere britische Kronkolonie kommt seit Wochen nicht zur Ruhe. Der Protest richtet sich gegen die Peking-treue Regierung und auch Chinas wachsenden Einfluss. Nach einer Demonstration am 1. Juli stürmten Aktivisten sogar das Parlament.

Auslöser der Proteste war das inzwischen auf Eis gelegte Gesetz für Auslieferungen von Personen an China, die von der chinesischen Justiz beschuldigt werden. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat den Gesetzentwurf seither ausgesetzt und für «gestorben» erklärt. Einen formellen Rückzug des Entwurfs, wie von den Demonstranten gefordert, lehnt sie aber ab.

Hat das Vertrauen der Bevölkerung verspielt: Für Carrie Lam ist das umstrittene Auslieferungsgesetz «tot». Foto: Justin Chin/AFP

Der Widerstand unter den sieben Millionen Hongkongern ist gross, weil Chinas Justiz nicht unabhängig ist und als Werkzeug der politischen Verfolgung dient. Auch warnen Kritiker vor Folter und Misshandlungen in China.

sep/fal/sda