2018-01-04 09:57

Hinter der Fassade einer Literaturdiva

Wer war Ingeborg Bachmann wirklich? Ina Hartwig entdeckt in ihrer Biografie eine politisch engagierte Intellektuelle. Die Liaison mit Max Frisch bleibt das «leere Zentrum» des Buches.

Ingeborg Bachmann (undatierte Aufnahme) in Berlin. Foto: Piper-Verlag

Ingeborg Bachmann (undatierte Aufnahme) in Berlin. Foto: Piper-Verlag

  • Kristina Maidt-Zinke

Der Buchtitel «Wer war Ingeborg Bachmann?» spricht zwei grundverschiedene Publikumsgruppen an. Die eine hat noch nie etwas von Ingeborg Bachmann gehört oder gar gelesen und versteht die Frage im Sinne von: «Wer war das überhaupt?» Die andere besteht aus Kennern und Verehrern der österreichischen Dichterin, die wissen, dass deren Lebenslauf auch 44 Jahre nach ihrem Tod noch immer von ungelösten Rätseln und dunklen Gerüchten umwittert ist. Sie lesen die Frage um einiges pathetischer: «Wer war sie wirklich?» Und hoffen auf Enthüllungen.

Die Literaturwissenschaftlerin und Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig gehört nicht zu den schwärmerisch Raunenden, für die Ingeborg Bachmann, der erste weibliche Literatur­medienstar deutscher Sprache, mit Glorienschein und Dornenkrone weiterlebt. «Eine Biografie in Bruchstücken» nennt sie ihr Buch im Untertitel und hat die Fragmente so frei arrangiert, dass nicht einmal der Anschein einer linearen Lebensschilderung entsteht.

Spannungssog der Lektüre

Eher handelt es sich um «Bruchstücke einer Biografie», die sich wie Spiegelscherben zu einem vielfach gebrochenen Porträt fügen. Die Autorin setzt vieles als bekannt voraus. Dass der Zugang dennoch leichtfällt und die Lektüre schnell einen Spannungssog erzeugt, liegt zweifellos an Ina Hartwigs langjähriger Berufserfahrung als Journalistin. Sie geht nicht wissenschaftlich, sondern erzählend vor, sieht sich selbst als «biografische Detektivin», die alle Mittel und Wege der Informationsbeschaffung nutzt, die das Anekdotische, zuweilen gar das Boulevardeske nicht scheut und ihre Subjektivität unverstellt in die Ermittlungen einbringt.

So gelingt es ihr, die Persönlichkeit der Dichterin und die Epoche, in der sie lebte, für ein breites Publikum interessant zu machen. Auch für diejenigen etwa, die nicht das Vorwissen mitbringen, dass Bachmanns dramatische Beziehung zu Max Frisch einerseits der Dreh- und Angelpunkt ihrer nachträg­lichen Stilisierung zur Schmerzensfrau der literarischen Moderne war, andererseits nicht wirklich untersucht werden kann, bevor der geheimnisumwobene Briefwechsel der beiden zugänglich gemacht oder publiziert wird.

Ina Hartwig hat über mehrere Jahre hinweg Zeitzeugen befragt, darunter auch Marianne Frisch, die Witwe des im Mythos von der «heiligen Ingeborg» so übel beleumundeten Schriftstellers. Und wie bei allen anderen Befragungen – sogar Henry Kissinger als vermuteter Liebhaber ist darunter – geht es nicht um harte Fakten, sondern um die subjektive Einfärbung von Erinnerungen und die ambivalente Gefühlslage der Beteiligten.

Nicht ein einziges Foto

Im Übrigen hat die Autorin dort, wo man die chronologische Einordnung und Schilderung der sagenhaft unglücklich endenden Liaison mit Max Frisch erwarten würde, einfach eine Lücke gelassen – das «leere Zentrum», um das sie, wie sie in einem Interview sagte, herumschreiben musste, das dann aber bei näherem Hinsehen gar nicht leer bleibt. Denn das verwendete Material, seien es kürzlich erschienene Texte aus Bachmanns Nachlass, aktuelle Forschungsergebnisse oder Resultate eigener Recherchen, füllt die frei bleibende Mitte unmerklich auf und verwandelt sie in einen Resonanzraum klarer Einsichten und gelassener Einschätzungen.

Wie fern ist uns inzwischen eine Epoche, in der während einer vierjährigen Liebesbeziehung nicht ein einziges Foto entstand oder aufbewahrt wurde, auf dem das Paar gemeinsam zu sehen ist! Denn so war es bei Bachmann/Frisch. Aus Ina Hartwigs facettenreich funkelnder Darstellung gewinnt man, sozusagen als Nebenprodukt, ein eindrückliches Bild der Fünfziger-, Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Und man staunt nicht zuletzt über die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was in der Literatur und den anderen Künsten Rang und Namen hatte, sich an einschlägigen Brennpunkten zusammenfand, gesellschaftlichen Umgang und geistigen Austausch pflegte.

Andererseits galt manches, was heute niemanden mehr aufregt, damals als zu skandalös, um in seriöse Künstler­viten eingehen zu dürfen. Deshalb wurde lange verschleiert, was Ina Hartwigs Buch jetzt sachlich und fundiert berichtet: dass Ingeborg Bachmann alkohol- und tablettensüchtig war und sexuelle Exzesse auslebte, bis hin zu selbsttherapeutischen «Orgien», die sie mit gleichgesinnten Männern inszenierte.

Ein Quantum Klatsch

Hartwig schlachtet diese dunklen Seiten der Dichterin nicht voyeuristisch aus, sondern fügt sie in das Porträt einer von Widersprüchen zerrissenen Persönlichkeit ein, die ihre geniale Begabung mit Hypersensibilität, selbstdestruktiven Tendenzen und innerer Vereinsamung bezahlte. Dass es dabei bisweilen sehr psychoanalytisch zugeht, wie etwa im Blick auf den Nazivater und die komplementär dazu betrachtete Liebesaffäre mit dem jüdischen Dichterkollegen Paul Celan, schadet dem Buch nicht, ebenso wenig wie ein gewisses Quantum an Klatsch und Tratsch.

Sehr bereichert wird das Bild Ingeborg Bachmanns indessen durch ganz andere Wesenszüge. Die notorisch desorganisierte, kapriziöse und hilflos wirkende Poetin konnte zupackend und strategisch sein und fiel durch nüchterne politische Reflexion ebenso auf wie durch ausgeprägten Humor. Anschaulich wird dieser Kontrast in einer Bemerkung Peter Härtlings: «Sie trank wie ein Bauer, sass aber da in Chiffonkleidern.»

Nicht aus Chiffon, sondern aus Nylon war das Nachthemd, in dem die Bettraucherin Bachmann sich in ihrer römischen Wohnung die Brandverletzungen zuzog, die zu ihrem frühen Tod führten. Mit dieser Tragödie und ihren noch ungeklärten Umständen lässt Ina Hartwig ihr Buch beginnen. Am Ende hat sie allen Thesen über Mord oder Selbstmord den Boden entzogen. Was man vermisst, ist ein Exkurs zu Bachmanns Dichtungen, der begründen würde, warum ihr Werk die Zeiten überdauern wird.

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken. S. Fischer, Frankfurt 2017, 320 S., ca. 30 Fr.