2017-11-15 21:24

Ein Prozess, der auf die schiefe Bahn geriet

Ein Mann hatte als «Pastor» einer «Pilzkirche» halluzinogene Pilze vertrieben. Der Prozess in Bern gegen ihn war grosses Kino. Das Urteil lautet: 18 Monate bedingt.

«Magic Mushrooms» waren in den Niederlanden bis Ende 2007 legal.

«Magic Mushrooms» waren in den Niederlanden bis Ende 2007 legal.

(Bild: Keystone)

  • Markus Dütschler

    Markus Dütschler

Naturgemäss rücken Strafverteidiger Mandanten ins bestmögliche Licht, während Ankläger die dunklen Seiten betonen. Vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland war das anders: Hier schien zeitweise nicht der 48-jährige Deutsche wegen gewerbsmässiger Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz auf der Anklagebank zu sitzen («Bund» vom Dienstag), sondern Staatsanwältin Cornelia Spicher. Die beiden Zürcher Anwälte liessen keinen guten Faden an ihrer Anklageschrift, machten daraus verbal Konfetti und falteten die Anklagevertreterin zusammen. Zu kritisieren gab es einiges.

Auch Spicher räumte in ihrem Plädoyer ein, dass der Fall «viel zu lange liegen geblieben» sei, «bedauerlicherweise», da immer wieder Vordringliches dazwischengekommen sei. Die Dauer werde bei der Strafzumessung «eine Rolle spielen», also einen Rabatt bewirken. Von der ersten polizeilichen Einvernahme bis zum erstinstanzlichen Urteil dauerte es fast 13 Jahre, denn der Fall war ziemlich verzweigt.

Viele Kunden, lange Ermittlungen

Der Angeschuldigte bezeichnete sich im Internet als Pastor der «Sacred Mushroom Church», der Kirche der heiligen Pilze, die eine Zeit lang vom Hotel Eywald in Rüschegg-Heubach aus operierte, wo auch Seminare stattfanden. Die Mitglieder sollten durch den Genuss von «Magic Mushrooms» erleben, was Schamanen seit Jahrtausenden durch die Einnahme halluzinogener Stoffe praktizieren: die Verbindung mit einer anderen Welt, ein Einssein mit allem und ein Verwischen der eigenen Grenzen. Mitglieder der Kirche oder Interessenten spendeten auf ein Konto des Mannes. Dieser verschickte per Post Sakramente, also Pilze mit dieser Wirkung. Das Dumme war, dass solche Pilze nicht in der Drogerie erhältlich sind, da sie unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und somit als Drogen gelten. In Holland waren die frischen Pilze damals legal erhältlich, wo sich der Angeschuldigte auf Reisen eindeckte. Dann verschickte er die Produkte in viele Länder, oft auch in die Schweiz, wo einige vom Zoll beschlagnahmt wurden.

Der Pastor war nicht überrascht, dass die Justiz sich für seine Handlungen interessierte. Fast hatte er es darauf abgesehen, denn für ihn war klar, dass diese Pilze den Konsumenten viel brächten, aber nicht gefährlich seien, weshalb es an der Zeit sei, dies justizamtlich festzuhalten. Die Ermittlungsbehörde hatte dafür kein Musikgehör.

Spicher liess den Mann 14 Monate – geschlagene 429 Tage – in Untersuchungshaft schmoren, mit magerem Ergebnis, aber grossem Schaden für den Betroffenen, wie die Anwälte darlegten. Der prononciert linke Zürcher Strafverteidiger Bernard Rambert, der schon einen RAF-Terroristen, Ausbrecherkönig Stürm und andere spektakuläre Fälle vertreten hatte, und sein ebenfalls linker Zürcher Anwaltskollege Kurt Mäder geisselten die U-Haft als Skandal. In dieser Zeit sei kaum etwas gelaufen, ausser dass der treu sorgende Familienvater von seiner Frau und den vier Kindern entfremdet worden sei. Die Anklägerin habe Abklärungen angekündigt, aber fast nichts unternommen und wenig herausgefunden. Er verstehe nicht, weshalb im Kanton Bern die Justizleitung nicht einschreite oder die parlamentarische Aufsicht Rechenschaft verlange. In der letzten «NZZ am Sonntag» hatte Christof Scheurer von der Generalstaatsanwaltschaft gesagt, dass es ein komplexes, schwieriges Verfahren sei.

