2012-08-17 13:29

Nagelhautfetzen

ExklusivLive-Poesie

Slammerin Hazel Brugger hat auf der DerBund.ch/Newsnet-Redaktion live und online eine Geschichte geschrieben. Lesen Sie hier die Schlussfassung.

Hazel Brugger liest ihren Text.

  • Hazel Brugger

«Alles hat keine Zeit»(Der Startsatz, vorgegeben von Guy Krneta)

Ob man nun ein- oder sechsmal jährlich versucht, sich aus seinen eigenen Marotten zu schälen, spielt keine grosse Rolle. Wie ein Peeling für die Seele, hatte Wolfgang Flato immer gesagt.

Eines dieser chemischen Peelings, die einen zwar wie ein Brandopfer aussehen lassen, dafür aber ein zehn Jahre jüngeres Brandopfer.

Dass da keine Zeit war für das Alles, hatte ihn auch nie richtig gestört, denn das Alles gehörte allen und die Zeit sich selbst, was dem Ganzen – sprich dem Alles und der Zeit zusammen – zumindest eine gewisse unleugbare, allgegenwärtige Fairness vermittelte.

Aber Gedankenexperimente dieser Art liess Flato ohnehin nur äusserst selten zu, und wenn er es tat, dann war er entweder betrunken – was nicht selten der Fall war –, oder stand in einer Supermarktkassenschlange. Manchmal auch beides gleichzeitig, denn die Gespräche kurz vor dem Fliessband, da, wo es um Haben oder Nichthaben geht, um den Beweis der eigenen Fähigkeit als Jäger und Sammler, waren nüchtern nur schwer zu ertragen.

Also versuchte er, die Zeit mit Nichtdenken totzuschlagen – und sich stattdessen eben der eigenen menschlichen Übeleien zu entledigen. Ein- bis sechsmal im Jahr, wie es halt gerade passte, und bestimmt nicht an Silvester, nein, viel zu ordinär sei das, wie er fand.

Das Übel steckt im Kleinen, hatte er einmal auf der Innenseite einer Klokabinentür im Appenzell gelesen. Wohl die weisen Worte eines Kackphilosophen, hatte Flato gedacht, oder aber die des frustrierten Anzugträgers nach dem gescheiterten WC-Quickie. Für einen Eintrag im Diogenes-Aphorismen-Sammelsurium reichte es allemal.

Das Ende des Verdauungsprozesses als Brunnen der Sinnfindung – denn nie, nie, nie sah man Vergleichbares auf der Aussenseite einer Badezimmertür, geschweige denn in einem Wohnzimmer oder dem Wartesaal einer psychiatrischen Besserungsanstalt.

Er schälte sich also ein- bis sechsmal jährlich mental wie ein Reptil, das sich des zu klein gewordenen Edelledermäntelchens entledigt, um darunter grösser, weicher und älter neu geboren zu werden. Weicher wurde Flato zwar nicht, und auch waren seine Wachstumsversuche seit seinen Mittzwanzigern wenn überhaupt eher rückwärts abgelaufen – aber älter, das wurde er, und wie.

Doch das Altern wird jedem in die Wiege gelegt, sagte er sich, und so machte er sich nicht viel daraus – wie man sich bettet, so liegt man, und wie man liegen bleibt, so stirbt man. Ein simpler Kreis, und Flato machte sich nicht viel aus dem Tod.

Das Nagelhautfetzenknabbern gehörte zu seinen grössten Lastern, ganz oben mit seinem blossen, urschweizerischen Menschenhass. Nur dass der Menschenhass seine Finger nicht bluten liess.

Er liebte es, wie man sich an einer so kleinen Körperstelle wie der Nagelhaut, oftmals Flächen so winzig wie Planktonpartikel – oder zumindest so winzig, wie Flato sich Planktonpartikel vorstellte, denn Planktonpartikel bekam der moderne Mensch ja nur computeranimiert und im Fernsehen mit, und dann auch immer noch direkt mit der Grösse des Blauwals gekoppelt, was der eigenen Vorstellung wohl ähnlich gut auf die Sprünge helfen sollte wie der beliebte Fussballfeldgrössen- oder Bruttoinlandproduktsvergleich – er liebte es also, wie man sich an einer so kleinen Körperstelle wie der Nagelhaut solch grosse, scharfe Schmerzen zufügen konnte. Dass man sich dem Tod ferner fühlte denn je, Herrscher über das eigene Nervensystem, Ritter des Adrenalins.

