2019-05-12 23:15

Milliardäre schaffen soziales Kapital

Die Millionenspenden für Notre-Dame sind mehr als Imagepflege von Superreichen.

«Erst das verheerende Feuer und die Bilder dazu haben die grossen Summen bewirkt», schreibt Georg von Schnurbein in seiner Replik.

«Erst das verheerende Feuer und die Bilder dazu haben die grossen Summen bewirkt», schreibt Georg von Schnurbein in seiner Replik.

  • Georg von Schnurbein

Stephan Radomsky suggeriert in seinem Essay «Spenden als Imagepflege», dass die reichen Familien Frankreichs ihre Spenden für den Wiederaufbau von Notre-Dame ausschliesslich zur Imagepflege getätigt hätten. Dieses Ziel haben sie verfehlt. Denn eine öffentliche Verdankung hat es kaum gegeben, dagegen ist die Zahl der Kommentare umso grösser, die eine solche Verdankung anprangern.

Auch Radomsky stimmt in diesen Chor ein und kritisiert interessanterweise gleichzeitig sowohl die Grosszügigkeit wie den Geiz der Grossspender. Geizig seien sie, weil im Verhältnis zum Vermögen diese eine Spende gering erscheint. Ihre Grosszügigkeit wird kritisiert, weil sie scheinbar ihr Image über den Spendenzweck stellen.

Damit wird ein Bild von Philanthropie gezeichnet, das von Egozentrismus und Eigennutz geprägt ist. Wenn dieses Bild stimmt, hätte Philanthropie schon längst auf dem Müllhaufen der Geschichte landen müssen. Erstaunlicherweise hat sie aber alle Revolutionen, Ideologien und Wirtschaftskrisen überlebt – selbst in Frankreich, wo die Gründung von gemeinnützigen Stiftungen von 1791 bis 1983 verboten war.

Philanthropie entspricht einem menschlichen Bedürfnis.

Was Radomsky und andere Kritiker übersehen, ist, dass Philanthropie einem menschlichen Bedürfnis entspricht, das weit über Steuererleichterungen oder Gedenktafeln hinausgeht. Philanthropie, also jede private freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck, ist Ausdruck einer intakten Zivilgesellschaft, in der Bürger bereit sind, über die Pflicht hinaus das Gemeinwohl zu stärken. Dies geschieht durch Spenden, Freiwilligenarbeit oder eine Stiftung. Dass dabei auch persönliche Interessen eine Rolle spielen, liegt in der Natur der Freiwilligkeit. Wer sich als Fussballtrainer freiwillig engagiert, will nicht in Museen Auskunft geben, und wer für Entwicklungshilfe spendet, wählt diesen Zweck bewusst.

Eine weitere Eigenschaft der Philanthropie ist eine gewisse Emotionalität, die erst zur Spende motiviert. Die hohe Spendenbereitschaft für Notre-Dame trifft nicht nur auf Superreiche zu, sondern auch auf viele «Normalbürger», die ebenfalls gespendet haben. Bei beiden Gruppen gleichermassen hätte ein Spendenaufruf zur Renovation der Kathedrale wohl weit weniger Ertrag gebracht. Erst das verheerende Feuer und die Bilder dazu haben die grossen Summen bewirkt.

Weit mehr als die Emotionalität stören sich die Kritiker aber an ausbleibenden Steuererträgen. Steueroptimierung und Spendenabzug sind auch eine Frage der Rahmenbedingungen. Die Steuerehrlichkeit variiert von Land zu Land, ebenso die Spendenbereitschaft. Dies als generelle Kritik an Philanthropie zu formulieren, ist daher nicht gerechtfertigt. Auch sind Spenden weder ein Ersatz noch eine Fortsetzung von Steuern.

Was diese Familien spenden, ist höchstens eine Ergänzung zum Staatsaufwand.

Bei Grossspenden verleiten die hohen Beträge aber zu Fehleinschätzungen über deren generelle Bedeutung. Die Vermögen der drei im Artikel erwähnten Familien sind enorm hoch (um­gerechnet 150 Milliarden Franken). Jedoch verfügt Frankreich über ein Staatsvermögen von 13537 Milliarden und ein jährliches Staatsbudget von 1480 Milliarden Franken. So gesehen ist alles, was diese Familien spenden, höchstens eine kleine Ergänzung zum jährlichen Staatsaufwand, nie aber ein Ersatz.

Wer Philanthropie auf die finanzielle Kraft reduziert, verkennt den eigent­lichen gesellschaftlichen Mehrwert. Dieser liegt nicht im Geld, sondern vielmehr in der generellen Bereitschaft, mehr für das Gemeinwohl zu leisten. Dabei kann Philanthropie viele Zwecke fördern, von kultureller Bewahrung über soziale Unterstützung bis hin zur Forschung.

Es ist ein Ausdruck von Vertrauen in eine vielseitig interessierte Gesellschaft, dass alle philanthropischen Leistungen zusammen die Breite der Gesellschaftsthemen abdecken. Ein Generalverdacht gegen die Philanthropie bewirkt höchstens, dass weniger gespendet und freiwillig geleistet wird – und neben den finanziellen Aus­fällen vor allem viel soziales Kapital verloren geht.

Georg von Schnurbein ist Professor für Stiftungs­management und Direktor des Center for Philanthropy Studies der Uni Basel.
Georg von Schnurbein ist Professor für Stiftungs­management und Direktor des Center for Philanthropy Studies der Uni Basel.