2016-12-29 08:41

Zweckoptimismus beim langen Warten auf den Schnee

Die Wiriehornbahnen im Diemtigtal stecken in einer verzwickten Lage: Weil es zu warm war, konnte kein Kunstschnee produziert werden.

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Der grosse Parkplatz ist leer, gerade fährt ein Postauto vorbei, ohne an der Station zu halten, und die drei Kassen an der Talstation sind geschlossen. Während alle grösseren Skigebiete im Berner Oberland trotz ausgebliebenem Schneefall in Betrieb sind, stehen die Wiriehornbahnen im Diemtigtal still. Andernorts fährt man auf Kunstschnee, am Wiriehorn war es dafür zu warm. Denn das Skigebiet erstreckt sich von knapp 1000 auf rund 1700 Meter über Meer. Ein paar weisse Flecken am Hang zeugen vom missglückten Versuch, auch hier Kunstschnee zu produzieren.

Vor einem Jahr sah es ähnlich aus, der Wintereinbruch liess so lange auf sich warten wie seit vielen Jahren nicht mehr. Erst am 17. Januar kam der erlösende Schnee. «Jetzt ist es noch schlimmer, zumindest emotional. Wir brauchen unbedingt einen guten Winter», sagt Erich Klauwers, Verwaltungsratspräsident der Wiriehornbahnen AG.

«Nach dem Strohhalm greifen»

Im Büro der Geschäftsleiterin Marina Schmoll gleich neben den Kassen an der Talstation verbreiten die Verantwortlichen des Unternehmens Zweckoptimismus. «Die Bahn wird überleben», sagen sie unisono. Doch wie? Das Unternehmen befindet sich in der Nachlassstundung, nun hat es Zeit, für die Schulden einen Vergleich und einen Sanierungsplan aufzustellen. Aber dabei bleibt kaum Spielraum, um auf die aktuelle Situation zu reagieren. Die Bahn könnte Wanderern und Bikern beliebt machen, ihre Hobbys auch im Winter auszuüben. «Unter anderen Umständen würden wir nach diesem Strohhalm greifen», sagt Klauwers.

Doch sobald die Sesselbahn gestartet wird, entstehen ungedeckte Kosten. Dasselbe gilt für das Berghotel Wiriehorn bei der Bergstation, das zum Unternehmen gehört. Nichtsdestotrotz soll das Berghotel jedoch an Silvester den Betrieb aufnehmen: Wie jedes Jahr wird dort eine Party stattfinden. Anschliessend könnte auch ein eingeschränkter Betrieb mit Trottinett- und Bikefahrten in Betracht gezogen werden, sagt Klauwers.

Das ganze Tal leidet

Am Betrieb der Bergbahn hängen viele Jobs. Die Bahn beschäftigt 5 Vollzeitangestellte und bis zu 45 Saisonangestellte. Hinzu kommen die Mitarbeiter des Berghotels und bis zu 40 Skilehrer. An der Talstation gibt es ein Sportgeschäft, im Skigebiet weitere Gastrobetriebe und Ferienhäuser sowie eine Bäckerei im Dorf. Wenn die Wiriehornbahnen nicht fahren, leidet das ganze Tal. Deshalb ist wohl auch die Solidarität so gross.

Trotz schlechtem vorangehenden Winter lief der Vorverkauf der Saisonkarten gut, und der Verein Freunde der Wiriehornbahnen hat knapp 200'000 Franken gesammelt. Dieser Betrag könne für die Rettung des Unternehmens entscheidend sein, sagt Klauwers.

«Lieber ein Kunstschneeband»

Gut wie noch nie lief zudem die Sommersaison. Schönes Wetter und die Eröffnung der zweiten Downhill-Bikestrecke machten es möglich. Doch bis das Unternehmen vom neuen Segment profitieren konnte, brauchte es einen langen Atem. «Bei uns fährt man seit 20 Jahren Bike», sagt Klauwers. Warum sich also nicht auf den Sommertourismus beschränken und das Skigeschäft lassen? Allein mit dem Sommerertrag die Sesselbahn abzubezahlen, sei keine Option, so Klauwers.

Doch nun ist nur noch die letzte Tranche fällig, danach gebe es tatsächlich andere Optionen. «Die Klimaveränderung findet statt», sagt er. Das Motto «Wir fahren nur mit Naturschnee» liesse sich vielleicht sogar gut vermarkten. In Beschneiungsanlangen zu investieren, sei jedenfalls kein Zukunftsmodell.

Dass es nicht leicht ist, sich vom Skigeschäft zumindest teilweise zu verabschieden, zeigt die Haltung von Bruno Kernen. Der Ex-Skirennfahrer ist seit 2008 Verwaltungsrat der Wiriehornbahnen. «Ich bin durch und durch Skifahrer, deshalb fahre ich lieber auf einem weissen Kunstschneeband als gar nicht», sagt er. Bereits stand er diese Saison rund 15 Tage auf den Ski, in Österreich, Zermatt oder der Jungfrauregion. Seine Jugend aber habe er am Wiriehorn verbracht, die Bergbahnen seien für ihn deshalb eine Herzensangelegenheit.

Er sagt aber auch: «Heute kann man nur überleben, wenn man auch im Sommer ein gutes Geschäft macht.» Dafür brauchte es aber Investitionen. Ihm schwebt etwas Ähnliches vor wie im Schwyzer Gebiet Sattel-Hochstuckli. «Dort haben sie einen halben Lunapark aufgestellt», sagt Kernen.

Die ersten Sonnenstrahlen tauchen das Berghotel Wiriehorn im Herzen des Skigebiets in goldenes Licht. Die Wiesen sind mit Raureif überzogen, der nun im Licht glitzert. Die Worte des Verwaltungsratspräsidenten klingen noch nach: «Schönes Wetter in der Altjahrswoche ist wie ein Sechser im Lotto – wenn es Schnee hat.» Doch nun ist am Wiriehorn alles still. Das Berghotel wirkt, als sei es im Winterschlaf. Nur die Skiständer deuten darauf hin, dass hier viel los sein sollte. Bei näherem Hinschauen wird zudem klar: Alles ist bereit. Im Fonduestübli ist der Tisch gedeckt, die Gabeln stecken im Caquelon. Es braucht nur noch Käse, gut gelaunte Gäste – und Schnee.

Der Bund