2014-06-01 17:08

Heilige Kilbi

Bad Bonn

Pop-Heimwerker, Meta-Techno, Freakout-Cocktails – und eine Erscheinung: Die 24. Bad Bonn Kilbi in Düdingen schillerte zwischen den Extremen.

Kurios und verpeilt: R Stevie Moore.

Kurios und verpeilt: R Stevie Moore.

(Bild: Patrick Principe)

  • Benedikt Sartorius

Samstagnachmittag, 16 Uhr: Auf der kleineren Bühne der Bad Bonn Kilbi in Düdingen beginnen fünf Däninnen ihr Konzert. Ihre Instrumente: Geige, Posaune, Saxofon, zwei Schlagzeuge und allerlei Effektgeräte. Mit diesen Instrumenten mixen Selvhenter, so der Name der Band, ein Heavy-Gebräu, das den elektrischen Miles Davis mit dem Langsam-Metal von Bands wie den Melvins zusammenrührt – und den schwersten und müdesten Festivalköpfen, die bereits versammelt sind, neues und tolles Leben reinhämmert.

Selvhenter erzählten mit dieser unwahrscheinlichen Musik eine jener Wundertüten-Geschichten, wie es sie in der hiesigen Festivallandschaft nur an der Bad Bonn Kilbi zu erleben gibt, die einmal mehr die Extreme streifte, in schwere Psychedelia abtauchte und dieses Jahr auch schön leichtfüssig den Welt-Pop zelebrierte.

Musik um Existenzen zu retten

Eine der Haupterzählungen der 24. Ausgabe ist die Geschichte eines Mannes, der als Siebenjähriger die Novelty-Hit-Zeilen «But you love me, Daddy» in die Studio-Mikrofons trällern musste. Dort studierte der Sohn eines Country-Sessionmusikers die Aufnahmetechniken aber sehr genau, und flüchtete bald einmal aus der Stadt Nashville, denn hier gab es für seine Sound-und-Song-Visionen nichts zu holen. «Nashville»: Das steht nun auf den pyjamaartigen Hosen des mittlerweile 62-jährigen R Stevie Moore, der in seinem Kassetten-Heimstudio über 400 Alben aufgenommen haben soll – und nun an der Bad Bonn Kilbi einige Lieder aus diesem unüberblickbaren Katalog zum Besten gibt. Der samichlausbärtige Moore, mittlerweile der Held und Götti einer jüngeren Generation, die sich in Heim- und Kassettenaufnahmen übt, inszeniert in Düdingen seine ursprünglichen Lo-Fi-Lieder mit einer bestens eingespielten Rockband.

Durch diese veränderte, höchst geschmäcklerische Ästhetik ist in diesen ursprünglichen Pop-Fusion-Noise-Radiosongs in Düdingen nichts verrauscht und nichts unbewusst. Denn, und das ist der Unterschied zu anderen scheinbaren Dropouts der jüngeren Musikgeschichte: Der kurios verpeilte Popbesessene R Stevie Moore wusste in all den Jahren der Einsamkeit, was er tat, wenn alles wiedermal zu still und die Einsamkeit zu gross wurde: Lieder aufnehmen und Musik hören. So war der Auftritt von Moore in jenen Momenten am berührendsten, als diese einsame Trauer, verbunden mit Trotz und der Liebe zum Pop, durchschimmerte. Und man wurde gewahr, dass es wohl doch stimmt, so dumm das nun klingt: Ja, Musik kann Existenzen retten.

Die Erscheinung

Existenzen retten, dieses Mal jene seiner Anhängerschaft, kann auch ein weiteres Phänomen, das in Düdingen erschienen ist. Jeff Mangum – der Erfinder der Band Neutral Milk Hotel, die 1996 die mythische Platte «In the Aeroplane Over the Sea» veröffentlicht hat, zehn Jahre verschwunden ist und nun mitsamt Urformation wieder eine Vielzahl von Konzerten spielt – schlurft mit Zottelbart, Wollpulli, Schirmmütze und einer abgespielten Akustikgitarre auf die Bühne. Am Rand schrammt er die Akkorde und singt in klaren Worten vom zweiköpfigen Knaben, der im Glas eingeschlossen ist, sich die Sonntagsschuhe montiert und eine Musik imaginiert, die ihn, den Eingeschlossenen, trösten könnte. Die restlichen Bandmitglieder schliessen sich ihrem Sänger und Gitarristen an, intonieren mit Blasinstrumenten, singenden Sägen und Akkordeon einen balkanisierten Trauermarsch, ehe der Verzerrer eingestöpselt wird und alles ausbricht: das transzendente Rumpelorchester auf der Bühne und im eingeweihten Teil des Publikums das Freudestrahlen – und vor allem die Tränen. Mangum und seine Neutral-Milk-Hotel-Gefährten, die an ihrem ersten Schweizer Konzert auf einem strikten Foto- und Videoverbot beharren, spielen immer hart an der Kippe zum Zusammenbruch, doch die Folk-Songs, sie überleben dies und strahlen in dieser letzten Nacht der Bad Bonn Kilbi eine bewegende Würde aus, die man kaum benennen kann. Nennen wir diese Ausstrahlung behelfshalber heilig.

