2018-11-05 10:39

Champions League der Wortkünstler

In dieser Woche ist Zürich die Hauptstadt der deutschsprachigen Slam-Poetinnen und -Poeten. Bei ihnen wird der Text zur grossen Show. Finale ist im Hallenstadion.

«Wir brauchen das Rampenlicht nicht»: Martin Otzenberger und Lukas Hofstetter organisieren den Slam 2018. Foto: Thomas Egli 

«Wir brauchen das Rampenlicht nicht»: Martin Otzenberger und Lukas Hofstetter organisieren den Slam 2018. Foto: Thomas Egli 

Die Literaturszene hat sie gewogen. Und natürlich für zu leicht befunden: Slam-Poeten, sagten die Kritiker, seien doch so etwas wie Comedians, die auf der Bühne den Clown machten. Das war zu einer Zeit, als niemand so recht wusste, was Poetry-Slam eigentlich ist, nicht einmal die Slam-Poeten selber.

Da stand schon mal einer auf der Bühne und las vor, was hinten auf der Chipstüte stand. Der Anfang der Bewegung war, sagen wir es einmal so, recht experimentell. Aber schliesslich kam Poetry-Slam aus dem amerikanischen Underground, erfunden von einem Marc Kelly Smith 1986 in Chicago.

Die Zeiten haben sich geändert. Martin Otzenberger und Lukas Hofstetter stehen im Foyer des Zürcher Schauspielhauses und machen ganz ernsthafte Gesichter, sie haben zusammen mit Phibi Reichling und Tina Messer den Slam 2018 organisiert. Die 22. deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften beginnen morgen Dienstag dort, wo sonst «Hamlet» und Goethes «Wahlverwandtschaften» zu Hause sind: nämlich im Pfauen. Auf der Bühne stehen für die Eröffnungsshow Slam-Poeten, die die Schweizer Szene in den letzten Jahren geprägt haben: Renato Kaiser, Simon Libsig, Simon Chen. Im Hintergrund werden sich Otzenberger und Hofstetter halten («Wir brauchen das Rampenlicht nicht»). Und sich freuen, was sie in den drei Jahren der Vorbereitung auf die Beine gestellt haben. Slam 2018 ist so etwas wie die Champions League.

Schauspielhaus, Volkshaus, Plaza, X-tra, Kosmos, Amboss-Rampe und Kasheme: Das sind die Orte in Zürich, an denen das Poetry-Slam-Festival stattfindet. Was einst in Kellern und auf kleinen Bühnen begann, ist im Zentrum angekommen. 200 Sprachkünstlerinnen und -künstler aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, Südtirol und der Schweiz treten gegeneinander an, solo oder in der Gruppe. Und es geht noch ein bisschen grösser. Am Samstag haben die besten zwölf Poetinnen und Poeten im Einzelfinale im Hallenstadion ihren Auftritt, erwartet werden 4500 Zuhörerinnen und Zuhörer. Durch den Abend führt Patti Basler, eine der erfolgreichsten Kabarettistinnen der letzten Jahre.

Patti Basler sah ihren ersten Slam 2008 im Zürcher Schiffbau und sagte sich: Das könne sie besser. Aus der Lehrerin wurde eine Dichterin. Martin Otzenberger und Lukas Hofstetter, die seit 2000 in der Szene als Organisatoren aktiv sind, erzählen gerne solche Geschichten über die Anfänge. Wie Pedro Lenz, den damals noch niemand kannte, anrief und sagte, er sei noch unterwegs, komme aber für einen Auftritt in den Keller 62. Wie Hazel Brugger ihren ersten Slam in St. Gallen gewann und ihr der Siegerpreis wieder abgenommen wurde – an Minderjährige darf keine Flasche Whisky abgegeben werden. Poetry-Slam hat die Schweizer Kulturszene verändert, viele Autoren und Kabarettistinnen haben hier ihre ersten Schritte ihrer Karriere gemacht. Gerade hat Patti Basler den Salzburger Stier zugesprochen bekommen. Auch am Slam 2018 tritt sie wieder an, sie muss sich aber wie alle anderen in der Startrunde qualifizieren. Für Preisträgerinnen gibt es keinen ermässigten Tarif.

Das macht die Wettbewerbe in Slam-Poetry auch so demokratisch. Die Regeln heissen: Ein Vortrag darf nicht länger als sechs Minuten sein. Keine Gedichte! Nicht von Goethe, nicht von Gölä. Keine Comedy! Keine Requisiten! Nur wenig Gesang. Denn es geht um die pure Wirkung von Text. Ein Slam-Poet müsse performen können, sagt Otzenberger. Kurz: Der Funken soll von der Bühne ins Publikum überspringen. Was natürlich an einer Wasserglaslesung – Slam-Poetry-Sprech für eine konventionelle Autorenlesung – nicht der Fall ist.

Die Szene kann gegen ihre Kritiker auch zurückzündeln. Sie hat auch entschieden etwas gegen Literaturpäpste. Denn das letzte Wort hat immer das Publikum respektive die sieben Menschen, die aus der Zuhörerschaft für die Jury ausgewählt werden. So wird es dann auch im Hallenstadion sein.

Die Noten steigen proportional zum Alkoholkonsum des Publikums, wer früh drankommt, hat in vielen Fällen schon verloren. Ein Slam-Wettbewerb sei ungerecht, sagt Hofstetter, etwa so ungerecht wie das Leben oder die Demokratie. Alles ist auf Wirkung ausgelegt, und gepunktet wird oft mit Elementen der Unterhaltung. Mit Lustigsein ist es aber nicht getan, auch politische Texte kommen beim Publikum gut weg. «Hier ist Slam-Poetry der schriftlichen Literatur voraus», sagt Otzenberger, «wir sind prägnanter, können viel schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren.» Natürlich gibt es auch Phänomene wie Julia Engelmann, die kometenhaft mit Fräulein-Texten in der Szene aufgestiegen ist. 12 Millionen Mal wurde einer ihrer Auftritte auf Youtube geklickt, die deutsche Slam-Poetin füllt heute allein ganze Hallen.

Überhaupt sei die Szene krass gewachsen, sagt Otzenberger, eine halbe Million Zuschauer zähle man im Jahr im deutschsprachigen Raum, im Publikum versammle sich das ganze Spektrum, vom Punker über die Grossmutter bis zum Polizeichef. Professionalisiert wurde auch der Rahmen: Wer gut ist, kann von seinen Auftritten an Firmenanlässen oder für die Werbung leben. Doch so gross der Slam 2018 auch ist, für den Sieger oder die Siegerin gibt es nicht mehr als eine Flasche Whisky oder Alpenbitter zu gewinnen. Und die wird gerne auf der Bühne mit den anderen geteilt.

Denn alle bilden eine grosse Familie. «Slamily» heisst noch immer das Zauberwort. Man kennt sich, es zählt die Solidarität und das gewisse Wirgefühl. Und gibt es manchmal Verwerfungen, wie kürzlich mit dem Vortrag einer Tochter einer AfD-Politikerin, die vom Publikum an einer Veranstaltung bis ins Finale geklatscht worden ist – die Szene kann sich immer noch selber regulieren. «Wir brauchen keinen Zentralvorstand», sagt Hofstetter. Es ist, wie wenn die Champions League vom Alternativen Fussballerverein organisiert würde. Und natürlich gibt es am Slam 2018 neben einem Erotik-Slam oder Suitenlesungen im Rahmenprogramm auch einen Fussballmatch: Der FK Interslam tritt gegen den FC Gemeinderat der Stadt Zürich an.

6. bis 10. Nov., www.slam2018.ch.