Die abgekauten, toten Zellen spuckte er dann lässig und mit viel Druck in die Ecke, den Bus oder die leer gesoffene Flasche. Zwei Beziehungen waren so schon erfolgreich gescheitert.

Und für gescheiterte Beziehungen ist keine Zeit. Ein allgemein bekannter Fakt, ein zwischenmenschliches Axiom. Für intakte Beziehungen, ja freilich, auch für gerade scheiternde – denn man kann ja vielleicht noch was lernen für die Zukunft, oder wenigstens Geld draus machen, oder mit dem Scheidungsanwalt oder seiner Sekretärin schlafen – aber für bereits gescheiterte Beziehungen ist, im Präsens gedacht, keine Zeit.

Flato war betrunken.

Richtig betrunken, so, dass er zwar wusste, dass es ihm morgen schlecht gehen würde, es ihm gleichzeitig aber auch schnurzpiep war.

Er sass im Klo der Bar seines Vertrauens (denn die Bars sind es, denen man zuletzt misstrauen sollte), kaute am Übergang der Nagelhautfetzen zum Knochen, und suhlte sich im Selbstmitleid.

Mit baumelnden Füssen, blutenden Fingern und glasigem Blick stellte er seine eigene Existenz der, wie er es nannte, Scheissigkeit der Nation gegenüber. Wenn sowieso schon alles keine Zeit hat, ist mir das Selbstmitleid die liebste Brust, hätte er gerne an die Tür gekritzelt, doch er bezweifelte, die vielen Konsonanten in «Selbstmitleid» in richtiger Reihenfolge niederschreiben zu können, und zudem hatte er keinen wasserfesten Stift bei sich, denn wer tut das schon.

Gerade war er aus einer Beziehung gekommen. Gekrochen wohl eher, und die Zeit konnte ihm nicht schnell genug vergehen. Ihre Schönheit war nicht tiefer als sechs Schnapsgläser gewesen, und auf Nettigkeit oder gar Liebe zu hoffen, hatte Flato sowieso schon lange aufgegeben.

Er drückte die Klospülung, schaute, wie die Brühe abgesaugt und durch frisches Wasser ersetzt wurde, und musste schief lächeln. Da gibt es Leute, die schlafen zu siebt auf einer faulen Matratze, und der Schweizer pisst ins Trinkwasser.

Flato bestellte sich noch ein Bier, schimpfte den Bierzapfer durch seinen nicht vorhandenen Bart an – um des Schimpfens willen – und setzte sich an seinen Stammplatz, unter die Uhr mit dem roten Sekundenzeiger, bei der aber der Minutenzeiger fehlte. Er leerte das Bier, war traurig, und sah der Kerze beim Wachsen zu, beim langsamen Zuwachsen des Tisches.

Das Nagelhautfetzenknabbern aufzugeben, hatte er kurzfristig aufgegeben, denn wie er so den Sekundenzeiger bei seinen Runden beobachtete und versuchte, mitzuzählen und auszurechnen, wo der Minutenzeiger jetzt ungefähr stehen sollte, war er fast schon stolz, sich mit seinen blutverkrusteten Nagelrändern vom Rest der Halbtoten hier abzuheben. Nicht, dass er es nicht schaffen würde, aufzuhören, im Gegenteil – er war Wolfgang Flato und hatte sowohl ein Survival-Wochenende im Wallis als auch die Kocherei seiner Mutter überlebt – aber ein Laster aufzugeben, nur, um in der Masse weniger aufzufallen, erschien ihm dann schon als übertriebene Aktion.

Die Kerze war nur mehr eine harte Pfütze im Kirschholz, der Docht in Luft aufgelöst. Wohl das Nichts der eigenen Bestimmung.

Flato war richtig betrunken, das Nichtdenken ein gescheiterter Wunsch.

Diese Allgegenwärtigkeit des eigenen Scheiterns machte ihn fertig, nicht einmal Nagelhautfetzen waren mehr da. Und sich durch die Knochen zu beissen, empfand er als übertriebene Reaktion. Er trank noch zwei Bier, starrte auf die Uhr, lauschte dem Knarren des Stundenzeigers, wenn er sich regte. Er trank ein weiteres Bier und noch mal eins. Ihm war schlecht.

Flato wankte zum Klo, kotzte in die Schüssel und wischte sich den Mund ab. Er spülte viermal und wartete, bis der grobe, beissende Gestank verschwunden war.

So viel Zeit muss sein, dachte er, setzte sich und wartete auf den Morgen.

DerBund.ch/Newsnet

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