2011-03-03 11:14

«Das Verderben bringende Laster der Trunksucht»

Oft war bei den Unglücksfällen im 1857 bei der Nydeggbrücke in Bern eröffneten Bärengraben Alkohol im Spiel.

  • Simon Wälti

    Simon Wälti

Seit dem Vorfall von 1861 haben sich im Bärengraben mehrere Unglücks- und drei Todesfälle ereignet. Am Morgen des 8. April 1896 wurde im Bärengraben die Leiche des jungen Küfers Christian Wüthrich entdeckt. Einige Beobachter hielten fest, die an pflanzliche Nahrung und an Menschenkontakt gewohnten Tiere hätten das Opfer zwar übel zugerichtet, aber das Fleisch nicht gegessen. Anders wurde es im «Hinkenden Bot» von 1897 dargestellt: «Das Weibchen trug die blutige Kopfhaut triumphierend herum, während der Bär das Fleisch stückweise von dem Leichnam riss und gierig frass.» Anschliessend wetterte der Redaktor gegen «das so gefährliche und Verderben bringende Laster der Trunksucht».

Am Karfreitag, 2. April 1920, neckte der nicht mehr ganz nüchterne Josef Mahler die Bären, indem er sie mit Orangen bewarf, dann schnappte er sich die Dienstmütze des Bärenwärters und liess sich in den Graben hinuntergleiten. Die Begegnung mit dem Berner Wappentier endete für den jungen Studenten aus St. Gallen jedoch tödlich.

Velo-Rowdys als öffentliche Gefahr

Tragisch verlief ein Velounfall am 18. Mai 1926. Zwei junge Männer fuhren den Alten Aargauerstalden hinunter – was eigentlich verboten war. Bei einem versagten die Bremsen auf der steilen Strasse, er donnerte gegen die Umfassungsmauer des Bärengrabens und fiel hinein. Dabei riss er offenbar den 10-jährigen Fritz Ellenberger mit sich. Gemäss anderen Quellen stürzte der Knabe erst später bei der Rettungsaktion aus Unvorsichtigkeit in den Graben. Auf jeden Fall wurde der Velofahrer gerettet, während Fritz Ellenberger trotz des Eingreifens der Wärter schwer verletzt wurde und im Spital seinen Verletzungen erlag.

Am 8. Dezember 1998 warf ein Tessiner Akademiker Schneebälle nach der Bärin Selma, stieg über das Gitter und glitt aus. Er konnte sich noch mit einer Hand am Eisengeländer festhalten, wurde aber von Selma in den Graben hinuntergezerrt. Dank dem Eingreifen von Bärenwärter Hansueli Blatter wurde der betrunkene Mann gerettet. Tierparkdirektor Bernd Schildger konstatierte: «Gegen eine so grosse Dummheit gibt es kein Rezept.»

Bereits 1926 hatte Rudolf von Tavel mit Bezug auf den Fall von Hauptmann Lorck geschrieben: «Wenn seither die Bären mehr als in alten Zeiten im schlimmen Sinne von sich reden machten, so liegt es viel weniger an der Einrichtung des Grabens als am Unverstand und an der Unvorsichtigkeit der Menschen.»

Bären unter die Käseglocke

Am 21. November 2009 sprang ein geistig behinderter Mann im Bärenpark in das Gehege von Finn, weil er einen Plastiksack mit für ihn wichtigen Gegenständen verloren hatte. Er wurde von Finn schwer verletzt, Finn wurde bei der erfolgreichen Rettungsaktion angeschossen. Als Folge des tragischen Vorfalls wurden die Sicherheitsmassnahmen verstärkt. Diskussionen über die Sicherheit wurden auch schon bei früheren Unfällen geführt. Man kritisierte, die Mauer sei zu niedrig, es brauche Sicherheitsgitter und Sicherheitsnetze, Schusswaffen wurden verlangt, Gasbomben ja sogar Flammenwerfer. Vorgeschlagen wurde auch, die Tiere unter eine Art Käseglocke zu stellen, «ein den ganzen Bärengraben überspannendes, kuppelartiges Glas- und Gittergehäuse».(wal)

Der Bund