2019-06-03 07:06

Zwei wie Pech und Schwefel

Mit einer fabelhaften Besetzung holt Regisseur Alexander Kratzer im Theater an der Effingerstrasse aus Neil Simons «Sonny Boys» erstaunlich viel heraus.

Al (Gilles Tschudi) und Willie (Berth Wesselmann) holen ihren Doktorsketch doch noch einmal aus der Mottenkiste.

Al (Gilles Tschudi) und Willie (Berth Wesselmann) holen ihren Doktorsketch doch noch einmal aus der Mottenkiste.

(Bild: Severin Nowacki)

  • Charles Linsmayer

Eine Schiefertafel, ein AHH!-Stäbchen, drei Kilo Kalbsleber und ein Skelett sind die Requisiten für den Doktorsketch, mit dem Al und Willie jahrzehntelang durch die USA getourt sind. Seit elf Jahren aber ist Schluss und sind die zwei so total verkracht, dass der Einfall von Willies Nichte Emma, sie den Knüller bei einer Nostalgieveranstaltung nochmals zeigen zu lassen, total absurd ist.

Dass sie es dennoch schafft und genau das Fiasko herauskommt, das zu erwarten ist, macht den Reiz von Neil ­Simons 1972 in New York uraufgeführter Komödie «Sonny Boys» aus, in der auf der Bühne und auf der Leinwand schon Woody Allen, Walter Matthau, ­Peter Falk und andere Komik-Schwergewichte brilliert haben.

Glanzvolles Schauspiel-Trio

Alexander Kratzers Inszenierung, die in anderer Besetzung im Oktober 2018 schon in Bozen gezeigt worden ist, ermöglicht eine neue Begegnung mit ­Gilles Tschudi, der nun bereits zum sechzehnten Mal an der Effingerstrasse zu Gast ist und seit 2000, als er im Zusammenhang mit Urs Widmers «Top Dogs» zum Ensemble stiess, viel zum künstlerischen Format des kleinen Theaters beigetragen hat.

«Mir gehts rosig.» – «Ich dachte, du hättest eine Hitzewallung.»

Bevor Tschudi als Al Lewis die Bühne betritt – ganz in die Jahre gekommener Gentleman, diskret, etwas verschüchtert, vom Leben gebeutelt, verschämt-kauzig und vorsichtig taktierend –, hat Emma Silvermann, verkörpert von der frisch und dynamisch agierenden Karo Guthke, ihren Onkel Willie Clark bereits so weit erweichen können, dass er zwar gegen eine Wiederaufführung des Doktorsketchs ist, aber dennoch mitmachen will. Willie wird von Berth Wesselmann gespielt, einem schauspielerischen Urgestein, dem es wunderbar gelingt, den alt gewordenen Bühnenstar so darzustellen, dass die sture Recht­haberei und Trotzköpfigkeit mit den unverkennbaren Anzeichen einer beginnenden Demenz eine Verbindung eingeht, bei der man nicht weiss, ob man lachen oder weinen soll.

Tschudi betritt als Al Lewis jedenfalls vermintes Gelände, und sofort ist zwischen den zwei Kontrahenten eine Spannung da, die sich in Mimik, Gestik und vor allem in den sarkastischen Dialogen – «Mir gehts rosig.» «Ich habe es gesehen. Ich dachte eben, du hättest eine Hitzewallung!» – zeigt und jeden Moment in offene Aggression umkippen kann. Was dann bei den ersten Versuchen, den Doktorsketch zu proben, auch passiert und dazu führt, dass der eine mit dem Messer in der Hand hinter dem andern herläuft.

Es gibt köstliche Slapstick-Szenen in der Inszenierung – etwa den Gag mit der immer wieder verschlossenen Türe, an der sich die beiden zuletzt noch die Köpfe einschlagen –, aber als komischer Höhepunkt erweist sich erwartungsgemäss die dann tatsächlich noch zustande gekommene Aufführung des Sketchs im Theater. Die beiden spielen die Klamotte übertrieben theatralisch und wie eingeübt, bis die alte Feindschaft bei genau den Stellen, die das Publikum bereits kennt, erneut aufbricht, aus dem Spiel wieder Ernst wird und eine chaotische Situation entsteht, die abrupt endet, als Willie einen Herzinfarkt erleidet.

Ist es eine Hassliebe?

Den Epilog bildet eine letzte, wiederum von Emma herbeigeführte Begegnung der beiden Sonny Boys an Willies Krankenbett. Sie denken jetzt, freiwillig oder gezwungenermassen, beide ans Aufhören, und während sie dennoch munter, wenn auch etwas leiser weiterstreiten, wird erkennbar, dass es gerade diese Unverträglichkeit, dieses nicht totzukriegende Zerwürfnis ist, das ihren Erfolg ausmachte, das sie wie Pech und Schwefel aneinanderkettete und das vielleicht, anders als sie selber denken, etwas wie eine tief verborgene Sympathie füreinander bedeutete. Weitere Aufführungen im Theater an der Effingerstrasse bis zum 27. Juni. www.dastheater-effingerstr.ch