2018-10-27 16:00

Wird das ein Riesenteam?

Über sieben Jahre sind seit dem letzten Schweizer Podestplatz im Riesenslalom vergangen. Doch vor dem Auftakt in Sölden herrscht Aufbruchstimmung.  

Sie stehen für die neue Dynamik im Riesenslalom-Team: Marco Odermatt (l.) und Loïc Meillard.

Sie stehen für die neue Dynamik im Riesenslalom-Team: Marco Odermatt (l.) und Loïc Meillard.

(Bild: Keystone Gian Ehrenzeller)

Es gab Zeiten, da war die ­Schweiz eine Riesenslalom-Nation. Eigen­tlich gab es keine Zeit in der 51-jährigen Geschichte des Weltcups, in der sie das nicht war.

Es gab Siegfahrer wie Gaspoz, Zurbriggen, von Grünigen, Kälin, Accola, Locher, später Albrecht, Berthod oder Janka. Es kam der 5. März 2011, ein Sieg von Janka in Kranjska Gora. Es begann eine Durststrecke, die im Schweizer Skisport ihresgleichen sucht. Bis heute ist es der letzte Podestplatz im Riesenslalom geblieben.

Nun ist Ende Oktober 2018, es ist Freitagabend in Sölden, zwei Tage sind es noch bis zum ­Auftakt auf dem Rettenbachgletscher am Sonntag. Die ­Fahrer des zur Schweizer Krisendisziplin verkommenen Riesenslaloms setzen sich im Erdgeschoss des Teamhotels an die ­Tische, reden. Und wenn man ­ihnen so zuhört in diesem mit Holz getäfelten Raum, wirkt es, als hätte es dieses lange Tief gar nie gegeben. Als wären sie nicht ständig in ­­der Kritik gestanden, gerade in ­Adelboden, ihrem grössten Schaufenster, in dem die Misere jeweils deutlich sichtbar und mit besonders heftigen Worten kommentiert wurde. Es war dann wieder einmal Riesen-Krise am Chuenisbärgli.

Der Leader fehlt verletzt

In Sölden herrscht Aufbruchstimmung, und das, obwohl ­Janka auf Starts im Riesenslalom verzichtet, solange er noch nicht die 500-Punkte-Marke erreicht und sich damit eine bessere Startposition erkämpft hat. Und, das vor allem, obwohl dem Team der eigentliche Leader fehlt. Justin Murisier, der seit Jahren gerne zeigen würde, zu was er wirklich fähig ist, aber immer wieder von Verletzungen gestoppt wird, laboriert zu Hause im Wallis an seinem dritten Kreuzbandriss.

Es sind andere da. Loïc Meillard etwa, das eigentliche Gesicht dieses Aufbruchs, 22 wird er am Montag. Fünfmal hat er es im Weltcup schon in die Top 10 eines Riesenslaloms geschafft, sein Coup folgte am Ende der letzten Saison mit dem 4. Rang beim ­Finale im schwedischen Åre. Er soll schon bald zum Podest­fahrer reifen, «er fährt eigentlich bei ­allen Bedingungen gut», sagt Thomas Stauffer, Cheftrainer der Schweizer, «aber zwei bis drei Jahre Zeit gebe ich den Jungen schon, bis sie spitze sind».

Es scheint in Sölden nicht so, als wollte sich auch Meillard diese Zeit geben. Der Neuenburger spricht über den Sommer, er sagt, auf dem 4. Rang habe er sein ­Training aufbauen können, «mein Ziel ist es, in jedem Rennen so zu fahren». Er redet dann über die gute Stimmung im Team, den Leistungswillen, davon, dass sie sich gegenseitig antreiben würden, «höher, weiter, schneller: ­Jeder will überall der Beste sein.»

Einer, der da besonders mitzieht ist Marco Odermatt, 21 und schon hochdekoriert. Bei der ­Junioren-WM im Frühjahr in ­Davos hat der Nidwaldner mächtig abgeräumt. Gleich in vier ­Disziplinen gewann er Gold, hinzu kam der Sieg mit dem Team. «Für mich und das Prestige war das echt gut», sagt er. Beim anschliessenden Weltcupfinale fuhr er in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom in die ersten 15. Er sagt: «Das hat sportlich den viel grösseren Stellenwert als die ­Medaillen.» Odermatt ist ein Tausendsassa, der sich vorerst aber auf den Riesenslalom konzentrieren will. Er steigt in seine dritte ­Saison auf der grössten Bühne und sagt: «Ich weiss, was es braucht im Weltcup.»

Plötzlich gibts «Dynamik»

Odermatt und Meillard scheinen zentral für die «Dynamik», die Stauffer im Riesenslalomteam ausgemacht hat. «Odermatt gibt Gas, Meillard gibt Gas – und ein Caviezel zieht mit. Die jetzige ­Situation ist auch einfacher für ihn.»

Gino Caviezel ist der Mann, der mit seinen schnellen Schwüngen einst das Adelbodner Publikum verzückte, noch immer aber vergeblich um den Anschluss an die Besten kämpft. Der 26-jährige Bündner, der ziemlich gut in den letzten Winter gestartet war, dann aber in den letzten drei Riesenslaloms ausschied, hat von Head zu Dynastar gewechselt, «das war gerade auch mental erfrischend», sagt er. Auch Caviezel spürt es, dieses Gefühl des Aufbruchs, «wir sind so gut aufgestellt wie lange nicht mehr», sagt er.

Auch dank Elia Zurbriggen, dem 28-jährigen Sohn des einstigen Skistars Pirmin Zurbriggen. Der hat eine Saison hinter sich, in der er so konstant in die ersten 30 fuhr wie noch nie. Schon oft war Elia Zurbriggen dem Rücktritt nahe. Nun sagt er: «Die Jungen drücken so, dass es auch mir hilft, dranzubleiben.»

Eine Riesen-Krise? Weiter weg als in Sölden könnte sie kaum sein. Vielmehr lebt der Traum von einem Riesenteam.