2018-11-10 08:59

Das Staunen wieder neu lernen

Auf einem fremden und doch vertrauten Kontinent unterwegs: Der Berner Schriftsteller Francesco Micieli hat bezaubernde «Kindergedichte» für Erwachsene geschrieben.

Kindlicher Blick auf Vater und Mutter von weit weg: «Durch die Astronautenbrillen erscheinen sie dir / Wie kleine Kinder in zu grossen Körpern.»

Kindlicher Blick auf Vater und Mutter von weit weg: «Durch die Astronautenbrillen erscheinen sie dir / Wie kleine Kinder in zu grossen Körpern.»

(Bild: Franziska Rothenbühler)

  • Alexander Sury

Und die Welt hebt an zu singen, wenn man das Zauberwort trifft. Aber nicht alle hören diesen Gesang, und viele kennen die magischen Formeln nicht mehr. Löwe und Panther, die Plüschtiere im Kinderzimmer, sind ebenso atmende und manchmal unberechenbare Lebewesen wie die muhenden Holzkühe, die hin und wieder den mittels Plastiktelefon benachrichtigten Tierarzt benötigen. Nur die Erwachsenen scheinen das nicht zu begreifen oder vergessen zu haben. «Gott ist ein Plüschtier / Heute und starrt dich an.» Die Mutter kommt ins Zimmer und unterbricht unwirsch den Kontakt: «Ich lege es mal in den Tierschrank / Sagt sie und du siehst genau / Wie Gott aus dem Tier verschwindet.»

Und überhaupt die Mutter: Weshalb kann sie nichts tun «gegen Menschen, die Kinder in die Flucht treiben»? Wie wäre es, wenn der Löwe dorthin geschickt würde: «Auf das Paket / Schreibst du: An den Krieg / In Syrien und in Jemen / Der Löwe ist ganz still / Noch.»

Der kindliche Blick ist ein Thema, das sich durch das ganze Werk des Berner Schriftstellers Francesco Micieli zieht, damit hat sein Schreiben vor über 30 Jahren angefangen mit «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat», dem Tagebuch eines Kindes. 1965 kam er als Neunjähriger mit seinen Eltern aus Süditalien ins Emmental – in die Fremde. Den Zugang zur Sprachinsel seiner Kindheit hat sich der Dichter bewahrt.

Seine Kindergedichte imitieren allerdings nicht naive Kindersprache, sie sind vielmehr mit grosser Einfühlungsgabe aus der Vorstellungswelt des Kindes heraus geformt worden. Eine andere Logik herrscht hier, eine umfassende Beseeltheit der Dinge: In blubbernden Heizkörpern leben Fische, und hinter der Zimmertür ist das Meer; Gott kann der lieb grüssende Fremde im Treppenhaus sein, der scharf kocht; ein Kind verirrt sich im Supermarkt, verwandelt sich in Schokolade und wird von der Mutter in den Einkaufswagen gelegt; Eine Sprachformel der Eltern wie «Das Ende naht» verwandelt sich über Mutters «Nähen» in das Bild des sterbenden Grossvaters, bei dem auf der Schwelle zum Tod zwei Stücke Stoff zuammenkommen.

Micieli hat für diese «Kindergedichte» aus vielerlei Quellen geschöpft, er hat Kinder beobachtet, Erfahrungen mit dem «Wiederkindwerden» seines Vaters sind ebenso eingeflossen wie die Erinnerung an das «innere Kind», das diesen Kontinent einst bewohnte. Dieses Kind weiss auch, was sein kleines Herz pumpend unablässig leistet: «Jeden Sonntag, wenn das Kind erwacht / Dankt es dem Herzen / Dass es schlägt / Obwohl Sonntag ist.»

Francesco Micieli: Kindergedichte. Verlag die Brotsuppe, Biel 2018. 100 Seiten. 25 Fr. Vernissage Sonntag, 11.11., 17 Uhr, Punto im Tramdepot Burgernziel Bern.

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