2017-11-02 20:55

Der Cézanne fehlt

Ab dieser Woche sind erstmals die Werke der Gurlitt-Sammlung im Berner Kunstmuseum zu sehen. Ausgerechnet das wertvollste Bild wird nicht gezeigt – wegen eines Rechtsstreits.

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Endlich ist es so weit: Die Sammlung Gurlitt – ein Teil der einst vom deutschen Magazin «Focus» als «Nazi-Schatz» betitelten Sammlung – wird der Öffentlichkeit gezeigt. Am Donnerstag eröffnet das Berner Kunstmuseum die Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt» und damit einen Teil der vermachten Sammlung. Doch vom «Nazi-Schatz» spricht heute niemand mehr. Denn je mehr über die Sammlung Gurlitt bekannt wurde, desto tiefer wurde ihr Wert eingeschätzt. Ein Werk gilt zwar noch immer als äusserst wertvoll, doch genau auf dieses wartet man im Berner Kunstmuseum weiter. Es handelt sich um das Gemälde «La Montagne Sainte-Victoire» von Paul Cézanne (1839–1906).

Klar ist, dass das wohl wertvollste Bild der Sammlung am Donnerstag nicht im Kunstmuseum zu sehen sein wird. Stattdessen hängt eine Kopie des Werks an der Wand. Das Cézanne-Bild wurde für die Ausstellung eingeplant und sein Platz wird freigehalten, auch wenn das Werk nun wegen eines Rechtsstreits nicht nach Bern gebracht wird. «Es ist, wie es ist, ich habe keine Zeit, mich zu grämen», sagt Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern, wenige Tage vor der Ausstellung.

Das Werk werde im Laufe der Ausstellung bestimmt noch zu sehen sein, da sei sie optimistisch. Beim Museum weiss man sich zu helfen. «Wir haben ein Faksimile erstellen lassen», sagt Zimmer. Die auf eine Hartschaumplatte gedruckte Kopie entspreche der Qualität des Copyshops von nebenan, so Zimmer. Man erkenne sofort, dass es sich um eine Kopie des Bildes handle, zudem sei es auch so beschriftet, sagt Zimmer, die auch Kuratorin der Ausstellung ist.

Unbekannte Herkunft

Wie Radio SRF 2 Kultur berichtete, kämpfen Anwälte der Familie Cézanne um genau jenes wertvolle Bild, das Cornelius Gurlitt dem Berner Kunstmuseum vermacht hat. Der Urenkel des Malers beansprucht das Werk und vertritt die Ansicht, dass es der Familie gestohlen worden sei. Doch das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste, das die Provenienz der Gurlitt-Sammlung erforscht, hatte das Bild als nicht raubkunstverdächtig eingestuft.

Auch deshalb hat man das wertvolle Bild wohl für die Ausstellung eingeplant, obwohl es thematisch nicht ganz hineinpasst. Denn die Berner Ausstellung konzentriert sich auf die sogenannte entartete Kunst, auf Bilder also, welche 1937/38 von den Nazis aus deutschen Museen entfernt wurden. Zudem werden Bilder gezeigt, welche von der Familie Gurlitt selbst gemalt worden sind und deren Wert eher von geringer Bedeutung ist.

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt ebenfalls eine Ausstellung mit Werken der Gurlitt-Sammlung. Jene Ausstellung konzentriert sich auf Bilder, die im Dritten Reich ihren damaligen, oft jüdischen, Besitzern entzogen wurden, sowie Werke der Sammlung Gurlitt, deren Herkunft noch nicht geklärt ist. Die Bonner Ausstellung wird im Frühjahr 2018 im Kunstmuseum Bern gezeigt.

Cézanne-Bild als Zugpferd

Was lässt sich über den Verbleib von Cézannes Bild sagen, das als Zugpferd für die Berner Ausstellung gedacht war? Marcel Brülhart, Jurist und Vizepräsident des Kunstmuseums Bern, sagt auf Anfrage, dass man im Gespräch mit Cézannes Verwandtschaft sei. Mehr wolle er zum Fall derzeit nicht sagen. Das Gemälde «La Montagne Sainte-Victoire» wurde vor fünf Jahren in der Salzburger Liegenschaft von Cornelius Gurlitt entdeckt. Es gilt als eines der wertvollsten der ganzen Sammlung, die Cornelius Gurlitt von seinem Vater geerbt hatte. Dieser war im Nationalsozialismus ein bekannter Kunsthändler.

Laut Provenienzbericht befand sich das Bild 1940, kurz vor der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht, im Besitz von Paul Cézannes Sohn. Dieser lieh es für eine Ausstellung nach Lyon aus. Danach aber verliert sich die Spur des 1897 entstandenen Werks, bis es in jüngster Zeit in Cornelius Gurlitts Sammlung wieder auftauchte. Der Wert des Gemäldes ist schwer zu beziffern. Ein anderes Bild des Künstlers mit dem gleichen Motiv wechselte 2001 beim Aktionshaus Phillips in New York für 38,5 Millionen Dollar den Besitzer.

2014 verkaufte das Edsel and Eleanor Ford House in Michigan ein Bild mit Bergmotiv unter Ausschluss der Öffentlichkeit sogar für 100 Millionen Dollar, wie «The Detroit News» berichtete. In seinen letzten Jahren malte Cézanne immer wieder die sich über der Ebene von Aix-en-Provence erhebende Montagne Sainte-Victoire. Der Künstler malte sie in Öl, als Aquarell, als blosse Skizze und aus unterschiedlicher Perspektive. Gegenwärtig wäre das dem Berner Museum vermachte Werk aber so oder so unverkäuflich, denn solange die Provenienz nicht restlos aufgeklärt ist, würde es kein seriöses Auktionshaus zur Versteigerung annehmen.

Der Bund