2018-01-04 20:39

Vom Körper zur Erinnerung

Holocaust-Überlebender und Schriftsteller: Aharon Appelfeld ist 85-jährig in Jerusalem gestorben.

Dieses Café nutzte er oft als Arbeitsplatz: Aharon Appelfeld. Bild: Keystone

Dieses Café nutzte er oft als Arbeitsplatz: Aharon Appelfeld. Bild: Keystone

«Ich bin der einzige jüdische Schriftsteller in Israel», hat er einmal gesagt. Er meinte: Er trug das Erbe der jüdischen Diaspora in die Literatur jenes Landes hinein, das sich von diesem Erbe gerade scharf abgrenzte und eine neue Identität als naturverbundenes und wehrhaftes Volk konstruierte. «Muskeljuden» nannte Aharon Appelfeld diese Israelis, und es dauerte lange, bis seine Literatur ihren Platz und ihre Anerkennung fand.

In rund 40 Romanen, Erzählungen und Essays umkreiste er sein Lebensthema: den Untergang des europäischen Judentums durch den Holocaust, aber auch dessen innere Zerrissenheit zwischen Assimilation und Spiritualität und schliesslich das Gefühl der Fremdheit im Exil der neuen Heimat.

Appelfeld, 1932 bei Czernowitz (Bukowina, heute Ukraine) mit dem ­deutschen Vornamen Erwin geboren, schöpfte aus seinem eigenen Lebensstoff. Von seinen Eltern, die für deutsche Kultur schwärmten, und seinem tief ­religiösen Grossvater empfing er Einflüsse, die mit dem Einmarsch der Deutschen 1941 radikal gekappt wurden. Die Mutter wurde erschossen, Vater und Sohn deportiert. Dem Neunjährigen gelang die Flucht, er schlug sich in den Wäldern durch, bei Schmugglern und Prostituierten, schliesslich als Küchenjunge der Roten Armee. 1946 gelangte er über Italien nach Israel, wo er den Namen Aharon annahm, Hebräisch lernte – seine «Stiefmuttersprache» – und studierte. Martin Buber, Gershom Scholem und S. J. Agnon waren seine Lehrer.

Die Blindheit der europäischen Juden

1962 erschienen Aharon Appelfelds erste Erzählungen, 1975 erschien der ­Roman «Badenheim», sein internationaler Durchbruch. Es ist eine Parabel auf die Blindheit der europäischen Juden. In einem Kurort berauscht sich eine Gesellschaft kultivierter Bürger an der eigenen Assimiliertheit und ignoriert alle An­zeichen der Bedrohung, bis die Vieh­wagen vorfahren.

«Der eiserne Pfad» (1991) erzählt vom Antiquitätenhändler Erwin Siegelbaum, der nach dem Krieg obsessiv die immer selbe Eisenbahnroute abfährt, in der Hoffnung, dem Mörder seiner Eltern zu begegnen – und ihn zu töten. Die «Geschichte eines Lebens» (1983) umkreist einmal mehr die Brüche einer Biografie, die von der «Ohnmacht des Erlebens» zur «Ohnmacht des Erzählens» führt. Es sei sein Körper, der den Krieg aufgesogen habe, nicht seine Erinnerung, hat Appelfeld einmal gesagt. Seine lakonische Sprache, die sich von Hauptsatz zu Hauptsatz vorantastet, ist der Versuch, die Erinnerung wiederzugewinnen und in Kunst zu verwandeln. Das ist ihm beeindruckend gelungen.