Heilig, das sind die Wild Beasts nicht – auch wenn die englische Band schon mal den Ort «Mecca» besingt. Eher fahnden die Endzwanziger mit ihrem perfektionistischen Sorgfaltspop und Kopfstimmengesang nach süssesten Punkten, stets distanziert, was dann wohl erklärt, warum ihr sehr konzentrierter und überaus schöner Auftritt vom Donnerstagabend nicht so recht auf Gegenliebe gestossen ist. Da hatte es im Düdinger Clubhaus ein dicker Grieche einfacher: Larry Gus heisst dieser und schraubte mit vollem Körpereinsatz eine ausgelassene, tropisch flirrende und sehr perkussive Electronica zusammen, die er mit Stimmen, Vintage-Soul-Samples und Trommelschlägen anreicherte. Ein fröhlicher, ausgelassener Höhepunkt – gleich wie die surrealistische Latin-Spielart, die die kolumbianischen Meridian Brothers aus ihren toll purzelnden Weltall-Örgelis zauberten.

Schneller als der Trans Europa Express

Als der Pop an dieser Festivalausgabe ausgeweidet war, wurde es Zeit für die drei Japanerinnen, die sich Nisennenmondai nennen. Mit Schlagzeug, Bass und Gitarre, die durch Manipulationen und Loops alles rockistische (das bei einer Vielzahl an ebenfalls aufspielenden Schweinerockbands noch zelebriert wurde) verloren hat, inszeniert die Band aus Tokio eine Art Meta-Techno, der wie einst Kraftwerks «Trans Europa-Express» die Landschaften vermisst. Nur, dass der klassische Kraftwerk-Zug ein Provinz-Bummler war gegen diese entfesselnde, sture Hochgeschwindigkeits-Musik, die sich dank unmerklich angebrachten Verdichtungen im Beat und im Effektbild von Düsseldorf via Detroit und Chicago zurück in die Band-Heimat beamt. Im bereits zweiten Kilbiauftritt haben Nisennenmondai ihren Minimalismus, der früher noch Post-Punk-infiziert war, weiter radikalisiert – und liessen in Düdingen selbst den grossartigen psychedelischen Kraut-Drogenrock der Sturköpfe Wooden Shjips als Übungen in Maximum erscheinen.

Das Maximum zelebrierte das schwedische Kollektiv Goat in der späten Nacht auf den Samstag mit einem Mummenschanz, in dem jegliche Authentizitätsversprechen, der im Marketinggenre «World Music» immer noch mitschwingt, fröhlich suspendiert wurden. In mehr oder sehr weniger lustige Kostüme gewandet – afrikanisierte Fantasiemasken, Burka, Asien-Klischees, Ku-Klux-Klan-Kapuze – vermengten die schwedischen Kommunarden alles, was in Plattengestellen so rumsteht: Hare-Krishna-Chöre, Afrobeat, Stoner Rock, Black-Sabbath-Metal und äthiopische Harmonien fanden sich in diesem Freakout-Voodoo-Cocktail, der auf den Punkt serviert wurde, die Wirkung aber dann doch reichlich rasch verlor.

So ging es immer weiter an diesem einmal mehr ausverkauften Festival: Man stolperte durch die Bierduschen bei Reverend Beat-Mans The Monsters, versuchte, dem spottenden Schlafzimmerblick der Sängerin Angel Olsen zu trotzen, lauschte bei endlosem Sommersonnenschein den Liedern des traurigen brasilianischen Barden Rodrigo Amarante, tanzte zu den Guilty-Pleasure-Hits der Londoner Jungle und erinnerte sich an den radebrechenden Ausspruch des Sängers der australischen Psych-Surfband Pond: «Es ist sweet as fuck.» Und dieser Spruch, der ist, bei allem Respekt vor der hehren Sprache, fazitverdächtig für dieses so wertvolle Festival in der deutschfreiburgischen Provinz.

DerBund.ch/Newsnet