2014-11-27 11:08

Der Wert des Last-Minute-Transfers

Guillaume Hoarau ist der beste YB-Transfer seit langer Zeit. Obwohl wegen langer Wettkampfpause noch nicht in Bestform, ist der Franzose der gefährlichste Berner Offensivspieler.

Guillaume Hoarau (rechts) war in der laufenden Saison in der Europa League bisher dreimal erfolgreich.

Guillaume Hoarau (rechts) war in der laufenden Saison in der Europa League bisher dreimal erfolgreich.

(Bild: Tobias Anliker)

  • Ruedi Kunz

    Ruedi Kunz

Guillaume Hoarau ist nicht auf den Mund gefallen. Wen immer man bei YB auf den Franzosen anspricht: Früher oder später wird sein kommunikatives Talent genannt. Was nicht automatisch heisst, dass er auch gerne mit Medienleuten spricht. Es braucht schon die Überzeugungskraft des YB-Pressechefs, um Hoarau zu einem Gespräch zu bewegen vor der Reise nach Bratislava. Wie so viele Spitzensportler kennt er sich bestens aus in der Kunst der Allgemeinplätze. Er rühmt seine Mitspieler, den Trainer, den Klub, Bern, die Schweiz, die Super League, die er bis vor vier Monaten nur vom Hörensagen kannte. Ja: eigentlich alles, mit dem er bei seinem aktuellen Arbeitgeber konfrontiert ist. Hin und wieder streift er die Maske des Unnahbaren kurz ab und kommt ins Erzählen. So erfährt man, dass er in der Zwischenzeit in der Nähe von Bern eine grosszügige Wohnung gefunden hat, wo er sich mit seinem Cousin eingemietet hat. Dieser ist seit etlichen Jahren seine wichtigste Bezugsperson. «Er ist meine rechte Hand, die mich überallhin begleitet.» Mit ihm teilt Hoarau auch die zweite grosse Leidenschaft neben dem Fussball, die Musik. Wann immer es sich einrichten lässt, jammen die beiden Männer im hauseigenen Übungsraum. Hoaraus wichtigste Inspirationsquelle ist Bob Marley, dessen Konterfei er sich auf die Wade tätowieren liess.

Paris, Aerbin, Bordeaux

Bei den Young Boys spielt der 30-jährige Schlaks im Angriffsspiel die erste Geige. Sein Kopfballspiel ist überragend, und er ist derjenige, der die Bälle halten und verteilen kann. Trotz der Präsenz des 5-fachen französischen Internationalen hat sich die YB-Offensive bis dato nicht zu einer furchterregenden Waffe entwickelt. Das mag zum einen mit der fehlenden Wettkampfpraxis von Hoarau zu tun haben, der bei seinem letzten Arbeitgeber Bordeaux zwischen Stuhl und Bank gefallen war. Zum anderen fehlt ihm die optimale Bindung zu Nuzzolo, Steffen, Kubo oder Afum. Die anderen Offensivkräfte müssten Hoarau besser unterstützen, fordert Uli Forte. Der YB-Coach ist mit der Entwicklung, die der erst Ende August verpflichtete Franzose durch­gemacht hat, im Allgemeinen sehr zufrieden: «Guillaume ist eine grosse Persönlichkeit, die uns mehr Stabilität verleiht.» Nach der Winterpause erwartet er von ihm noch stärkere Leistungen, «weil er dann eine seriöse Vorbereitung hinter sich hat».

Fünf Tore und zwei Assists sind Hoarau in den 14 Partien gelungen, in denen er zu Teil- oder Vollzeiteinsätzen kam. Ein durchschnittlicher Wert, betrachtet man nur die nackten Zahlen. Berücksichtigt man die jüngere Vergangenheit des Spielers, fällt die Beurteilung etwas anders aus. Als bei PSG 2011 die Katarer das Steuer übernahmen und teure Stars wie Zlatan Ibrahimovic einkauften, gab es für Hoarau bald keinen Platz mehr an der Sonne. Der anschliessende Abstecher in die nordchinesische Metropole Aerbin brachte zwar einen prall gefüllten Geldbeutel und befriedigte die Abenteuerlust, doch fussballerisch war er wenig erbaulich.

Der Faktor Glück

Im Sommer 2014 war es so weit: Hoarau musste sich nach einem halbjährigen Gastspiel bei Bordeaux auf Jobsuche ­begeben. Er verhandelte mit Lens und St-Etienne aus der Ligue 1, doch zu einem Vertragsabschluss kam es nirgends. Das war letztendlich das Glück der Young Boys, welche einen erfahrenen Angreifer suchten für den Fall, dass sie sich für die Gruppenphase der Europa League qualifizierten. Hoaraus Name sei zuoberst auf der Liste von fünf bis sechs Wunschkandidaten gestanden, sagt YB-Sportchef Fredy Bickel. Er selber habe lange Zeit nicht daran geglaubt, den Franzosen nach Bern locken zu können. «Ich dachte, er kommt wieder irgendwo in der Ligue 1 unter.» Bickel sollte sich täuschen. Als das entscheidende Playoff-Spiel in Debrecen vor der Tür stand, hatte Hoarau immer noch keinen neuen Verein gefunden. Nun konkretisierten sich die Verhandlungen, die am Tag nach dem Debrecen-Match zügig abgeschlossen wurden.

Hoarau länger bei YB?

Der unkomplizierte Hoarau brauchte nicht lange, um sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. «Er hat sofort eine Führungsrolle übernommen», stellte Bickel schon nach wenigen Wochen befriedigt fest. Deshalb verwunderte es nicht, wurde das ursprünglich bis Weihnachten befristete Arbeitsverhältnis frühzeitig verlängert bis Ende Saison. Kommt es gar zu einem längeren Engagement? Bickel hat seine Zweifel, da Hoarau ihm gegenüber durchblicken liess, er würde seine Karriere gerne in Frankreich fortsetzen. «Doch vielleicht kommt Guillaume im Februar oder März zu uns und sagt, es gefalle ihm in Bern ausgezeichnet und er wolle nun doch länger bleiben als geplant.» Hoarau lässt sich gar nicht erst auf Spekulationen ein. «Mich interessiert nur das Hier und Jetzt. Und mit dem bin ich zufrieden.»

Der Bund