2019-07-06 10:32

Jetzt braucht es eine weite Perspektive

Wie weiter mit der Überbauung im Viererfeld? Die Aufsplitterung des Verfahrens in zahlreiche Hände verspricht keinen Wurf, sondern Mittelmass. Aber noch ist Zeit, Forderungen zu stellen.

Viererfeld: Die Möglichkeiten dieses durch fast wundersame Umstände bisher von der Überbauung ausgesparten Areals müssen ausgelotet werden.

Viererfeld: Die Möglichkeiten dieses durch fast wundersame Umstände bisher von der Überbauung ausgesparten Areals müssen ausgelotet werden.

(Bild: Adrian Moser)

  • Jürg Schweizer

Der Wellengang ist sanft, es ist noch kühl, die sardischen Berge erstrahlen im ersten Sonnenlicht. Der Blick fällt auf die Weite des Golfs, rechterhand gleisst die Halbinsel Sinis, deren Südspitze ins Meer sticht. Diese besondere geografische Lage entging den Phöniziern nicht, sie gründeten vor bald 3000 Jahren Tharros, die Stadt, die vom Meer ebenso begünstigt war wie vom fruchtbaren Land und den fischreichen Lagunen. Im 4. Jahrhundert vor Christus übernahmen die Punier die Stadt, dann bauten die Römer sie aus. Seeräuber plünderten das christliche Tharros, die Stadt endete als Steinbruch.

In Bern diskutiert man derzeit rege über das Viererfeld, Veranstaltungen dazu sind gut besucht. Was dabei auffällt: Die Ungeduld der Politiker und die Kompliziertheit der Wettbewerbsausschreibung, wo Städtebauliches und, losgelöst davon, Wohnungsentwürfe und die Gestaltung eines Stadtparks gefragt waren.

Warum gab es keinen offenen städtebaulichen Wettbewerb, in dem die Möglichkeiten dieses privilegierten, durch fast wundersame Umstände bisher von der Überbauung ausgesparten Areals mit hoher landschaftlicher Standortgunst ausgelotet wurden? Ausgelotet heisst für mich: in seiner ganzen Grösse samt den Randbereichen, samt den wichtigen Beziehungen zur Kernstadt, zu den benachbarten Quartieren.

Mit einem Bruchteil des betriebenen Aufwands hätte man gültige städtebauliche Aussagen erhalten. Die massiven Einschränkungen des Programms bleiben unverständlich; ein Wettbewerb auf diesem jungfräulichen Feld braucht nicht eine Blickverengung, sondern im Gegenteil: eine weite Perspektive.

Das Verfahren ist auf seine komplizierte Art gelaufen, und auf ebenso komplizierte Art soll nun die Ausarbeitung weitergehen. Die Aufsplitterung in zahlreiche Hände verspricht keinen Wurf, sondern Mittelmass, die zugespitzte Verantwortung vermisst man. Noch ist Zeit, Forderungen zu stellen.

1. Anschluss an die Länggasse sichern: Die verlorene Abstimmung über das Viererfeld hatte aus politischer Ängstlichkeit dazu geführt, dass man die berüchtigten roten Linien der Beplanbarkeit zog. Aber es ist davon auszugehen, dass hier in den nächsten Jahrzehnten die Entwicklung weitergehen wird. Aus diesem Grund muss der Betrachtungsperimeter ausgedehnt werden. Dabei ist der Strassenplan über das ganze Feld mit allen Anschlüssen an das benachbarte Brückfeld und die Länggasse zu bearbeiten.

2. Erweiterung muss möglich sein: Im Rahmen des Masterplans muss die kohärente Erweiterung der Quartierbebauung über das jetzt Geplante hinaus ins Auge gefasst werden.

3. Es geht nicht ohne Brücke: Zu den unabdingbaren Verknüpfungen des Quartiers gehört eine multifunktionale Brücke über die Aaare ins Gebiet Wyler/Breitenrain. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Standortgunst und die Durchblutung des Quartiers. Ansonsten droht eine abgehängte Siedlung. Dabei sind der Anschluss der Brücke beidseits der Aare und die Zusammenschlüsse mit dem übergeordneten Strassensystem zu studieren. Was hat das alles mit Tharros zu tun? Nichts und doch sehr viel! Die Standortgunst des Viererfelds kann man durchaus mit jener der Stadt am Meer vergleichen, die Jahrhunderte bestand.

Kein kurzfristiger Entscheid

In Bern muss man sich heute vor Augen führen, dass mit dem Verfahren über das Viererfeld nicht ein Entscheid für die nächsten 20 Jahre gefällt wird. Quartiere haben Beharrungsvermögen. Gefragt sind etwas mehr Geduld und die verantwortungsbewusste Einsicht, dass beim Viererfeld für die nächsten 100 Jahre und nicht für die nächste Legislatur entschieden wird. Wer weiss, welche Verkehrsmittel in 50 Jahren in der Stadt verkehren werden. Und auch Brücken haben ein langes Leben; sie müssen vielfältig nutzbar sein, sonst ist ihr hoher Preis nicht gerechtfertigt.

Der Kunsthistoriker Jürg Schweizer war von 1990 bis 2009 Denkmalpfleger des Kantons Bern. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnenteams.