2014-12-11 02:10

Frankreichs gestörte Sonntagsruhe

Die linke Regierung in Paris plant eine «Entfesselung» der Wirtschaft. Für die Liberalisierung der Sonntagsarbeit erntet sie einen Sturm der Entrüstung im eigenen Lager.

Die Mehrheit der Franzosen möchte auch sonntags einkaufen. Andrang bei den Galeries Lafayette. Foto: Jacques Brinon (Keystone)

Die Mehrheit der Franzosen möchte auch sonntags einkaufen. Andrang bei den Galeries Lafayette. Foto: Jacques Brinon (Keystone)

Wie heilig ist er denn noch, der Sonntag? Wenn man der Debatte folgt, die Frankreich gerade bewegt, dann ist ­zumindest die kommerzielle Sonntagsruhe noch heilig im Land – und das längst nicht nur bei den Kirchgängern. Als Ketzer steht dabei ein junger Mann da, der seit August das Amt des Wirtschaftsministers bekleidet und nun eine sonntägliche Tradition reformieren möchte: Emmanuel Macron, 36 Jahre alt. Der Absolvent der Eliteschule Ena und frühere Privatbanker bei Rothschild gibt einem neuen Gesetz den Namen, der «Loi Macron», mit dem der lahmenden französischen Wirtschaft über mehrere Deregulierungen und Privatisierungen neues Leben eingehaucht, Fesseln und Riemen gelockert werden sollen. Dazu gehört auch eine Liberalisierung der Sonntagsarbeit. Der Paragraf dazu ist gar das Paradestück und gleichzeitig der zentralste Streitpunkt des Reformpakets. Macron wusste, was ihn erwarten würde. Er sagt es so: «Würde man in unserem Land mit dem Handeln jedes Mal warten, bis Applaus aufkommt, brächte man gar nichts zustande.»

Von 5 auf 12

Macrons Ziel ist es, die Anzahl der gesetzlich erlaubten Shopping-Sonntage von derzeit 5 auf 12 zu erhöhen, um Handel und Konsum zu steigern. Die Entscheidungshoheit über die 12 Daten hätte jeweils der Bürgermeister der Gemeinde. Ausserdem sollen an besonders attraktiven Orten die sogenannten «Tourismuszonen» ausgeweitet werden, in denen das Einkaufen künftig fast grenzenlos möglich wäre: sonntags natürlich, aber auch an Werktagen bis Mitternacht. In Paris etwa gibt es bisher sieben solche Zonen, unter anderem die Avenue des Champs-Elysées mit ihren Luxusläden, die Rue de Rivoli und der Boulevard Saint-Germain. Diskutiert wird auch, ob ein ähnliches Regime beim Mont Saint-Michel und seiner weltberühmten Abtei sinnvoll wäre – und vor allem lukrativ. Auch die Läden in 20 grossen Bahnhöfen sollen bald am Sonntag offen sein dürfen.

Im Gesetzesvorschlag, der am Mittwoch den Ministerrat passiert hat und nun bald ins Parlament kommt, schrieb die Regierung auch fest, dass Sonntagsarbeit erstens freiwillig sein müsse und zweitens besser entgolten gehöre. Wie genau, ist noch unklar. Macron fiel auf, dass sich die verschiedenen Branchen nicht einfach gleich behandeln lassen. Nun soll jeder Sektor für sich die passenden Modalitäten finden. Von 5 auf 12 also: Auf den ersten Blick mutet die Reform nicht revolutionär an. Doch das ist sie sehr wohl, wenn man den reflexartigen Widerstand bedenkt, den solche Vorhaben in Frankreich in aller Regel begleiten.

Aubrys Zwischenruf

In diesem Fall ist die Situation doppelt denkwürdig, da eine sozialistische Regierung eine Reform angeht, die im Dafürhalten vieler Sozialisten eine sozialliberale bis gänzlich liberale ist – also eine bürgerliche bis rechte. Und so ist der Aufruhr über die «Loi Macron» nicht nur unter strengen Katholiken gross, für die der Sonntag heilig ist, sondern auch bei den Gewerkschaften und im linken Flügel des Parti Socialiste, wo man um die Rechte der Arbeitnehmer fürchtet. Es sind schon Protestmärsche und Kundgebungen geplant, vielleicht kommen bald Streiks dazu. Einen besonders lauten Misston setzte Martine Aubry, die frühere Arbeitsministerin der Sozialisten und linke Bürgermeisterin von Lille.

In einem Gastbeitrag für die Zeitung «Le Monde» hob sie die Debatte mit Verve auf die gesellschaftspolitische Ebene: «Diese Reform ist ein Rückschritt», schreibt Aubry, «lasst uns die Existenz nicht auf den Konsum reduzieren.» Der Sonntag müsse ein «wertvoller Moment» bleiben – für sich, die Familie, die Freunde. «Bewahren wir uns die Zeit, um zu denken, zu atmen und zu ­leben.» Aubry moniert auch, dass kleine Läden, die so wichtig seien für die Dynamik und den Zusammenhalt der Gemeinden, der Konkurrenz der Grossen so noch stärker ausgeliefert seien. Sie schliesst ihr Plädoyer für die Sonntagszäsur mit dem Satz: «Ich werde diesen Rückschritt bekämpfen, sowohl national wie auch in meiner Stadt.»

Die Frage ist nun, ob es Macron gelingt, eine Parlamentsmehrheit zu finden für die Verabschiedung seines Gesetzes. Oder ob er es dafür abändern, abschwächen und aushöhlen muss.

In Brüssel schaut man dem Prozess mit besonderem Interesse zu. Da Paris schon die ausgemachten Defizitziele nicht einhalten kann, hofft man in der EU-Zentrale, dass wenigstens die Reformen durchkommen – alle und möglichst unbeschadet. Auch die Unternehmervereinigung baut auf Macron, den die Medien wegen seines schnellen Aufstiegs schon «Premier bis» nennen: Bei den rechtsbürgerlichen Amtsvorgängern hatten sie nie so viel Reformdrang verspürt wie bei diesem jungen, links­liberalen Ketzer. Und im breiten Volk, fernab von Politik und Gewerkschaften, wünscht man sich mehr Freiheit bei der Wahl der Shopping-Zeiten: 70 Prozent der Franzosen, das ergab eine Umfrage, wollen auch am Sonntag einkaufen können, wenn ihnen der Sinn gerade danach steht. Als Option. Die gestörte Sonntagsruhe scheint eben vielen ganz zeitgemäss zu sein.