2014-11-30 20:19

Der Ball rollt wieder für YB

Die Berner bezwingen ihren Lieblingsgegner St.Gallen dank ihrer neuen Stärke, den stehenden Bällen. Überragender Akteur beim 4:2-Erfolg ist der zweifache Torschütze Guillaume Hoarau.

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  • Ruedi Kunz

    Ruedi Kunz

Anfang November herrschte rund um den BSC Young Boys wieder einmal der grosse Katzenjammer. Drei Niederlagen in Folge – die letzte zuhause gegen Aufsteiger Vaduz – befeuerten die Trainerdiskussion. Es gab mediale Stimmen, die allen Ernstes behaupteten, Uli Forte betreibe seinen Job nicht immer mit der notwendigen Seriösität. Die Klubführung dementierte dies heftig.

Gleichwohl ist nicht sicher, ob sie weiter zu Forte gestanden hätte, hätte YB vor heimischer Kulisse auch die nächste Super League-Partie gegen Sion verloren statt mit viel Glück 2:1 für sich entschieden.

Drei Wochen später scheint es, als habe es das Wort Krise nie gegeben beim Traditionsverein. Ein Last-Minute-Erfolg in Thun, ein ungefährderter 3:1-Sieg gegen einen sehr bescheidenen Gegner in der Europa League (Slovan Bratislava) und nun das 4:2 gegen das dezimierte St.Gallen lassen alles wieder in einem viel vorteilhafteren Licht erscheinen. Die Young Boys sind in der Tabelle auf den 3. Platz vorgerückt.

Gewinnen sie auch noch die beiden nächsten Partien in Luzern und Zürich (gegen GC), halten sie einigermassen Schritt mit dem Führungsduo Basel und Zürich. Das hilft, die Stimmung zu heben im bitterkalten Stade de Suisse. Guillaume Hoarau kriegt, als ihn Forte vorzeitig vom Platz holt, eine Standing Ovation. Der Coach selber posiert nach Matchende mit weiblichen Fans, die eifrig Fotos schiessen. Yvon Mvogo und Sékou Sanogo diskutieren im Kabinengang entspannt mit dem St.Galler Yanis Tafer über dessen prächtigen Schuss in die hohe Torecke.

Zweimal Corner-Tor

Alles bestens auf dem kleinen Planeten YB also? Das ist so falsch wie die Untergangsszenarien vor Monatsfrist. Die Berner haben nicht einen enormen Leistungssprung gemacht innert Kürze, doch sie schiessen in wichtigen Momenten Tore. Gegen St.Gallen gelang ihnen eine Halbzeit nahezu nichts aus dem Spiel heraus. Dass sie dennoch zweimal trafen, verdankten sie ihrem Geschick bei stehenden Bällen.

Hoarau bewies in der 16. Minute eindrücklich, welch vorzüglicher Kopfballspieler er ist, als er trotz doppelter Bewachung durch Mathys und Bunjaku einen Steffen-Corner ins Tor beförderte. Unmittelbar vor der Pause eine fast identische Situation: Corner Steffen, am hinteren Pfosten hatte Vilotic das bessere Timing als Russo, erneut hatten die Platzherren den Gleichstand hergestellt. «Wir standen wohl nahe bei den Leuten, aber nicht gut genug», klagte St.Gallens Trainer Jeff Saibene zu Recht.

Besles verhängnisvolle Aktion

Matchentscheidend war ein dritter ruhender Ball, beziehungsweise die Aktion, die zu diesem führte. Die zweite Hälfte war kaum angepfiffen, als der bereits verwarnte Besle im Strafraum Nuzzolo von den Beinen holte. Schiedsrichter Erlachner konnte gar nicht anders, als auf Elfmeter zu entscheiden und den Foulsünder vom Platz zu stellen.

Hoarau verdoppelte seine Trefferquote – und knickte die St.Galler Hoffnungen auf den ersten Sieg im Stade de Suisse. Saibene bemühte sich hinterher gar nicht erst, seinen Captain in Schutz zu nehmen: «Er erhält zuviele Gelbe Karten.»

In Überzahl gerieten die Young Boys nicht mehr in Gefahr, den Match noch zu verlieren. Bald gelang ihnen durch Steffen das vierte Tor. Kein Zufall war, dass Hoarau auch an diesem Treffer direkt beteiligt war, denn fast alles, was der 30-Jährige Angreifer in diesem Match tat, hatte Hand und Fuss. «Über seine Klasse müssen wir keine grossen Worte verlieren», meinte Forte euphorisch. Sportchef Fredy Bickel und Scoutingchef Stéphane Chapuisat hätten für den Transfer des Franzosen ein grosses Weihnachtsgeschenk verdient.

Es ist unbestritten: Das YB-Spiel hat dank der Präsenz des Franzosen an Durchschlagskraft gewonnen. Offensichtlich ist auch die Qualitätssteigerung bei Standardsituationen. Die beiden Tore gegen Sion fielen nach Freistössen von Gajic und Lecjaks, in Bratislava gingen dem 1:0 und dem 2:1 Freistossflanken von Lecjaks voraus. Sie hätten während der Nationalmannschaftspause mehrere neue Varianten einstudiert, verriet Raphaël Nuzzolo. Forte wollte diese Aussage relativiert haben: «Wir haben schon zuvor Corners und Freistösse geübt, doch es brauchte lange, bis wir sie regelmässig gut traten.»

DerBund.ch/Newsnet