2019-05-01 23:41

Reich und besorgt

Was ist los, wenn Milliardäre nach mehr Staat rufen und den Kapitalismus schlechtreden? Sie fürchten um ihr Geld.

Kritik am Kapitalismus: Stephen Schwarzman, Eigentümer des Vermögenverwalters Blackstone. Foto: Bloomberg, Getty Images

Kritik am Kapitalismus: Stephen Schwarzman, Eigentümer des Vermögenverwalters Blackstone. Foto: Bloomberg, Getty Images

Haben sie Fieber, diese Milliardäre? Amerikanische Geldmänner wie Ray Dalio (Gründer des Hedgefonds ­Bridgewater, über 18 Milliarden Dollar Vermögen), Stephen Schwarzman (Eigentümer des Vermögensverwalters Blackstone, rund 13 Milliarden Dollar) oder Jamie Dimon (Direktor von J.P. Morgan, gut 1 Milliarde Dollar) üben sich gerade in einer klassisch linken Disziplin, der Kapitalismuskritik. Der Kapitalismus drohe zu scheitern, sagen sie in Interviews. Zu extrem geworden sei er, zu viele Arme schaffe er – eine Gefahr für die USA.

Welch ein Wandel. Bis vor kurzem priesen solche Männer den freien Markt mit all seinen Härten. Schwarzman sagte einst über sein Geschäft: «Ich will Krieg, keine Scharmützel.»

Nicht nur amerikanische Kapitalisten bemängeln plötzlich jenes System, dem sie so viel zu verdanken haben. In einem TA-Interview vom letzten Dezember empfahl Philipp Hildebrand (Vize beim Hedgefonds Blackrock, mehrere Millionen Dollar Lohn im Jahr), über die Festtage Karl Marx zu lesen. Marx habe die heutigen Probleme vorausgesehen. Viele Menschen schafften es nicht mehr, mit einem normalen Job Wohlstand für die nächste Generation aufzubauen, sagte Hildebrand. Wer dagegen Geld zum Anlegen habe, werde immer reicher.

Furcht um den Reichtum

Damit übernahm der frühere Chef der Schweizerischen Nationalbank die Argumentation des Ökonomen und Ungleichheitskritikers Thomas Piketty. Auch ein Blogbeitrag, den Ray Dalio kürzlich veröffentlichte, klingt ganz nach Piketty. Die reichsten 1 Prozent der USA würden mehr besitzen als die 90 ärmeren Prozent der Bevölkerung, schreibt der Milliardär. Und 40 Prozent der Amerikaner hätten Mühe, bei einem Notfall 400 Dollar aufzutreiben.

Noch nie hätten sich die «Könige des Kapitalismus» derart besorgt gezeigt um ihr System, sagte ein Ökonomieprofessor dem «Guardian». Die Ursache dafür liegt wohl in der Furcht um den eigenen Reichtum. Denn derzeit drohen zwei Szenarien, die Superreiche unbedingt vermeiden wollen: sehr viel Regulierung oder gar keine.

Seit kurzem machen linke Demokraten in den USA erfolgreich Politik mit Umverteilungsideen. Sie fordern, Einkommen ab 10 Millionen Dollar mit mindestens 70 Prozent zu besteuern. Angesehene Ökonomen unterstützen dieses Anliegen. Den Betroffenen behagt diese Stimmung gar nicht. Solcher «Sozialismus», warnte Bankdirektor Jamie Dimon, wäre eine Katastrophe für die USA.

Erfolg für die Linke

Aber so zügellos weitermachen wie in den letzten Jahrzehnten, das soll die Politik auch nicht. In diesem Fall könnten sich in den USA Verhältnisse wie in Südamerika ausbreiten, wie ein Unternehmer kürzlich prophezeite. Dort schotteten sich die Reichen in Villen ab, während die Leute draussen ums Überleben kämpften. Das mache auch den Privilegierten keinen Spass. Wie aber lässt sich verhindern, dass die USA zum erweiterten Lateinamerika werden oder zu einer zweiten Sowjetunion? Wie den Kapitalismus retten? Die US-Milliardäre wissen es. Sie schlagen sanfte staatliche Eingriffe vor, einen höheren Mindestlohn etwa, Kurse für Unausgebildete.

Manche Linke tun solche Rezepte als Versuche der Schwerreichen ab, sich möglichst schmerzlos abzusichern. Egal. Für die Linke bedeutet es so oder so einen Erfolg, wenn die Stärksten der Starken nach staatlicher Umverteilung rufen. Und dabei niemand fragt, ob sie Fieber hätten.