2015-09-16 10:25

«Konzept der Zäune ist gescheitert»

Der Flüchtlingsansturm kommt nicht überraschend und wird mit erfolglosen Konzepten bekämpft, sagt der Ex-Radiokorrespondent Alexander Gschwind.

Grenze zu: Das letze Zaunstück an der ungarisch-serbischen Grenze wird eingefügt.

Grenze zu: Das letze Zaunstück an der ungarisch-serbischen Grenze wird eingefügt.

(Bild: Keystone)

  • Markus Dütschler

    Markus Dütschler

Herr Gschwind, nach einem deutschen «Welcome»-Intermezzo werden die Zäune in Europa wieder hochgezogen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder sehen? Es erstaunt mich, dass man die Ankunft der Flüchtlingsströme so fassungslos ­bestaunt. Der Krieg in Syrien tobt seit über drei Jahren, die Flüchtlingslager im Kleinstaat Libanon und in Jordanien sind platschvoll. Es war eine Frage der Zeit, bis die Leute hier ankommen.

Die rasch verlegten Zäune in Ungarn haben ein Vorbild: die Grenzmauern in den spanischen Exklaven-Städten Ceuta und Melilla in Nordafrika. Die improvisierten Massnahmen an der ungarischen Grenze sind nichts im Vergleich zu den ausgeklügelten Grenzbefestigungen in Nordafrika mit Bewegungsmeldern und allen Schikanen. Ich war eine Zeitlang für Osteuropa zuständig, unter anderem für die DDR. Als ich den Zaun in Melilla zum ersten Mal sah, sah ich darin eine Parallele zur deutsch-deutschen Grenze und zur Situation im geteilten Berlin. Nur Selbstschussanlagen à la DDR gibt es in Melilla nicht.

Das DDR-Regime wollte verhindern, dass frustrierte Bürger ihr Heimatland in Strömen verlassen. In Ceuta und Melilla wird die «Festung Europa» vor Eindringlingen geschützt. Das ist der Zweck dieser hässlichen Bauten. Vor über zwei Jahrzehnten habe ich die Anlage in Melilla mit dem spanischen Gouverneur besichtigt. Er räumte ein, dass das Konzept scheitern werde, dass die Flüchtlinge dennoch einsickerten. Doch jetzt versucht man es bei uns wieder mit den gleichen Rezepten.

Manche Flüchtlingsströme werden medial begleitet, andere ignoriert, so etwa in der West-Sahara. Die UNO verfasst Resolution um Resolution, doch Marokko foutiert sich darum. Die Saraouis, die in Zeltstädten leben, sind die Palästinenser Nordafrikas, nur haben sie keine Lobby und die Medien berichten fast nichts. Wenn ich einmal einen Beitrag machen wollte, kam rasch die Frage: Ist das wirklich ein Thema?

Ein grosses Thema war der Arabische Frühling. Die Euphorie ist rasch verflogen. Tatsächlich hat diese Bewegung grosse Hoffnungen geweckt. Ich machte mich beim Radio unbeliebt, wenn ich sagte, wenn Muammar al-Ghadhafi stürze, bekämen wir ein Riesenproblem. Der Mann war wirklich kein Sympathieträger und hat beispielsweise Italien mit der Drohung erpresst, alle Flüchtlinge ungehindert durchmarschieren zu lassen. Aber es war immerhin möglich, mit ihm Deals auszuhandeln, die er auf seiner Seite auch durchsetzte. Heute sind die Waffen aus seinen Zeughäusern verstreut in Mali, im Niger und anderswo. Die Ordnung ist zusammengebrochen.

Schwer verständlich ist, dass arabisch-muslimische Flüchtlinge auf der arabischen Halbinsel keine Aufnahme finden – mit der Begründung, es seien Terroristen. Der Islamische Staat IS ist im Grunde eine Kreatur der reichen Golfstaaten, zuvorderst von Katar. Zudem haben Journalisten des Senders Al Jazeera, ebenfalls von Katar finanziert, Öl ins Feuer gegossen. Die zum Teil basis­demokratischen und breit abgestützten Bewegungen des Arabischen Frühlings wurden instrumentalisiert und radikalisiert, so etwa in Tunesien.

Nun kommen auch viele junge Leute aus Libyen oder aus Tunesien nach Europa. Wie sollen wir mit ihnen umgehen? Ich habe kein Patentrezept. Ich bin aber sicher, dass wir uns und den Ankommenden mit dem neutralen, verallgemeinernden Begriff Migrant keinen Gefallen tun. Es ist klar, dass wir nicht alle nehmen können. Umso wichtiger ist es, wieder klare Kriterien anzuwenden. Wer an Leib und Leben bedroht ist, darf bleiben. Doch die Hoffnung auf eine bessere materielle Existenz allein kann kein Bleibegrund sein, so hart das tönt. Diese Unterscheidung wird tabuisiert, aber man wird nicht darum herumkommen.

Sie kamen selbst einmal mit dem Terrorismus in Berührung, wenn auch nur scheinbar. Als Korrespondent in Spanien erhielt ich ein dickes Couvert mit einem kaum lesbaren Absender auf Baskisch. Der Pöstler witzelte, vielleicht sei es eine Briefbombe der baskischen Befreiungsfront ETA, wie sie oft verschickt wurden. Ich bekam es mit der Angst zu tun und rief die Guardia Civil. Diese holte das Päckli ab und schoss aus der Distanz. Nichts ­explodierte, und ich bekam das durchlöcherte Päckli zurück. Es war lediglich der für mich völlig uninteressante Budgetentwurf der baskischen Regionalregierung, den mir vermutlich ein übereifriger Pressebeauftragter geschickt hatte.

Weshalb erscheint Ihr Buch ausgerechnet im Blaukreuz-Verlag? Der Verlagsleiter bekniete mich seit langem einmal ein Buch über meine Korrespondententätigkeit zu verfassen. Was ich nun, nach einer Verschnaufpause nach der Pensionierung, auch getan habe. Es ist ein Lesebuch zu Themen auf der Iberischen Halbinsel und im Maghreb, aber keine Autobiografie. Mit dem Blaukreuz habe ich selbst gar nichts zu tun. Das merkt man auch an den Stellen, wo es heisst, ich hätte mit Informanten etwas bei einem Glas Bier oder Wein besprochen. Das kam sehr häufig vor.

Alexander Gschwind: Diesseits und jenseits von Gibraltar. Als Korrespondent unter­wegs in Spanien, Portugal und Nordafrika. Der Autor liest am Mittwoch um 19.30 Uhr in der LibRomania an der Länggassstrasse 12 in Bern aus dem Buch.

Der Bund

Alexander Gschwind, geboren 1950, von 1985 bis 1997 Iberien- und Maghreb-Korrespondent von Radio DRS.
Alexander Gschwind, geboren 1950, von 1985 bis 1997 Iberien- und Maghreb-Korrespondent von Radio DRS.(Bild: zvg)