2016-12-10 08:24

Lieber «Fakeschnee» als gar kein Schnee

Ohne künstlichen Schnee wäre im Berner Oberland kein Wintersport möglich. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss.

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  • Liliane Manzanedo

Ganz so weiss schaut es im Berner Oberland nicht aus. Auf 2000 Meter über Meer tauchen reichlich grün-braune Flecken mitten in der weissen Pracht auf. «Von wegen Pracht! Das ist kein echter Schnee», beklagt sich Dominik Grémaud. Seit Jahren passionierter Skifahrer, zieht es ihn fast jeden Winter ins Berner Oberland in die Jungfrau-Ski-Region: um genauer zu sein, nach Grindelwald/Wengen (Männlichen–Kleine Scheidegg) am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau. Mit 110 Pistenkilometern und einem Schlittelweg von 30 Kilometern ist dieses Gebiet relativ gross. Es macht rund die Hälfte des gesamten Skigebiets Wengen aus.

Am meisten schätzt Grémaud den relativ frühen Eröffnungstermin Mitte November, allerdings beginnt gerade an diesem Punkt sein Problem: Der Schnee will nicht so früh fallen, wie die Pisten öffnen. Und das, obwohl es eigentlich kalt genug wäre. «Ich möchte knirschenden, weichen, verführerischen Tiefschnee. Auf Kunstschnee zu fahren, ist nicht dasselbe.» Dennoch hat er aber, wie viele andere auch, nicht aufs Skifahren im November verzichtet. Schliesslich sei es besser, auf «Fake­schnee» zu fahren als gar nicht.

«Wir erhalten Komplimente»

Marco Luggen, Geschäftsführer der Jungfrau-Ski-Region kennt diese Bedenken. «Technischer Schnee» sei mit seiner harten Kontextur halt nicht vergleichbar mit dem frisch gefallenen, lockeren Pulverschnee, der die gesamte Landschaft und nicht nur die Fahrpiste bedeckt. Dennoch, die Leute seien froh, bereits so früh Ski fahren zu können: «Wir erhalten viele Komplimente für unsere Arbeit.» Laut ihm, habe Kunstschnee sogar einige Vorteile gegenüber Echtschnee: Er schütze den Boden besser und biete eine gute Unterlage für den später dazukommenden Naturschnee. Technischen Schnee zu produzieren, sei mit viel Aufwand verbunden. Seit Saisonbeginn im November seien für die gesamte Jungfrau-Ski-Region ungefähr 120 Millionen Liter Wasser zu Kunstschnee verarbeitet worden. Damit befinde man sich auf dem selben Stand wie letztes Jahr. Wie teuer die Produktion komme, hänge davon ab, ob noch Wasser von irgendwoher hochgepumpt werden müsse oder im entsprechenden Ski­gebiet bereits vorhanden sei. Dies fresse natürlich mehr Strom und benötige mehr Zeit. Ein Kilometer Pistenbeschneiung kostet rund eine Million Franken.

Auch in Gstaad erkennt Bergbahnen-Chef Matthias In-Albon den Vorteil des technischen Schnees. Eine stabile Piste setzt sich für ihn aus gefrorenem ­Boden, Kunstschnee und darüber natürlichem Schnee zusammen. «Das verhindert Landschäden und verhindert schnelles Abschmelzen des Schnees im Frühling. Auch können viele Fahrer ­drüberfahren, und die Piste bleibt dennoch ­bestehen.»

Nur nicht nervös werden

Dass der Schneemangel weitergeht, bestätigt Meteorologe Roger Peret. Er prophezeit gar ein schwieriges Wochenende für den technischen Schnee: «Momentan ist es zu mild.» Und um die Schneekanonen auf Hochtouren laufen zu lassen, sind Minustemperaturen ein Muss. Nicht nur zum Zeitpunkt der Produktion, sondern auch danach. Davon kann Nicolas Vauclair, Geschäftsführer der Bergbahnen Lenk, ein Liedchen singen: «Unsere erste Portion Schnee wurde vom Föhnsturm weggeschmolzen.» Mit grossem Aufwand habe man die letzten drei Wochen die Pisten wieder auf Vordermann gebracht. Auch der wenige echte Schnee sei dabei verlorengegangen. Vauclair sieht darin aber keinen Qualitätsverlust, schliesslich könne man auch so «wunderbar» Ski fahren. Natürlicher Schnee sei mehr ein «Feeling», brauchen tue man ihn eigentlich nicht, um gut Ski fahren zu können.

In-Albon sieht die technische Beschneiung gar als Grundlage, um heutzutage überhaupt noch Wintersport betreiben zu können. Die nicht hochalpinen Schneegebiete haben in dieser Hinsicht aufgrund ihrer sanften Flora Vorteile, da eine Piste dort bereits ab 30 Zentimeter Naturschnee eröffnet werden kann. Adelboden-Tourismus-Chef Urs Pfeninger rät, nicht nervös zu werden, auch wenn kein Schnee in Sicht ist. Die Natur könne man nicht verändern und Zeit sei genug da, um auf die Piste zu gehen.

Der Bund