«Aufgrund der übrigen Geschäftslast ergaben sich grosse Verzögerungen bei der Ausarbeitung/Fertigstellung der Anklageschrift.» Wenn er das lese, komme ihm die Galle hoch, rief Rambert in den Saal. Heute rate er jungen Anwälten, sie müssten ihre Mandanten ermahnen, nichts auszusagen, sonst blieben sie unter Hinweis auf Abklärungen noch länger in U-Haft. Der Mandant habe Anrecht auf eine grosszügige Entschädigung, sagten die beiden Strafverteidiger. Er sei freizusprechen.

Sind Pilze überhaupt Drogen?

Sie holten in ihrem abwechselnd vorgetragenen dreistündigen Plädoyer weit aus, um aufzuzeigen, dass Pilze keine Drogen seien, dass das Heilmittelinstitut Swissmedic nicht befugt gewesen sei, sie auf die Liste zu setzen, und dass international keine Studie bekannt sei, welche die Abhängigkeit und Gefährlichkeit beweise. Um das zu erörtern, hätten sie gerne Ex- und amtierende Bundesrätinnen und einen Ex-Bundesrichter als Zeugen aufgeboten – ohne Erfolg. Das Suchtpotenzial sei ein ausschlaggebendes Element bei Drogen. Pilze seien keine psychotropen Stoffe: «Ein Pilz ist ein Pilz.» Er wachse seit Jahrhunderten in der Natur, auch in der Schweiz. Ein Berner Polizist habe dies bei der ersten Einvernahme von 2005 als Einziger richtig gesehen: Pilze seien im Kanton Bern lange bekannt und kein Problem. Doch einen Polizist Wäckerli oder einen Wachtmeister Studer, der den Kern der Sache erfasse, suche man in diesem Verfahren leider vergeblich. «Magic Mushrooms» seien ein marginales Problem, das zeitweise gehypt worden sei, aber von Drogenfachleuten als gering erachtet werde. Die Justiz habe die Causa aufgeblasen, als sei der Deutsche ein Heroinhändler von europäischem Format. Hier sei endlich eine Entschuldigung beim Klienten angebracht, der alles verloren und so viel durchgemacht habe.

Bedauern, aber keine Reue

Diesen Gefallen tat ihnen die Staatsanwältin, die ein «USM-Wägeli» voller Aktenordner in den Saal gerollt hatte, nicht, verzichtete aber nach der Breitseite auf eine Replik. Sie forderte für den Mann eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten, das höchste Strafmass, das ein Einzelgericht aussprechen kann.

Die Richterin Christine Schaer sprach ihr Urteil: 18 Monate bedingt wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, gewerbsmässig begangen. Nüchtern stellte sie fest, «dass auch bei der Justiz nicht immer alles rundläuft» und «manche Verfahren auf die schiefe Bahn geraten». Wer aber, wie von den Anwälten angemahnt, ein Urteil nach Recht und Gesetz verlange, «der ist bei mir an der richtigen Adresse».

Die lange Dauer sei «unschön, aber ich kann es nicht ändern». Sie beurteile, was aktenkundig sei, wobei sie Ermessensspielräume zugunsten des Angeschuldigten auslege. Die Pilze würden zu Recht als Drogen eingestuft, sie hätten Gefahrenpotenzial. Auch die Tatsache, dass süchtig machende Zigaretten legal seien, ändere daran nichts. Rambert wird das Urteil ans Obergericht weiterziehen, und es ist anzunehmen, dass sich dereinst auch die Strassburger Richter damit befassen werden. Der 71-jährige Anwalt sagte im Gerichtssaal, als junger Strafverteidiger habe er einen alten Gerichtspräsidenten gefragt, ob der Prozess der Europäischen Menschenrechtskonvention genüge. «Ich weiss nicht, was EMRK ist, und bisher kamen wir sehr gut ohne diese EMRK aus», habe dieser geantwortet. Etwa so sei die bernische Justiz verfahren.

Der verurteilte Deutsche, der inzwischen mit seiner grossen Familie auf Gran Canaria wohnt, sagte, er habe die unselige Zeit hinter sich gelassen. Inzwischen habe er auf der Insel eine «revolutionäre Windkraftanlage» entwickelt – und in der Schweiz patentieren lassen. In dieser Hinsicht sei die Schweiz super, ganz anders als die Berner Justiz, die sich sehr viel herausnehme.

Der Bund